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Eine Psychologin erklärt: Bin ich noch normal? Oder schon krank?

Schon das dritte Feierabendbier diese Woche? Beim Streit mit dem Mitbewohner total ausgerastet? Die Sorgen um deine Zukunft lassen dich nachts nicht einschlafen? Jeder kennt Situationen im Alltag, in denen man plötzlich innehält und sich fragt: 

Ist das eigentlich noch normal oder stimmt etwas nicht mit mir?

Die Psychologin Kristina Fisser hörte diese Fragen ständig. Während ihres Studiums verlangten ihre Bekannten permanent eine Diagnose von ihr. Sie fragten sie: Bin ich noch normal oder schon krank?

Darüber hat Fisser nun ein Buch geschrieben. Im Interview spricht die 31-Jährige darüber, was einen "kleinen Dachschaden" von einer Depression unterscheidet und woran wir merken, dass wir wirklich süchtig nach Chips sind.

In deinem Buch sprichst du von "Dachschaden". Psychische Erkrankungen sollte man aber ernst nehmen. Warum dieser Begriff?

Mir war es wichtig, den Unterschied zwischen ernsthaften Erkrankungen und den ungefährlichen, alltäglichen Macken deutlich zu machen, die jeder von uns kennt. Ich richte mich an Leute, die sich fragen, was es mit solchen Krankheiten auf sich hat.

Meine Botschaft: Nur, weil du das Aufräumen der Spülmaschine mal wieder auf morgen verschoben oder die Chipstüte komplett leer gegessen hast, bist du noch nicht psychisch krank. Natürlich kann man an solchen Macken arbeiten. Aber das muss nicht immer sein, einige Dachschäden sind ja ganz liebenswert.

Du bist 31 Jahre jung, hast erst in diesem Jahr deine eigene Praxis eröffnet und schon ein eigenes Buch geschrieben. Wie kam es dazu?

Schon während meines Studiums haben mich Freunde und Familienmitglieder um Rat gefragt. Viele wollten wissen, ob ihre Macken schon  Anzeichen einer psychischen Erkrankung sind: Das panische Checken, ob der Herd aus ist, bevor man das Haus verlässt oder die richtig schlechte Laune jeden Montagmorgen.

Mit meiner Mitbewohnerin Carina, die als freie Autorin arbeitet, kam mir die Idee, mein Wissen mit anderen zu teilen.

Kristina Fisser: "Es ist ganz normal, an sich zu zweifeln, manchmal sogar zu verzweifeln." (Bild: Andreas Fisser)

Ist unsere Generation, der heute 18- bis 30-Jährigen, besonders anfällig für psychische Erkrankungen?

Statistiken zeigen, dass psychische Erkrankungen in der Gesellschaft nicht zugenommen haben. Aber die Generation der unter 30-Jährigen hat weniger Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen, ist offener und aufgeklärter.

Außerdem suchen sich junge Leute eher Unterstützung. Psychische Erkrankungen werden öffentlicher diskutiert und die Berichterstattung hat zugenommen. Dadurch wirkt es oft so, als würden diese Erkrankungen zunehmen, aber das ist falsch.

Wenn wir offener über psychische Erkrankungen reden, müsste es auch weniger Vorurteile darüber geben. Ist das tatsächlich so? 

Wir sind leider weit davon entfernt, dass psychische Erkrankungen verstanden und akzeptiert werden. Ich behandele häufig Patienten, die sich nicht trauen mit ihrem Arbeitgeber oder ihren Kollegen offen über ihre Erkrankung zu reden, weil sie Angst vor blöden Sprüchen haben. 

Meinen Patienten versuche ich Mut zu machen. Wenn sie offen mit ihrer Erkrankung umgehen, machen viele die Erfahrung, dass es anderen ähnlich geht. Viele haben ja direkt oder indirekt schon einmal mit Psychotherapie zu tun gehabt, die meisten sprechen nur nicht darüber.

Wir sind leider immer noch weit davon entfernt, dass psychische Erkrankungen verstanden und akzeptiert werden.
Kristina Fisser

Jetzt bitte Klartext: Wie erkenne ich denn eine psychische Erkrankung?

Psychotherapeuten fragen sich bei neuen Patienten immer, wie groß der Leidensdruck ist: Wie stark ist der Patient durch seine Probleme und Sorgen im Alltag eingeschränkt? Leiden Freunde, Familie, Arbeit oder Beziehung?

Bei vielen psychischen Erkrankungen spielt auch die Frage nach der Zeit eine Rolle, zum Beispiel auch bei Depressionen. Dauern die Symptome ununterbrochen zwei Wochen lang an?

Außerdem orientieren wir uns an dem ICD-10 Katalog der Weltgesundheitsoragnisation. Gemeinsam mit dem Patienten gehen wir die Kriterien in diesem Katalog durch, um zu erkennen, ob es sich um eine psychische Erkrankung handelt.

Lässt sich auch erkennen, ob ich süchtig nach etwas bin?

