Zwei Mal pro Monat bekommt Patrik, 22, einen Brief von seinem Freund William, dem Mörder. 

William schreibt:

"Mir fehlt es, mit meinen Enkelkindern kommunizieren zu können und ich hoffe und bete, dass sie eines Tages, bevor ich gestorben bin, neugierig werden, wer ihr Großvater ist, und nach mir suchen oder mich vielleicht sogar besuchen."* 

William, 65, schickt diese Sätze aus einem US-Gefängnis in Jacksonville, Florida. Seit Jahren wartet er auf seine Hinrichtung.

Patrik wohnt in Bern in der Schweiz, er studiert Medizin, reist gerne, trifft sich mit Freunden. 

Die Leben der beiden Männer könnten kaum unterschiedlicher sein. Patriks ganzes Leben liegt vor ihm. William muss davon ausgehen, dass seines bald zu Ende ist. Er hat im Oktober 2000 eine junge Frau erschossen. Seine Frau. Er gestand die Tat – und wurde zum Tode verurteilt.

Was haben sich diese beiden Männer zu erzählen? Warum pflegt man eine Brieffreundschaft zu einem Mörder? Was macht eine solche Freundschaft mit einem selbst? 

Anfang 2016 war Patrik auf der Suche nach einem Ehrenamt. Er wollte neben dem Studium etwas Gutes tun, Menschen helfen. Er lernte gerade in der Bibliothek für die Prüfungen, als er in der Kaffeepause in einem Magazin blätterte und an einem Artikel hängen blieb: "Briefe aus dem Todestrakt". Der Text handelte vom Verein Lifespark, der Brieffreundschaften zu Todestraktinsassen in den USA vermittelt. 

Am Telefon erzählt Patrik:

Der Artikel ließ mir keine Ruhe, ich googelte den Verein am gleichen Abend, las das ganze Wochenende alles, was ich über diese Brieffreundschaften finden konnte. Mir war klar, dass jemand, der im Todestrakt sitzt, keine Kaugummis geklaut hat. Dann schrieb ich dem Verein eine Mail und meldete mich an. 

Lifespark wurde Anfang der Neunzigerjahre von drei Schweizerinnen gegründet. Das Ziel: Sie wollten sich für das Ende der Todesstrafe einsetzen. Nach einem Jahr bekam der Verein eine Art Fanbrief von einem Todeszellinsassen aus den USA – die erste Brieffreundschaft war entstanden. (Lifespark)

Der Verein vermittelte eigenen Angaben zufolge in den vergangenen 25 Jahren 1800 Brieffreundschaften. Häftlinge können sich auf eine Warteliste setzen lassen, sie erfahren meist über andere Häftlinge davon. Derzeit stehen 88 Männer auf der Warteliste.

Als Patrik sich vor drei Jahren bewarb, stand William ganz oben:

Meine größte Sorge war vor Beginn der Brieffreundschaft: Was, wenn ich mit einem bösartigen Menschen in Kontakt komme, der seine Tat nicht bereut? Gleichzeitig war ich fasziniert: Wie ist so ein Mensch, der jahrelang eingesperrt ist, kaum Kontakt zur Außenwelt hat? Kann ich für diese Person vielleicht das Fenster nach außen sein?

Seit 16 Jahren sitzt William mittlerweile im Todestrakt. Es gab mehrere Berufungsverfahren, weil die Jury in der ersten Verhandlung nicht einstimmig für seine Todesstrafe gestimmt hatte. Immer wieder keimt dann Hoffnung auf – vielleicht muss William nicht sterben? Dann wird das Urteil wieder bestätigt, Williams Hoffnung zunichte gemacht. Er hat wenig Kontakt zur Außenwelt. Aber er hat Patrik.

Patrik, 22, studiert Medizin in der Schweiz. 

Für meinen ersten Brief an William musste ich mehrmals neu ansetzen. Ich wusste nicht, was ich schreiben sollte. Also stellte ich mich einfach vor, wie ich auf den Verein und die Brieffreundschaft gekommen war, dass mich interessiert, warum er da ist, wo er ist. Und dass ich ihm vorurteilsfrei gegenübertreten will.

In seiner ersten Antwort schrieb William kein einziges Wort von seiner Tat. Nur, dass er schuldig sei, sich schuldig bekenne, alles bereue. Dann kam der zweite Brief: Auf 18 Seiten schilderte William die Tat in allen Details. Es habe einen Streit gegeben. Es sei ein Kurzschluss gewesen. 

