Fritz Honka in "Der goldene Handschuh"
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Was stinkt denn hier so?

Dieser Film ist eine Qual: In der Verfilmung von "Der Goldene Handschuh" werden Mord und Totschlag in fast allen Facetten durchgespielt. 

Aber anders als im gleichnamigen Buch-Bestseller von Heinz Strunk hat Fatih Akins Leinwandadaption neben der rohen Gewalt wenig anderes zu zeigen. Ging es im Buch noch darum, eine historische Geschichte zu erzählen, dreht sich der Film fast nur noch um klebrige Suff- und Gewaltfantasien.

Der Regisseur nennt das Werk einen Horrorfilm (Trailer). Doch in Wahrheit ist "Der Goldene Handschuh" nicht gruselig, sondern vor allem ein zweistündiges Fest der Gewalt an Frauen. Wohl auch deshalb warnte Akin seine Kritikerinnen schon vor dem Start: "Frauen sollen den Film am besten gar nicht gucken" (SPIEGEL). 

Und auch, wenn diese Warnung offensichtlicher Quatsch ist, führt sie direkt zu zwei zentralen Fragen: 

Warum werden True-Crime-Geschichten so oft aus der frauenfeindlichen Perspektive der Täter erzählt? Und was sagt es über uns aus, wenn solche Erzählungen in Zeiten von #metoo immer noch zuverlässig Zuschauer vor die Leinwand locken?

Denn auf der einen Seite ist natürlich klar, warum Geschichten wie "Der Goldene Handschuh" so oft vom Mord an Frauen erzählen: Weil eben so oft Frauen von Männern ermordet werden. Und nicht umgekehrt. 

Das ist die Wirklichkeit: Im Schnitt wird in Deutschland alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner getötet. Vermutlich nur eine von 20 Vergewaltigungen wird angezeigt. Im Fernsehen sieht man davon jedoch nur Zerrbilder. Während in vielen anderen Ländern der "Femizid", der gezielte Mord an Frauen, ein bekannter Begriff ist, wird in deutschen TV-Nachrichten bis heute oft verklärend von "Familiendramen" gesprochen.

Der True-Crime-Hype könnten deshalb eine gute Gelegenheit sein, noch einmal darüber nachzudenken, woher Gewalt in unserer Gesellschaft kommt und gegen wen sie sich meist richtet. 

Doch auf der anderen Seite beginnt genau hier das Problem. Denn obwohl inzwischen vor vielen Filmen und Serien "basierend auf einer wahren Geschichte" steht, zeigen die meisten "True Crime"-Formate in Wahrheit nur eine erfundene Realtität. In der so gemordet und ermittelt wird, wie wir es gewohnt sind.

In "Der Goldene Handschuh" wird die Geschichte so erzählt, dass sie einerseits super real sein soll und andererseits eben doch nur wie ein großes Spiel wirkt. Gleich in der ersten Szene zerteilt Fritz Honka, die Hauptfigur, zu Schlagerklängen die Leiche einer frisch ermordeten Frau. Ihr Körper liegt nackt auf dem fleckigen Wohnzimmerboden, Honka schnauft und flucht besoffen, während er mit der Säge die Leiche zerlegt. Die Soundeffekte sind am Limit. Ritsch-Ratsch.

Der Mord ist wirklich passiert, auch Honka gab es. Doch die Art, wie der Film die Geschichte erzählt, macht gleich zu Beginn klar, dass er sich ausschließlich für den Blickwinkel des Täters interessiert. Später wird Honka noch Frauen mit Küchengeräten penetrieren, mit dem Kopf auf dem Fliesentisch totschlagen oder in unendlich langen Minuten auf dem Fußboden erwürgen. 

Das mag historisch richtig sein, und wird auch im Buch so erzählt, aber bei Akin ist es das einzige, was es über den Fall zu erzählen gibt.

Immer hält die Kamera drauf, als gelte es eine Mutprobe auszuhalten. Im ganzen Film gibt es keine einzige weibliche Figur, die einen vollständigen Satz sagen darf und nicht gedemütigt wird. 

Allgemein spielt die Handlung in einem seltsamen Paralleluniversum, in dem von der Heinz-Strunk-Geschichte nur noch Hamburger Kultfiguren übrig sind, es aber überhaupt keine Motive oder Erklärversuche für irgendetwas gibt. 

Vor allem die Frauen haben im Film nicht viel interessantes zu erzählen. Die meiste Zeit sitzen sie einfach wie müdes Schlachtvieh im Eck der titelgebenden Kneipe und warten auf ihre Einladung zu "Herrn Honka". Auch die Männer sind vom Leben gezeichnete Versager. Doch mit Spitznamen wie Dornkaat-Max, Nasen-Ernie oder Tampon-Günther haben sie immerhin noch "Kult-Potential" und somit Wiedererkennungswert. Immer wieder zeigt der Film neue Episoden vom Männertresen, die den Respekt des Regisseurs vor diesen Typen beweisen und zum Schmunzeln einladen. Was für Kerle!

Mit diesem halbbegeisterten Blick auf die Täter und ihr Umfeld arbeiten auch andere True-Crime-Geschichten. 