Ja, auch um eine Sucht zu erkennen gibt es in der Psychotherapie klare Kriterien. Wichtig ist beispielsweise die Frage nach der Toleranzentwicklung: Braucht der Patient immer mehr von dem Suchtmittel, um den gleichen Effekt zu erzielen? 
Ein weiteres Warnsignal ist der Kontrollverlust – wenn man seinen Konsum nicht mehr selbst kontrollieren kann, über andere Bedürfnisse stellt. Ganz egal, ob es das die Zigarette, ein Feierabendbier oder das Computerspielen ist.

Wenn ich glaube, dass ich eines dieser Kriterien erfülle und zu dir komme – wie sieht dann eine Therapie aus? 

Im Erstgespräch klären wir ab, welche Symptome der Patient hat. Jede gute Therapie folgt einem strukturierten Ablauf. Gemeinsam mit dem Patienten werden Ziele aufgestellt, die er oder sie erreichen möchte. Ich finde es wichtig, offen und transparent zu erklären, wie die Therapie abläuft. Das ist natürlich von Patient zu Patient unterschiedlich.

Leider ist es fast unmöglich, direkt einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen.
Kristina Fisser

Kann man sagen, welche Erkrankungen bei jungen Menschen besonders häufig vorkommen?

Besonders oft behandeln wir Depressionen und Angstörungen. Das kann eine plötzlich auftretende Angst in einer unspezifischen Situation oder auch eine Phobie sein, etwa vor einem Tier oder vor sozialen Situationen, wie einer Präsentation in der Uni oder bei der Arbeit. 

Häufig stellen wir auch "nicht stoffgebundene Süchte" bei jungen Erwachsenen fest, wie die Sucht nach Onlinespielen. 

Bei all dem gilt: Je früher man sich professionelle Unterstützung sucht, desto besser. Prinzipiell gibt es für alle psychischen Erkrankungen sehr gute therapeutische Eingriffe, um die Patienten erfolgreich zu behandeln.

Für uns Psychotherapeuten ist wichtig, dass Patienten motiviert sind. Wer nicht daran glaubt, dass sich eine psychische Erkrankung bekämpfen lässt, dem kann leider auch die beste Therapie nicht helfen.

Dachschaden kann man nicht versichern

Als Psychologin wird Kristina Fisser oft gefragt: "Ist das noch normal, oder bin ich nicht ganz richtig im Kopf?" In ihrem Buch "Dachschaden kann man nicht versichern", erklärt Fisser gemeinsam mit der Autorin Carina Heer, warum es nichts Ungewöhnliches ist, ein bisschen verrückt zu sein und ab wann wir uns Gedanken über unsere geistige Gesundheit machen sollten. (Wenn du über diesen Link kaufst, bekommen wir unter Umständen eine Provision.)

Viele reden von Achtsamkeit. YouTube Kanäle und Instagram Accounts sind voller Tipps, wie man mit den Übungen sein Leben verbessern kann. Was hältst du davon? 

Dieser Trend kann tatsächlich auch in der Psychotherapie relativ hilfreich sein. Das zeigen Studien, die sich mit dem Effekt von Achtsamkeits-Übungen befassen.

Wichtig ist es, dass man auf fundierte Programme zurückgreift. Trainingseinheiten auf YouTube oder Instagram können helfen, wer aber wirklich etwas an seinem Leben ändern will, sollte über ein professionelles Training nachdenken.

"Irre ist menschlich", schreibst du. Was bedeutet das für uns?

Dass wir ruhig akzeptieren sollen, dass jeder alltägliche Macken hat. Und dass wir über die genau so offen reden sollten, wie über ernsthafte psychische Erkrankungen. Wer differenzieren kann, kann mit beiden richtig umgehen. Dabei will ich helfen. 

Informationen und Hilfe für Betroffene und Angehörige

  • Wissen, Selbsttest und Adressen um das Thema Depression gibt es auf der Webseite www.deutsche-depressionshilfe.de.
  • Das deutschlandweite Info-Telefon Depression: 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)
  • Ein fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch für Angehörige und Betroffene findest du hier: www.diskussionsforum-depression.de.
  • Hilfe und Beratung bekommst du auch bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter in den Gemeinden.
  • Beratung und Austausch für Angehörige bietet der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker an: www.bapk.de.

Gerechtigkeit

Was die "Fiktion der Nichteinreise" und die "Transitzentren" sein sollen
Und warum es wenig bringen wird

Über Wochen stritten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Innenminister Horst Seehofer über ihre Asylpolitik. Kurz drohte Seehofer gar mit Rücktritt, in der Nacht zum Dienstag einigten sich beide Seiten. (bento)

Im Kern ging es um die Frage, ob Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze zurückgewiesen werden dürfen. Merkel sagte Nein, sie will offene Grenzen in Europa, Seehofer wollte die Kontrollen hingegen einführen.

Nun haben sich Angela Merkel und Horst Seehofer geeinigt – auf "Transitzentren" an der deutsch-österreichischen Grenze.