Er hatte den Brief fast verfasst wie ein Protokoll. Mir lief ein kalter Schauer den Rücken runter, als ich die Details las. Dann folgten diese Zeilen: "Ich bin kein kaltblütiger Mörder und ich bereue zutiefst, was ich getan habe. Ich vermisse meine Frau jeden Tag."

Vielleicht waren es vor allem diese Zeilen, die eine so persönliche Brieffreundschaft erst ermöglicht haben. Patrik war erleichtert, dass William nicht stolz auf seine Tat ist. 

Wer bei Lifespark mitmachen möchte, führt mit einem Mitglied ein Vorgespräch. Dann bekommt er oder sie einen Brieffreund zugewiesen, nach sechs Monaten erkundigt sich der Verein bei neuen Mitgliedern: Wie waren die ersten Briefwechsel? 

Wer, wie Patrik, seitenlange Schilderungen einer Tat zugeschickt bekommt, ist damit erst einmal allein. Bei Lifespark liest niemand die Briefe gegen. Es ist nicht leicht, eine Brieffreundschaft zu jemanden zu führen, der Menschen getötet hat. Wer selbst psychisch instabil ist, dem könnte es schwerfallen, sich abzugrenzen. 

Der Vorstand sei aber jederzeit ansprechbar, sagt Anna-Lena Gruenagel. Wer Hilfe braucht, muss sich zwar selbstständig melden – bekommmt dann aber die Unterstützung, die er oder sie braucht. Die 40-Jährige war jahrelang Vorsitzende des Vereins und kümmert sich um die Kommunikation mit den Mitgliedern. "Probleme gibt es zwar eher selten, aber sie kommen vor", sagt sie. Zum Beispiel, wenn Häftlinge immer wieder nach Geld und Unterstützung fragen. Und dann? Im schlimmsten Fall werde der Kontakt zwischen Mitglied und Brieffreund abgebrochen, sagt Gruenagel. 

In der mittlerweile dreijährigen Brieffreundschaft gab es für Patrik nie einen Moment, in dem er den Kontakt abbrechen wollte. 

Im Gegenteil:

In seinen Briefen erzählt William wenig aus der Haft. Ich frage ihn häufig danach, lange Zeit reagierte er gar nicht darauf. Vielleicht will er für mich interessant sein und erzählt deshalb nur selten vom monotonen Gefängnisalltag, lieber von seinen Erlebnissen von früher. Wir schreiben viel über Bücher, William ist sehr belesen. 

Williams Lieblingsbuch, "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" ist Patrik zu detailverliebt. Aber er versteht, dass William genau das gefällt: In einem monotonen Alltag liegen die wichtigen Unterschiede in den Details.

Unsere Briefe sind eine andere Welt für William. Er nutzt sie, um zu fliehen. Wenn er schreibt, liest es sich wie Literatur. Einmal schrieb er mir: "Mir ist so langweilig, dass ich weinen könnte. Das sind meine schwersten Stunden hier. Ich würde so gern etwas Kreatives machen, wie früher. Ich vermisse es so sehr, meine Fähigkeiten auszuleben, dass es mir den Magen verknotet. Aber ich werde darüber hinwegkommen, wie immer, und Dinge in meinem Kopf erschaffen."

Ich bin beeindruckt davon, wie gebildet William ist. Er kennt sich aus in Politik, in Geschichte. Das ist für mich sehr bereichernd. William hat immerhin mehr als doppelt solange wie ich ein Leben in Freiheit verbracht – ich kann viel von ihm lernen. Ich erzähle ihm deshalb gerne von mir, von meinen Freundschaften und Problemen. 

Es klingt komisch, aber dass William in Haft ist, vielleicht hingerichtet wird, das alles beeinflusst unsere Freundschaft kaum. Der wesentliche Unterschied zwischen meinen Kumpels hier und William ist geographischer Natur, und die Tatsache, dass wir die freundschaftliche Beziehung vor allem schriftlich leben. Den Altersunterschied empfinde ich eher als Bereicherung, und William auch. Er schrieb einmal: "Die Geschichten aus deinem Leben halten mich frisch." 

Aber natürlich ist es für mich manchmal schwer zu begreifen, dass William die Hinrichtung droht. Zu Beginn unserer Freundschaft mied ich deshalb Worte wie "Todestrakt" und "Hinrichtung" in den Briefen. Mittlerweile schreibe ich die Begriffe ab und zu, auch wenn es unangenehm ist. Aber ich weiß: Es ist die Realität. 