Die Netflix-Serie "Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders" zeigt gerade, dass selbst Doku-Formate Mörder zu Kultfiguren umdeuten können. 

In der Serie wird der namensgebende Serienmöder als intelligenter und charismatischer Sunnyboy gezeigt, der noch im Todestrakt junge Frauen verzauberte. Von überlebenden Opfern Bundys wird diese Darstellung zurückgewiesen, doch von ihnen ist in der fünfstündigen Reihe wenig zu hören. Die mindestens 30 Vergewaltigungen und Morde von jungen Frauen, die Bundy beging, bevor er 1989 hingerichtet wurde, wirken in der Serie dagegen fast wie eine Challenge, für die man auf eine morbide Art auch Anerkennung haben kann. Sicherlich nicht für jeden etwas – aber schon krass, wie er das hinbekommen hat. 

In den USA hat die Serie einen so großen Hype ausgelöst, dass sich Netflix sogar zu einer "Warnung" vor dem "heißen Mörder" veranlasst sah:

Auf den ersten Blick wirken die Netflix-Produktion und "Der Goldene Handschuh" wie Gegensätze. Hier der heiße College-Killer Ted Bundy, dort der im "Schmiersuff" gefangene Kneipen-Mörder Fritz Honka. Doch tatsächlich verbindet die beiden Werke vieles

Beides Mal geht es um Geschichten, die aus Sicht der Täter erzählt sind. Und hier wie dort sind die Opfer vor allem Objekte, über die man vom Kinosessel aus miturteilen kann. 

War sie hübsch? Ist sie eklig? Wie hat er das bloß gemacht? Wer sich "Der Goldene Handschuh" derzeit im Kino anschaut, kann solche getuschelten Fragen manchmal noch im Saal erleben. Offensichtlich ist das Gezeigte – bei aller Distanz zu Mord und Totschlag – ein Blickwinkel auf Frauen, der vielen Menschen vertraut ist

Und mit dieser Perspektive lässt sich, #metoo hin oder her, immer noch zuverlässig Geld verdienen. Der Film ist auf Platz fünf der deutschen Kino-Charts eingestiegen. 


Haha

Und du so? Die besten Alternativen für die typischen Small-Talk-Fragen
Aus Gründen.

Die Mittagspause mit den neuen Arbeitskollegen, die Gruppenarbeit mit den bisher noch nie gesehenen Kommilitonen oder das verkrampfte Kaffee-Date mit dem süßen Typen aus dem Supermarkt: Woher kommst du, was machst du, wie alt bist du? Okay cool, thank u, next. 

Mal im Ernst: Diese Standard-Floskeln laufen doch immer nach denselben Prinzipien ab und sind genauso einstudiert wie das interessierte Kopfnicken (Ja, ich finde Hamburg auch toll!), das nachdenkliche Stirnrunzeln (Kommunikationswissenschaften? Das klingt ja interessant!) und das freundliche Lachen (Deine Katze heißt Findus? Das ist ja lustig!). Natürlich fällt man nicht gleich mit der Tür ins Haus, wenn man mit vage bekannten oder gänzlich unbekannten Menschen redet. Fragen wie "Was hast du für ein Verhältnis zu deinen Eltern?" oder "Was ist deine Lieblingsstellung?" mögen zwar zu überraschenden Antworten und aufschlussreichen Diskussionen führen, sind für den Anfang aber vielleicht ein bisschen zu intim. Deswegen kommen hier neun Alternativen für die klassischen Smalltalk-Fragen, die dir garantiert einiges über dein Gegenüber verraten. 

 1 Mit welchem Song würdest du deine Heimatstadt beschreiben? 

Das verrät nicht nur einiges über deine Herkunft und deine Gefühle zu ihr, sondern ist auch aufschlussreich, was deinen Musikgeschmack angeht. Es ist quasi das klassische "Woher kommst du?", aber anders verpackt. Außerdem verhindert es das langweilige Ping-Pong aus Frage und Antwort, das sich anfühlt wie beim Speed-Dating. (Tipp: Berliner, die hier den Song "Schwarz zu Blau" von Peter Fox wählen, sind nicht besonders kreativ.)

2 Wenn du ein Bestandteil vom Auto wärst, welches wäre das?

Tiere und Superhelden sind ausgelutscht. Niemanden würde es wundern, wenn du gerne ein Vogel wärst oder dich wie Spiderman durch den Großstadtdschungel hangeln möchtest – weil man sich dann bestimmt "so frei fühlt". Aber das mit dem Auto ist was anderes. Lenkrad, Handbremse und Auspuff – sitzt man etwa vor einem Kontrollfreak, Spießer oder Schleimer?

3 Wen würdest du als erstes beißen, wenn du ein Zombie wärst?

Spätestens hier wird deutlich, wie euer Gegenüber tickt – beziehungsweise denkt. Strategisch (Babys können noch nicht laufen und daher niemanden verfolgen, der Schaden wäre verhätnismäßig gering), oder sehr emotional (dem Exfreund von vor drei Jahren würde der blutige Knutschfleck bestimmt stehen)? Kontrolle oder Rache? Immer wieder spannend.