Bild: Lea Kramer

Es ist 16.59 Uhr, da kommt die Facebook-Nachricht von Yousef: "Ich bin da." In einem olivfarbenen Parka wartet er vor dem Café, in dem wir zu unserem Treffen verabredet sind. Als ich fünf Minuten später von der U-Bahn angerannt komme, öffnet er die Tür, damit ich zuerst durchgehen kann.

Wir setzen uns und bestellen Kaffee. "In Damaskus schmeckt er sehr bitter, meistens geben wir etwas Kardamom hinein", sagt er. Yousef ist 25 Jahre alt. Vor zweieinhalb Jahren ist er mit seinem kleinen Bruder aus Syrien nach Deutschland gekommen.

In seiner Heimat hat er ein Studium begonnen. Er wollte Ingenieur werden, der Krieg kam dazwischen

Yousef ist über die Türkei nach München geflohen. 

Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

Inzwischen wohnt er dort mit seinem 14-jährigen Bruder in einer kleinen Wohnung. Der geht zur Schule, Yousef sucht einen Ausbildungsplatz. Er will Bauzeichner werden. 

Er erzählt das ohne Bedauern. Im Gegenteil: Yousef will die Dinge positiv sehen. Deshalb fällt es ihm schwer, Deutschlands Eigenarten herauszustellen. Etwas findet er aber doch seltsam: 

Ihr Deutschen macht für alles einen Termin aus – egal, ob in der Arbeit, mit Kollegen oder in der Freizeit. Wenn ich mich in Syrien mit einem Freund treffen wollte, dann habe ich ihn angerufen und gefragt: "Hey, was machst du gerade?" So spontan kann ich viel mehr Leute treffen. Hier in Deutschland klappt das alles nicht. Warum macht ihr das so?
Wir haben Susanne Kilian, Dolmetscherin und Autorin vom Buch "German Code", gefragt: Warum sind wir so fixiert auf unseren Kalender? 

Über viele Jahrhunderte haben sich Effizienz und Pünktlichkeit als Überlebensstrategien und damit als echte Werte der deutschen Gesellschaft etabliert. Es war und ist uns wichtig, nichts "zu verschwenden", Ressourcen zielgerichtet einzusetzen und Aufgaben in der abgesprochenen Zeit erledigen. Nicht nur Materielles, auch Zeit verstehen wir als kostbare, vergängliche Ressource, die wir möglichst sinnvoll nutzen möchten.

Susanne Kilian

Deshalb kann Unpünktlichkeit für viele von uns schnell verletzend sein. Wenn ich jemanden warten lasse, verfüge ich über dessen Zeit. Verspätung wird als "hier greift jemand in mein Zeitmanagement ein" verstanden.

Lass uns Freunde werden!

Das klingt so, als könne jemand anderes mir meine Zeit geradezu wegnehmen - obwohl ich sie natürlich eigentlich trotzdem erlebe.

Genau! Wenn wir Freunden einen Platz in unserem Kalender einräumen, ist das ein Zeichen unserer Wertschätzung, denn es kommuniziert: Du bist mir so wichtig, dass ich Dich bei meiner Planung berücksichtige.

Die Verabredung ist also ein deutsches Kompliment?

So könnte man das verstehen. Die meisten von uns wachsen mit Terminabsprachen auf: In meiner Familie lag neben dem Telefon ein Kalender, in dem wir alle unsere Verabredungen eintrugen. 

Das wirkt für Menschen aus vielen anderen Ländern mühsam. Aber auch für sie gibt es Hoffnung! Ich habe eben einen Freund gefragt: "Hast Du heute spontan Zeit?" Er ist ein großer Planer und oft auf Wochen im Voraus ausgebucht. Über meinen Anruf hat er sich sehr gefreut und fand Zeit, mich heute Nachmittag auf einen Kaffee zu treffen – einfach so. 

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Es kann also helfen, es einfach trotzdem zu machen – denn das Kompliment, dass jemand mit uns Zeit verbringen will, ganz spontan, das freut ja auch uns Deutsche, trotz Terminkalender! 

Susanne Kilian ist Uno-Dolmetscherin, Autorin & Trainerin. Sie hat den "International Code" und den "German Code - how to better understand Germans" entwickelt www.susanne-kilian.com

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