Bild: Christoph Soeder/dpa
Folge zwei der Kolumne "Beim Schrottwichteln schenk' ich dir mein Leben".

Ich sag’s, wie’s ist: Ich fahre gerne Bahn. Und ich weiß, wovon ich rede: Nicht nur, dass ich seit zwei Jahren jeden Tag auf dem Weg zur Uni auf die Deutsche Bahn angewiesen bin – nein, ich habe auch noch das Glück, dass mein Freund am anderen Ende Deutschlands wohnt (Bayern – naja, eher Pech für ihn als für mich).

Ich finde, es wird sich einfach viel zu häufig über die Bahn aufgeregt. 

Ja, sie kommt fast immer zu spät. Ja, es fallen häufig Züge aus. Ja, bei Sturm/Schnee/Glätte/Regen/Windstärken von eineinhalb Kilometern pro Stunde kommt es zu "Einschränkungen im Bahnverkehr".

Beim Schrottwichteln schenk' ich dir mein Leben

Die 20-jährige Lena erzählt auf Twitter als "Lena blauer Haken" von ihrem selbstempfundenen Loser-Dasein. Im echten Leben studiert sie in Bielefeld und kämpft damit, Texte zu lesen, die länger als 280 Zeichen sind. Hier erzählt sie aus ihrem Alltag voller Pfandflaschen, unangenehmer Familiengespräche und davon, wie man die eigenen Erwartungen gekonnt enttäuscht.

Aber ich sehe das positiv: Ich verpasse meinen Anschluss und würde zehn Minuten zu spät zur Vorlesung kommen? Dann lohnt es sich ja nicht mehr – freier Dienstag für Lena! Im Winter habe ich deshalb viel Freizeit. Und schlechtere Noten, aber das ist ein anderes Thema.

Die Fahrt zu meinem Freund dauert statt vier Stunden sechseinhalb? Mehr Zeit für Vorfreude! Ich genieße es viel mehr, endlich bei ihm zu sein, wenn ich bereits vollkommen ausgehungert ankomme, denn ich weiß, bei ihm liegt der Quell meines Verlangens: Nahrungsmittel. Wieso ich nichts im Bordbistro gegessen habe? Naja, ich möchte meinen zukünftigen Kindern in zehn Jahren finanziell etwas bieten können.

Natürlich könnte ich mich aufregen. Mache ich auch oft, bringt aber nichts. Ist auch irgendwie out und ich bin edgy genug, um eine andere Position als die meiner Mutter einzunehmen, die nur zu gerne schimpft.

Worüber aber viel zu wenig geredet wird, sind die Mitreisenden in der Bahn. Die sind das eigentliche Übel. 

Das beginnt bei der Zugverspätung. Sofort wird wütend auf die Kontrolleurinnen und Kontrolleure eingeredet. Es ist einfach eine Frechheit, wenn die sich nicht sofort selbst ans Steuer setzen und – ja was? Schneller fahren? In den ICE vor uns brettern? Die Schafherde, die auf dem Gleis steht, überfahren? Na klar, sonst ernährt man sich vegan, wegen des Tierleids. Aber wenn es darum geht, fünf Minuten zu spät in Bad Oldesloe anzukommmen, ist plötzlich alles egal.

Oder noch schlimmer: Menschen, die in der Bahn ihre Schuhe ausziehen. Was soll das?! Morgens auf dem Weg zur Uni legt die Bahn einen kurzen Weg von 45 Minuten zurück. Was bewegt einen, in dieser Dreiviertelstunde zu denken: "Jawoll, hier fühl' ich mich wohl, hier bin ich Zuhaus‘ – und Zuhause zieht man die Schuhe aus!“ 

Niemand – ich wiederhole: NIEMAND – möchte das. 

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Dieses Phänomen fällt mir nur in Regionalbahnen auf. Zu meiner besseren Hälfte (ekelhafter Ausdruck, aber ich habe im Deutsch-Leistungskurs gelernt, man soll sich nicht ständig wiederholen), fahre ich immer ICE. Letztens verschluckte ich mich an einer Salzbrezel und musste kurz husten – ich hätte schwören können, die Person mir gegenüber dachte laut: "Oh Gott, hoffentlich erstickt sie, damit es wieder still ist."

Ich habe das Gefühl, der Hass anderen Menschen gegenüber steigt proportional mit der Fahrtzeit. 

Notarzteinsatz am Gleis oder im Zug? Wie kann es jemand wagen, mit dem Leben zu kämpfen, wenn man gerade auf dem Weg ins Münchner "Vier Jahreszeiten" ist?

Es macht den Anschein, als würde ich das alles ganz locker sehen. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Es nervt auch mich, wenn der letzte Zug nach Hause ausfällt. Oder ich schon wieder ein Seminar verpasse. Aber letztlich ist es die Aufregung nicht wert – das weiß ich, wenn ich meinen Freund am Bahnsteig stehen sehe. Oder mich darüber freue, nicht die Verrückte gewesen zu sein, die ihre nackten Füße auf den Sitz gelegt hat.

Trotzdem verdrehe auch ich am Ende des Tages die Augen, wenn auf der Anzeigetafel steht: "Heute etwa 10 Minuten später". 

Einfach aus Angst, dass die wütende Meute aus Mitreisenden mich sonst als Rammbock verwendet.


Fühlen

Alles im Griff: Wie komme ich nach einer Trennung wieder klar?
Warum es so weh tut und was dagegen hilft.

Als ich das erste Mal "Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück" sah, war ich 13. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben schlimmen Liebeskummer. Ich verstand Bridget – obwohl sie siebzehn Jahre älter war als ich. Sie ertränkte ihr Leid und die Einsamkeit in Schokolade, Alkohol und viel zu vielen Zigaretten. 

Ich trank Fanta statt Alkohol, aß ebenfalls Schokolade und statt Céline Dion – wie bei Bridget – schallte Silbermond in voller Lautstärke durch das ganze Haus. Bridget und ich weinten beide ziemlich viel und fühlten uns einsam. Am Tiefpunkt angekommen kämpften wir uns dann mit Freunden aus dieser Krise heraus.