Bild: Ben Maier
Was geht, Deutschland?

Zeyneps Stimme ist laut. Sie redet schnell, zwischendurch stoppt sie sich aber, um über die richtige Formulierung nachzudenken. Keine ihre Antworten soll unüberlegt sein. Auch wenn ihr Deutsch gut ist, spricht sie am liebsten auf Englisch. 

Die 23-Jährige erzählt von ihrem Leben in der Türkei, einem Auslandsjahr in den USA und den zahlreichen Eindrücken, die sie zurzeit in Deutschland aufsaugt.

Zeynep ist in Istanbul geboren und aufgewachsen und hat dort Englische Literatur studiert. Seit September 2017 lebt sie in Hamburg. Hier absolviert Zeynep über ein Programm der Europäischen Kommission einen freiwilligen Dienst bei einer Stiftung für interkulturellen Austausch. 

Mittlerweile wohnt Zeynep in ihrer zweiten WG im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Sie fühlt sich wohl. Die Stadt und das Land gefallen ihr gut. Auf eine Sache sei sie jedoch nicht vorbereitet gewesen: Die deutsche WG-Kultur. 

Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

"Aus der Türkei kenne ich es, dass junge Menschen lange bei ihren Eltern wohnen. Bei uns ist das Familienband sehr eng. Du erzählst deinen Eltern viel von deinem Leben. Das wird irgendwie erwartet und wir sind auch stolz auf diese Beziehung", erklärt Zeynep. 

Diese Vertrautheit, das viele Zusammensein, sei auch außerhalb der Familie wichtig. Zeynep und ihre türkischen Freunde machen alles zusammen. In der Türkei sei in jeder Wohnung das Wohnzimmer der Mittelpunkt.  Zurückziehen würde man sich selten. Auch in Wohngemeinschaften sei das nicht anders. In Deutschland aber schon:

"Meine deutschen Freunde respektieren viel eher meinen persönlichen Raum".
Zeynep

Das sei eine neue Erfahrung für sie. Aus ihrer Heimat sei sie es schließlich nicht gewohnt, die Zimmertür hinter sich zu schließen. "Mein Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe ist nicht so groß wie das meiner deutschen Freunde."

Die Deutschen, stellt Zeynep fest, sind gerne alleine. Warum ist das so? 

Das haben wir Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba gefragt. Er forscht am Institut für europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Alltag und Kultur in der europäischen Moderne und nationale und ethnische Identitäten

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba(Bild: Tom Oettle)

Herr Kaschuba, warum sind die Deutschen so gerne allein? 

Die ersten Beispiele für den deutschen Hang zum Alleinsein gab es schon im 18. und 19. Jahrhundert. In den Epochen der Aufklärung und Romantik wurde das Individuum in den Mittelpunkt gerückt.

Figuren der deutschen Literatur haben die Vorstellung der Deutschen geprägt: Schriftsteller wie Goethe und Thomas Mann machten in ihren Werken die Einzelgänger zu Helden

Männer, die gegen den Strom schwammen und Reisende, die alleine fremde Länder entdeckten. Solche Figuren beeinflussten die öffentliche Meinung positiv.
Diese "heroische Einsamkeit" des strahlenden oder auch scheiternden Helden zieht sich als vielfältig variiertes Motiv durch deutsche Lyrik und Literatur. Das bewusste Alleinsein hat also auch eine literarische Vorprägung.

Immer mehr Menschen wollten sich auch unabhängig von gesellschaftlichen Normen machen. Wer sich zurückzog, suchte die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich – und galt nicht sofort als Eigenbrötler. 

Ein bewusster Rückzug ins Private fand dann in den 50er und 60er Jahren im Nachkriegsdeutschland statt. 

Nachdem die Männer der Familie lange im Krieg gewesen waren, lebten Familien danach im engsten privaten Kreise

Dazu kamen lange Arbeitstage, an deren Ende die Menschen einfach nur ihre Ruhe wollten. Viele zogen sich in ihr Haus zurück. Arbeit in Haus und Garten, die Tageszeitung und das Radio bildeten das Zentrum der Freizeit. Familien blieben unter sich

Durch die immer stärkere Urbanisierung in Deutschland bröckelten dann aber auch diese Familiengefüge. Großfamilien zerbrachen in Kleinfamilien. Das Zusammenleben wurde noch intimer und privater. 

Und wie sieht es heute in Deutschland aus?

Bis heute zieht es die Leute in die Städte. Hier erlebt man einen ständigen Wechsel zwischen Anonymität und Gemeinschaft

Die eigene Autonomie scheint für viele junge Leute aber ein wichtiges Ziel im Leben. Oft bedeutet sie "absolute Freiheit“. Dazu gehört auch die Freiheit, einfach mal die Zimmertür hinter sich zu schließen.

In Deutschland wird Alleinsein nach wie vor nicht als bedrohlich und unfreundlich wahrgenommen, sondern es erscheint bis heute durchaus legitim und erstrebenswert – wahrscheinlich hat das immer noch viel damit zu tun, wie sich das "bürgerliche Individuum" in Deutschland früher wahrnahm. 

Bei all diesen Annahmen pauschalisieren wir natürlich. Wir sprechen immer von einer kulturellen Prägung, die auch immer unterschiedlich wahrgenommen wird. Zeynep ist unsere Freude am Alleinsein wahrscheinlich deshalb besonders aufgefallen, weil sie aus ihrer Kultur das genaue Gegenteil gewohnt ist. 


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