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Regelmäßig beschweren sich Sprachwissenschaftler (Zeit Online), Journalistinnen (FAZ), Umfragen (HR) und meine ehemalige Oberstufen-Deutsch-Leistungskurs-Lehrerin, dass soziale Medien unsere Grammatik kaputt machen.

Klar, wenn man schnell noch dem Mitbewohner eine wütende Nachricht über den Geschirrberg in der Spüle schickt oder einer Freundin auf dem Klo den Zwischenstand des Dates durchgibt, achtet man nicht besonders auf Zeichensetzung.

Aber: Wissenschaftler haben längst begonnen, unsere flüchtigen Whatsapp-Chats als Forschungsfeld ernst zu nehmen. Sie sagen:

Von wegen Sprach-Anarchie – wir haben mit unseren Whatsapp-Chats eine neue, informelle Grammatik erfunden. Darauf drei Ausrufezeichen!!! 

Der Hamburger Professor Jannis Androutsopoulos hat gemeinsam mit seinem Doktoranden Florian Busch mehr als 10.000 Nachrichten untersucht (Süddeutsche). Sein Fokus: unser Umgang mit Satzzeichen.

In der Schule wurde unsere Generation durch Rechtschreibreformen gequält, bis weder wir noch unsere Eltern oder Lehrer Kommata nach Gefühl setzen konnten. Also haben wir die Interpunktion gekapert und unsere eigenen Regeln gemacht.

Wo Deutsche welche Striche und Punkte setzen dürfen, entscheidet eigentlich ein Gremium namens "Rechtschreibrat", das bereits zu drei Vierteln ergraut ist (Rechtschreibrat). Die informelle Interpunktion entsteht dagegen in privaten Whatsapp-Chats. Im Gespräch.

Aber nach welchen Regeln funktioniert die neue, informelle Interpunktion auf Whatsapp und Co – und was sagt das über uns aus? Diese sieben Erkenntnisse erklären unsere Kommunikation. 

1 Wir benutzen Interpunktion, um Gefühle auszudrücken.

Der eigentliche Zweck von Interpunktion ist, lange Texte zu strukturieren. Wo ist ein Gedanke zu Ende? Und welcher Gedanke ist nur ein untergeordneter Einschub (oder erklärt, dass ich diese Informationen aus einem Interview der Süddeutschen Zeitung zitiere)?

Auf WhatsApp dagegen geht es um Interaktion: Wir wollen Antworten provozieren und unsere Gefühle ausdrücken. Das ergibt Sinn: Wir müssen nicht mehr telefonieren (bento), denn wir haben gelernt, unsere Gefühle auch schriftlich auszudrücken, in komplexen Satzzeichen-Kombinationen und Emoji-Ketten.

2 Und es funktioniert: Wir verstehen uns.

  • Wenn das Date zurückschreibt: "Gerne wieder" und nicht "Gerne wieder!", weiß man, dass die Sache eigentlich gelaufen ist.
  • Wer auf eine wütende Nachricht mit "......." antwortet, hat gerade auf passiv-aggressive Art gesagt, dass ihm die Vorwürfe egal sind.
  • "?!" drückt eine Mischung aus Unglauben und Überraschung aus.
  • Und ein "!!!!1!!1!!" ist eindeutig nur ironisch-gespielte Aufregung.

3 Whatsapp ist gesprochene Sprache verschriftlicht.

Die Linguistin Christa Dürscheid sagt, unser Schreiben ist "konzeptionell mündlich". Das heißt: Wir schreiben, wie wir sprechen. Inklusive Umgangssprache, Dialekten und Flüchtigkeitsfehlern. (Universität Zürich)

4 Wir lieben Satzzeichen!

Noch vor ein paar Jahren haben wir Satzzeichen weggelassen, um Zeit beim Tippen (und Geld für die SMS) zu sparen ("Bisspäter"). Heute verwenden wir sie inflationär. Das gilt für "!!!!" genau so wie für "....." . Aber auch das unterschätzteste aller Zeichen, das Leerzeichen, findet neue Verwendung: in Substantiven, die eigentlich zusammengesetzt würden ("Avocado Sandwich") – weil die Autokorrekur nicht erkennt. (Universität Zürich)

Übrigens: Die meisten Wut-Ausrufezeichen-Wiederholungen sind gar nicht endlos. Sie bewegen sich in der Regel zwischen drei und fünf Stück. Und Punkte-Ketten stehen nicht nur für einen noch nicht beendeten Gedanken. Sie funktionieren auch als eine Art Nachrichtenjoker, wenn uns keine Antwort einfällt. (Sueddeutsche)

Dass sich unsere Art, Satzzeichen zu verwenden, durchgesetzt hat, ist übrigens gar nicht so selbstverständlich.

