Bild: Unsplash
Eine Hitzewelle hilft nicht gegen Depressionen - und mitleidige Blicke machen es nicht besser.

Wochenende, Sonnenschein, hoch die... Füße. Auf die Couch. Drinnen. Mit zugezogenen Gardinen und Eiskaffee. Wenn ihr, liebe Lesende, jetzt denkt: Uff, das ist ja traurig – dann ist dieser Text für euch geschrieben. Und für all jene, die sich wegen eurer mitleidigen Blicke mies fühlen.

Denn Sonnenschein und 30 Grad sind nicht für jeden "gutes Wetter". Meine schlimmsten depressiven Episoden hatte ich im Sommer. 

Dann gab es keine sozial akzeptierten Erklärungen dafür, warum ich die Tage schlafend im Bett und die Nächte heulend auf dem Sofa verbrachte. 

Schließlich war SOMMER. 

Und da müssen ja alle rausgehen und Spaß haben und Freunde treffen und gut aussehen und so unglaublich sozial sein, weil es ja einfach so geil ist, dieses Wetter, meine Güte. Da muss man quasi an den See ziehen und im Freibad wohnen und ständig grillen und Aperol Spritz auf Hausdächern trinken und auf Instagram den verdammten Sonnenuntergang fotografieren, Herzchen, Zwinkersmiley, Sonnen-Emoji.

Ich aber gehörte oft zu denen, die das nicht konnten. Zusammen mit denen, die es nicht wollen, saß ich in einem Boot auf dem Meer mitleidiger Blicke. 

Und mit jedem ungläubigen "Wie, du gehst heute nicht raus?" wuchsen Scham und Selbsthass darüber, dass ich offenbar so ein asozialer Loser war, der im Gegensatz zu allen anderen leider kein Instagram-taugliches Leben vorzuweisen hatte. Statt Freunde im Park versammelte ich all meine Ängste und dunklen Gedanken um mich herum und wartete, dass es besser werden würde.

So richtig großartig fühlte ich mich dann, wenn ich all die Bilder der anderen Leute sah. Toll, dachte ich, während ich hier drinnen sterbe, haben alle anderen die beste Zeit ihres Lebens. 

Darauf erstmal die Decke über den Kopf.

(Bild: Unsplash)

Aber Wetter ist kein Marschbefehl. Sommer bedeutet nicht, dass du plötzlich jemand anderes bist. 

Dass aus deiner Introvertiertheit über Nacht der dringende Wunsch wird, mit mindestens zwanzig Leuten an den See zu fahren. Der Juni ist kein Antidepressivum, das mit der ersten Hitzewelle wirkt – tada, geheilt. Es ist sogar vielmehr so, dass das Gegenteil der Fall sein kann. Denn die ständige Erinnerung daran, dass es ungewöhnlich ist, dass jemand zu Hause bleibt im Sommer, löst bei vielen Selbstzweifel aus. Und die Frage danach, warum man nicht ist wie die anderen.

Dabei sind wir viele: All jene, die wegen ihrer Phobien nicht aus dem Haus können. Denen Menschenansammlungen Angst machen. All jene, die depressiv sind, traurig oder einsam. All die, die einfach keine Lust auf viele Menschen haben. Alle, denen es zu heiß, zu viel, zu voll, zu laut, zu chaotisch ist. All die Sensiblen, all die Kaputten, alle die mit-sich-selbst-allein-Zufriedenen, wirklich jeder eben, der bei dem ganzen "Spaß" nicht mitmachen kann oder will. 

Dass man geshamed wird für etwas so simples wie Drinnenbleiben, zeigt am Ende nur lediglich einmal mehr, dass unsere Gesellschaft die Verweigerung eines perfekt optimierten Lebens kaum erträgt. 

Wer nicht ständig Fun hat, wer keine Insta-Storys über all die lauen Nächte und heißen Tage postet, wer auf die Frage: "Was hast du gestern Schönes gemacht?" mit "Nichts" antwortet, mit dem stimmt was nicht. 

Dabei stimmt doch etwas mit einer Gesellschaft nicht, die jemanden für einen asozialen Außenseiter hält, wenn Temperaturen nicht über seine Stimmung und seinen Charakter entscheiden.

Der größte Akt der Selbstliebe im Sommer ist es für Menschen wie mich, zu bleiben, wie man ist, egal ob ängstlich oder schüchtern, deprimiert oder einfach gern allein. Sich nicht zwingen zu lassen, weil der Sommer doch bald schon wieder vorbei ist. Sondern sich darüber zu freuen, dass er Gott sei Dank bald vorüber ist. 


Trip

Sorry, aber der Bulli-Kult ist völlig außer Kontrolle geraten

Als Teenies sind viele von uns mit ihren Eltern im Wohnmobil in den Süden gefahren – nach Italien, Kroatien, Frankreich. Die Fahrt dauerte etwa einen Tag, man lag auf der Rückbank und hat sehr viel geschlafen und sich gelegentlich beschwert. "Sind wir schon da?" Viel lieber wären wir mit den Freunden nach Lloret geballert, statt in der muffigen Kabine unsere Sommerferien zu verbringen.  

Was wir damals noch nicht ahnten: Wenige Jahre später ist der Bulli-Kult außer Kontrolle geraten. 

Für den wohlhabenderen Millennial (kein Geld für ein Eigenheim, wohl aber für ein fahrendes 90cm-Klappbett) ist der personalisierte Kleinbus nach dem moralischen Tod der Avocado DAS Statussymbol. Das spießige Wohnmobil 2.0 vereint den Wunsch nach Freiheit, Natur und Reisen mit der Sicherheit, nie so wirklich weit weg von der eigenen Wohnung zu müssen und möglichst selten mit fremden Menschen oder nicht selbst zubereiteten Speisen in Berührung zu kommen. 

Jede Kleinigkeit wird bei Instagram dokumentiert: Die Zubereitung des handgepflückten Löwenzahnsalats vom Straßenrand, der Reifenwechsel oder die nackten Füße auf dem Amaturenbrett – weichgezeichnet vom malerischen Sonnenuntergang über der A5. Hashtag "#Vanlife" dazu und man reiht sich in die 5,2 Millionen anderen Posts ein wie ein einzelner Bulli im Stau vor dem Gotthard-Tunnel.