Bild: Andrik Langfield/Unsplash
Abgezählte Kartoffeln: Die Deutschen und ihre Gastfreundschaft.

Oft wird über die vermeintliche Engstirnigkeit der Deutschen gescherzt: Wie übergenau und viel zu gewissenhaft sie alles planen oder organisieren würden. Jeder Euro werde zurückgegeben, jede Kartoffel abgezählt. Im Ausland gelten Deutsche als penibel, berechnend, geizig – und damit als nicht gastfreundlich.

Was vielen Menschen ohne Migrationshintergrund meist schon gar nicht mehr auffällt, sehen Menschen mit Migrationshintergrund dafür oft umso deutlicher. Und so haben einige von ihnen bei Twitter gerade Erfahrungen zusammengetragen, die sie in der Kindheit mit deutscher Gastfreundschaft – oder eher dem Gegenteil davon – gemacht haben.

Sie zitieren Sätze wie "Wir essen jetzt, du musst gehen" oder "Du kannst solange im Kinderzimmer warten", wenn es Essenszeit wurde bei der Familie, bei der sie zu Gast waren. Zum Mitessen eingeladen werden? Das gab es früher bei ihren weißen deutschen Freunden offenbar nicht – ganz anders, als sie es von Zuhause kannten.

Sind Deutsche nicht gastfreundlich?

Die Journalistin Anna Aridzanjan von "BuzzFeedGermany" hat solche Situationen als Kind selbst erlebt:

Am Telefon erzählt Anna Aridzanjan mehr davon. 

Sie erinnert sich an Verabredungen mit der Schulfreundin, bei denen sie allein im Zimmer warten musste, während die Familie gegessen habe. Die Zeit habe sie sich zum Beispiel mit einem Buch vertrieben. Im ganzen Haus roch es nach Essen und sie bekam Hunger. Aber sagen mochte sie nichts.

"Ich habe gelernt, dass es einen Unterschied zwischen Essenskulturen gibt", sagt sie. In ihrer armenischen Familie könne man sich nicht vorstellen, einen Gast nicht zu verköstigen. Ihre Mutter habe stets alle überredet, noch zum Abendessen zu bleiben, immer sei ein Nachschlag angeboten worden. Viele Deutsche dagegen würden eher befürchten, es gäbe nicht genug Essen, mutmaßt sie. Als ob es nicht für alle reiche. 

Ähnliches beschreibt auch Hengameh Yaghoobifarah in der "taz": Auch sie habe oft im Kinderzimmer ihrer deutschen Freunde warten müssen, während die Familie gegessen habe. Unvorstellbar für ihre Verwandten.

Die unterschiedlichen Vorstellungen von Gastfreundschaft und Essenskultur werden hier ganz deutlich.

Aber was steckt dahinter?

Anna Aridzanjan haben einige Menschen bei Twitter geantwortet, dass es auch mit der privaten Familienzeit zusammenhänge. Deutsche Familien würden besonders das Abendessen lieber in der Kernfamilie abhalten. Sie würden sich nach der Arbeit gehen lassen wollen, sie selbst sein. 

Einige wollten eine gemeinsame Mahlzeit vielleicht auch planen und organsieren, damit wirklich alle satt würden. Aridzanjan findet jedoch, man könne in der Küche immer improvisieren. "Auch wenn das Gericht dann nicht perfekt ist."

Ich kann null nachvollziehen, ein Kind beim Essen im Kinderzimmer warten zu lassen.
Anna Aridzanjan

Es scheint sich also um einen "Culture Clash" zu handen: In einigen Ländern gehört es zum guten Ton, einzuladen. Mahlzeiten werden mit vielen Menschen zelebriert, es gibt eher zu viel als zu wenig – Essen ist ein Anlass, um in großer Runde zusammenzukommen. In Deutschland finden Mahlzeiten unter der Woche eher im kleinen Kreis statt, im Privaten. 

Das Gefühl, nicht erwünscht zu sein.

Für den Gast entsteht durch die fehlende Einladung der Eindruck, im Haus nicht willkommen zu sein. Man schäme sich, wenn man nicht mitessen dürfe und ausgeschlossen werde, weiß Aridzanjan. "Es war wie Ablehnung oder Strafe. Was habe ich falsch gemacht? Warum darf ich nicht Teil sein?" Sie habe den Grund bei sich gesucht.    

Für mich war es unangenehm.
Anna Aridzanjan

Im eigenen Zuhause war es Anna Aridzanjan dann peinlich, zu äußern, dass sie noch hungrig sei. "Meine Eltern hätten es nicht verstanden", sagt sie. Deshalb habe sie an solchen Tagen weniger gegessen und sei hungrig ins Bett gegangen. Sie wollte nicht zugeben, dass sie bei ihren Freundinnen nichts zu Essen bekommen hatte. Ihre Eltern sollten nicht schlecht über andere denken.

Also verabredete sie sich fortan nur noch außerhalb der Mahlzeiten.

Natürlich gibt es auch deutsche Familien, bei denen es anders ist. 