Vor uns ist schon mancher an der Interpunktions-Revolution gescheitert. Martin K. Speckter erfand vor 50 Jahren das "Fragerufzeichen": ‽ (Economist). Eine Kombination aus ? und !. Es ist noch immer in manchen Schriftarten verfügbar und kann ins Smartphone programmiert werden – ist aber definitiv eine Seltenheit im Sprachgebrauch. Durchgesetzt hat sich die Kombi-Variante: "Das hat er gesagt?!". Noch mehr nützliche Erfindungen, die nicht überlebt haben: Das latent besserwisserische Ironiezeichen ⸮ und ein passiv-aggressives Sarkasmuszeichen, das sogar unter Copyright steht. (Guardian

5 Punkte wurden ausrangiert – und andere Zeichen wiederbelebt.

Die Linguistin Christa Dürscheid hat 750.000 Whatsapp-Nachrichten nach dem wichtigsten Satzzeichen durchkämmt: dem Punkt. Die Nachrichten waren der Uni Zürich nach einem Aufruf zu Forschungszwecken gespendet worden. Dürscheid sagt: Eigentlich beenden Punkte einen Satz. Das ist auf Whatsapp aber natürlich gar nicht nötig: Wann eine Nachricht endet, ist ja offentsichtlich.

Das hat dazu geführt, dass wir Nachrichten, die mit einem Punkt enden, sogar weniger Ernst nehmen (Paper). Oft werde heute aber ein Emoji statt eines Punkts gesetzt.

Der Punkt ist tot. Andere Zeichen haben haben wir wiederbelebt: So ist aus dem völlig nutzlosen ^ ein freundlich lachendes ^^ geworden.

6 Emojis sind unsere neuen Satzzeichen.

Auch das hat die Schweizer Forscherin herausgefunden. In den Schweizer Whatsapp-Datenbank mit 750.000 Nachrichten steckten etwa 350.000 Emojis. Ihre Funktion ist klar: Sie sollen schnell, direkt und verständlich sein.

Aber sie erlauben auch Ironie ("Ich bin heute krank 🤒" versus "Ich bin heute krank 😉"). Wir debattieren so leidenschaftlich über ihre korrekte Verwendung, wie andere über die richtige Setzung des Semikolons (bento). Und wer in seinen Nachrichten Emojis benutzt, ist uns gleich viel sympathischer (Studie). 

7 Diese Grammatik macht uns Spaß

Zeichensetzung ist für uns kein strenger Regelkodex von Grammatiknerds – sondern ein kreatives Feld der Sprache. Zu den 2.623 Emojis, die derzeit im Unicode-Zeichensatz gelistet sind, kommen alle zwei Jahre einige Neue dazu. Mehr als 200 000 Wünsche von Usern warten derzeit auf eine Entscheidung des Konsortiums.

Wahrscheinlich deutlich mehr als Kommaregel-Wünsche an den Rechtschreibrat gerichtet werden.

Bis in Hausarbeiten statt Kommafehlern Emoji-Fehler angestrichen werden, dauert es sicher noch. Trotzdem hat die informelle Grammatik schon eines der Altherren-Gremien erreicht, die über die korrekte deutsche Syntax wachen. In Form dieser Frage:


Fühlen

Sofía aus Mexiko fragt: Warum gründen Deutsche so viele Vereine?

Sofía lebt seit einigen Monaten in Hamburg. Geboren und aufgewachsen ist sie in Mexiko-Stadt. Dort machte sie deutsches Abitur, deshalb beherrscht sie die Sprache fast perfekt. In ihrem Freiwilligendienst in Hamburg kümmert sie sich um junge Austauschstudierende aus aller Welt. Der Job gefällt ihr, auch in ihrer Gastfamilie fühlt sie sich wohl. 

Trotzdem gibt es Dinge in Deutschland, die für Sofía nur schwer zu verstehen sind: die vielen Fahrräder auf den Straßen, der Perfektionismus der Menschen, das ständige Pochen auf Pünktlichkeit. "Da sind wir Mexikaner etwas entspannter", sagt sie. Eine Sache findet sie besonders seltsam: die vielen Vereine. "Das ist einfach verrückt. Ihr habt wirklich für alles Vereine – sogar fürs Kaninchenzüchten", sagt sie.