Patrik und William bei seinem Besuch 2017. 

Patrik finanziert die Brieffreundschaft mit William, so haben die beiden es abgemacht. Patrik wollte das so. Also schickt er William kleinere Beiträge, damit der Briefmarken und Papier kaufen kann. Einmal sagte William Patrik, er brauche neue Schuhe, weil die alten kaputt seien. Ob Patrik ihm Geld schicken könne? Tat er. Ansonsten habe William nie nach Geld gefragt, sagt Patrik. 

Aber er ahnt, dass es in Williams Leben eine Rolle spielt:

Ich habe Kontakt zu Williams Schwester. Sie erzählte mir, dass William ihr gegenüber häufiger nach Geld frage und sie das traurig mache. Ich schrieb ihm also, dass ich den Eindruck habe, dass seine Schwester deshalb enttäuscht sei. Es war Zufall, dass ich danach etwas mehr Zeit bis zum nächsten Brief verstreichen ließ, ich hatte zu viel zu tun. William verunsicherte das sehr, er meldete sich erneut bei mir – wohl aus Angst, dass ich wegen der Sache mit seiner Schwester auf Abstand gehe. Er schrieb, ich solle lieber häufiger schreiben, als Geld schicken. Die Freundschaft zu mir bedeute ihm mehr als Geld. 

2017 plante Patrik eine längere Reise. Er überlegte, einen Zwischenstop in Florida einzulegen und William im Gefängnis zu besuchen. Die Freundschaft fand bislang nur auf dem Papier statt – William persönlich kennenzulernen, würde das Band zwischen den beiden stärken. Würde der Freundschaft noch mehr Nähe geben. Und würde den Abschied, der irgendwann droht, noch schwerer machen. Patrik buchte die Flüge trotzdem. Er, der sonst immer verschläft, wurde am Tag des Besuchs schon vor dem Wecker wach. 

Die Gefängnisumgebung war furchteinflößend. Ich stellte mich in die Reihe vor dem Eingang für die Besucher, sprach mit anderen Angehörigen. Ich passierte Schleusen und Tore. Am schlimmsten war das Gefühl, eingeschlossen zu sein. So fühlte ich mich als Besucher für wenige Stunden, wie muss es erst für Menschen wie William sein?

Als William dann in den Besucherraum kam, fiel alle Nervosität von mir ab. Er fing direkt an zu reden, ich fühlte mich sofort wohl. Ich blieb mehrere Stunden. Am nächsten Tag kam ich wieder und blieb erneut sechs Stunden. 

William habe ihm noch einmal seine Tat geschildert, erzählt Patrik. Und ihn gebeten, nie einen solchen Fehler zu machen. 

Eigentlich war mir erst nach diesem Besuch zum ersten Mal so richtig klar, dass William tatsächlich hingerichtet werden könnte. Ich fühlte mich tagelang unwohl. Ich habe mich mittlerweile etwas an den Gedanken gewöhnt, es bleibt für mich aber schwer zu begreifen. Ich versuche, nicht so häufig darüber nachzudenken. 

Patrik weiß nicht, wann seine Freundschaft zu William vorbei sein wird. Auch William weiß das nicht. Gibt es ein weiteres Berufungsverfahren? Oder wird das Urteil bald vollstreckt? Bis dahin werden die beiden wohl weiter schreiben. Patrik, 22, dessen Leben vor ihm liegt. Und William, 65, der jeden Moment damit rechnen muss, das seines endet. 

William hat sein Einverständnis gegeben, dass das Foto von ihm, Zitate aus seinen Briefen und Details aus seinem Leben veröffentlicht werden. 

*Die Zitate aus Williams Briefen haben wir aus dem Englischen übersetzt.

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Fühlen

Clubs sind keine Partnerbörse - wer beim Feiern die Liebe sucht, ist naiv

Die meisten Menschen lernen sich auf der Arbeit oder durch gemeinsame Freunde kennen. Wer aber nicht länger warten, sondern aktiven Einfluss auf sein Singledasein nehmen möchte, begibt sich eventuell ins Nachtleben. Bei guter Musik und ein paar Drinks sollte es doch immerhin um einiges leichter sein, jemanden Interessantes kennenzulernen.

Spoiler: ist es nicht! 

Clubs sind für mich der denkbar ungünstigste Ort, um jemanden kennenzulernen.

Warum? Das erzähle ich dir oben im Video!