Und nicht immer sind alle einer Meinung. Die unterschiedlichen Vorstellungen zum Essen können sogar einen Familienstreit auslösen:

"Auf Twitter hat mir eine Userin erzählt, dass sie das aus ihrer Familie kennt – und dann hätte sie sich damals gegen ihre Mutter aufgelehnt und mit ihr gestritten", erzählt Aridzanjan. Sie habe sich geschworen, es später anders zu machen. Solche Gegenstrategien wurden öfter geäußert:

Aber im Urlaub ...

Was Aridzanjan komisch findet: "Im Urlaub schwärmen die Deutschen immer von der Gastfreundlichkeit anderer Kulturen." Sie frage sich dann, warum sie es nicht einfach zu Hause übernähmen. Gastfreundschaft sei schließlich etwas beidseitiges.

Hinweis: In einer früheren Version des Textes war von "weißen Deutschen" in Abgrenzung zu Menschen mit Migrationshintergrund die Rede. Das erweckte den Eindruck, es ginge unter anderem um die Hautfarbe – das ist nicht der Fall. Viele Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind weiß. Wir bitten, die Formulierung zu entschuldigen. 

Wir haben zwei eingebettete Tweets entfernt, weil ihre Urheber deutlich gemacht haben, dass sie nicht auf bento.de erscheinen wollen. 


Gerechtigkeit

Enteignung? Warum 100 Prozent Erbschaftsteuer besser wären - ein Plädoyer
Und warum Chancengleichheit nicht nur ein sozialer, sondern auch ein zutiefst liberaler Gedanke ist.

Chancengleichheit und Gerechtigkeit sind große Worte. Politikerinnen und Politiker verwenden sie gerne, wenn sie als besonders fair und verständnisvoll rüberkommen wollen, fast im gleichen Atemzug aber Umverteilung gegen Armut ablehnen. 

Die FDP etwa forderte in der Vergangenheit "Chancengerechtigkeit statt Umverteilung", Parteichef Christian Lindner sagte: "Die Ungleichheit in Deutschland, die mich beschwert, das ist die Ungleichheit der Chancen. Die eigentliche soziale Frage ist deshalb die Bildung." (FR

Wichtig sei doch, dass alle die gleichen Chancen hätten, heißt es in solchen Reden immer. Chancen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe. Was Menschen dann daraus machten, das sei ja ihnen überlassen. In Deutschland gebe es gute Schulen, solide Krankenversicherung und im internationalen Vergleich günstige Unis für jeden. 

Und es stimmt: Die Ausgangslage ist prinzipiell gut. 

Nach oben schaffen es trotzdem wenige. 

Denn die größten Faktoren für Chancenungleichheit und Ungerechtigkeit sind solche, die Individuen nicht beeinflussen können: 

  • Unser Wirtschaftssystem, das im Sinne des Wachstums oft entweder Produkte teurer macht oder an Löhnen oder Arbeitsplätzen spart. Oder alles zusammen.  
  • Die damit verbundenen, steigenden Lebenshaltungskosten, die heute selbst für Menschen mit Hochschulbildung immer stärker das Sparen unmöglich machen. (bento)
  • Und vor allem: Einkommen und Besitz der Eltern. 

Sozialer Aufstieg, Wohlstand, Wohneigentum – das sind Träume, die immer weniger Menschen zur Realität machen können. 

Der Wohlstand ist in Deutschland nicht weniger geworden, er wurde nur schlecht verteilt. Der Umverteilungsbericht des DGB von 2018 zeigt: Die reichsten zehn Prozent der Deutschen kontrollieren zwei Drittel des gesamten Nettovermögens, das oberste Prozent allein die Hälfte davon. (bento) Das restliche Drittel des Nettovermögens müssen sich die anderen 72.000.000 Deutschen teilen. 

Wer wenig Einkommen hat, kann wegen der steigenden Kosten naturgemäß nichts zurücklegen. Miete und Schuldzins dezimieren das Gehalt schon lange vor Monatsende. Die Schere zwischen Arm und Reich geht hierzulande daher immer weiter auf, trotz des vergangenen "goldenen Jahrzehnts" der Wirtschaft. Etwa 13 Millionen Deutsche sind laut Paritätischem Wohlfahrtsverband extrem armutsgefährdet. (SPIEGEL ONLINE) Gerade junge Menschen werden aktuell aus der Mittelschicht nach unten gedrängt. (bento

Anders ist es, wenn man reiche Eltern hatte. 

Stefan Quandt und Susanne Klatten etwa, beide Großaktionäre bei BMW, haben 2018 in jeder halben Stunde mehr verdient, als ein Polizist im ganzen Jahr bekommt. (taz) Nur, dass sie sich im Gegenzug zu den Beamten dafür nicht mit Steinen von Kapitalismuskritikern bewerfen lassen mussten – sondern einfach die richtigen Eltern hatten. Sie haben geerbt. 

Manche würden sagen, sie lassen nun "ihr Geld für sich arbeiten". Das ist aber falsch. Sie lassen andere für sich arbeiten, die weniger Geld haben: Aus ihrem Aktienpaket entsteht ohne jegliche Arbeit Einkommen, das andere – mit weniger Besitz – durch deren Arbeit für das Unternehmen erwirtschaften. 

Man kann, so wie Juso-Chef Kevin Kühnert aktuell, die Fairness dieser Praxis in Frage stellen. (bento)