Warum Depressionen bei Männern seltener erkannt werden.

Als Kind hatte ich Angst vor allem. Gerade vor meinen Mitschülern, denn sie mobbten mich. Mein Vater sagte mir oft, ich solle mich nicht selbst bemitleiden, wenn es mir schlecht ging oder ich mich überfordert fühlte. Ich internalisierte seine Stimme und tat meine Probleme als unbedeutend ab – sie wurden so nur größer. Heute lebe ich mit einer Depression.

Es gibt viele Faktoren, die psychische Erkrankungen begünstigen. Einer fällt besonders auf: Bei Frauen werden rund doppelt so viele Diagnosen gestellt wie bei Männern. Sind Männer weniger anfällig für psychische Erkrankungen oder werden diese einfach seltener erkannt?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen in der männlichen Sozialisation einen der Gründe dafür, dass die Ausprägungen psychischer Erkrankungen bei Männern schwerer zu erkennen sind. Der Begriff der "toxischen Männlichkeit" wird seit ein paar Jahren immer bekannter. Er meint das destruktive Verhalten von Männern: der machtmissbrauchende Chef, der übergriffige Typ auf dem Dancefloor oder der Manspreader in der U-Bahn. Die Grundlagen der toxischen Männlichkeit erlernen wir alle. Dafür braucht es keinen Vater, der dem Sohn den Trump'schen Satz "Grab 'em by the pussy" sagt – Geschlechterbilder bekommen wir von klein auf überall vorgelebt, angefangen mit der Verteilung der Hausarbeit zwischen unseren Eltern.

„Die Gesprächskultur über Ängste und Probleme ist unter Männern nicht sehr ausgeprägt.“
Stefanie Schmid-Altringer, Gendermedizinerin

Die Anforderungen, die aus diesen Rollenvorstellungen entstehen, beeinflussen maßgeblich den Umgang mit Herausforderungen und Problemen. "Die Gesprächskultur über Ängste und Probleme ist unter Männern nicht sehr ausgeprägt", sagt Dr. Stefanie Schmid-Altringer am Telefon. Sie ist Medizinerin und Wissenschaftsjournalistin und hat kürzlich einen Ratgeber für Frauen über Geschlechterunterschiede in der Medizin veröffentlicht. Mit der Erzählcafé-Aktion will sie auch Vätern einen Raum geben, gemeinsam Erfahrungen und Traumata von der Geburt ihrer Kinder aufzuarbeiten.

Als Schmid-Altringer von der Gesprächskultur zwischen Männern spricht, habe ich sofort wieder meinen Vater im Ohr. Er meinte es nur gut mit mir, das weiß ich. Nur ging es nie wirklich darum, wie ich mich fühlte, sondern immer um Lösungen. Die sind wichtig, aber auch das Gespräch über Probleme sollte Jungen und Männern möglich sein. Was sich während der Schulzeit bei mir einbrannte: Aggressives Verhalten wird von Jungen nicht nur toleriert, es wird sogar erwartet. Ich war Opfer, aber sah mich selbst als Schuldigen, denn dass meine Mitschüler so gewaltvoll mit mir umgingen, wenn ich Schwäche zeigte, wurde mir als normal vermittelt - von meinem Vater, von meiner Lehrerin, von meinen Mitschülern. Ich sollte stark sein, mich nicht ärgern lassen. Dabei fühlte ich mich schwach.

Diese Schwäche hatte aber keinen Platz. Ich selbst wies ihr auch keinen zu, denn ich wollte alles, was mir so viele Schmerzen bereitet hatte, hinter mir lassen. Fortan stritt ich mich häufig mit meinem Vater, hatte Wutausbrüche oder zerstörte Dinge in meinem Zimmer. Seitdem ich vierzehn bin, bin ich starker Raucher. Dann kamen das Kiffen, die harten Drogen, der Alkohol.

Reizbarkeit, Nervosität, Aggresion – verbunden mit Alkohol als Versuch, sich zu entspannen

Laut Schmid-Altringer gehen Angststörungen und Suchtthemen oft miteinander einher – nicht nur bei Männern. Während Frauen aber deutlich häufiger zu Medikamenten griffen und ihre Sucht im Verborgenen ließen, kehrten Männer sie öfter nach außen. "Ein Verhalten, das an ADHS erinnert", so Schmid-Altringer, "ist typisch für Männer mit einer Depression, also Reizbarkeit, Nervosität und Aggression, verbunden mit Alkohol als Versuch, sich zu entspannen." Beide Suchtmittel aber, und darauf weist sie ausdrücklich hin, seien zwar Lösungsversuche, aber letztlich selbstschädigende Verhaltensweisen.

Depression als Krankheitsbild wird allerdings anhand der Symptome diagnostiziert, die mehrheitlich bei Frauen auftreten: sogenannte Minus-Symptome wie Antriebslosigkeit und sozialer Rückzug. Männliche Depressionen werden daher häufig erst erkannt, wenn sie schon sehr weit fortgeschritten sind. Sich Hilfe zu holen gelte laut Schmid-Altringer immer noch als unmännlich, die erhöhte Suizidrate bei Männern spreche eine deutliche Sprache.

Die von Schmid-Altringer angesprochene fehlende Gesprächskultur unter Jungen und Männern habe ich auch weiterhin erfahren. Später, als ich älter war und vor dem Abitur stand, fand ich in meinem Freundeskreis kaum Gehör. Ich hatte am Anfang wenigstens gelegentlich Dinge angesprochen, die mich bedrückten. Zurück kam entweder Ratlosigkeit oder Ablehnung. Irgendwann habe ich gar nichts mehr erzählt, was nicht mit Mädchen, Musik oder Drogen zu tun hatte – typisch männlich eben.

Ich eignete mir eine Anti-Haltung an und machte mich von außen scheinbar unverwundbar. Ich redete mir ein, meine Mitschüler für ihre Konformität zu hassen, wahrscheinlich war ich aber einfach neidisch, weil sie den Anschein erweckten, die Spannungen und Probleme der Jugend viel besser wegzustecken. Ich wollte nicht so sein wie sie, sagte ich mir – und ließ sie das spüren. Ich war der arrogante Junge mit der komischen Kleidung, wie es ihn wahrscheinlich in jeder Jahrgangsstufe gibt. In meinem Anderssein sah ich mich als Märtyrer.

Meine Depression brach sich Bahn. Ich konnte sie irgendwann nicht mehr ignorieren, egal, wie viele Abwehrmechanismen sie überlagerten. Als auch meine zweite Beziehung, da war ich 25, an meiner Eifersucht und den Tobsuchtsanfällen zerbrach, bemühte ich mich um einen Therapieplatz. Mir wurde eine Psychoanalyse empfohlen – und es war, ganz pathetisch, meine Rettung. Auch wenn es zuerst nicht danach aussah.

Es benötigt Stärke, sich seinen Schwächen zu stellen

Denn zu Beginn gingen meine Analytikerin und ich die Abwehrmechanismen an, die ich aufgebaut hatte, hauptsächlich meine Aggressionen und mein Suchtverhalten. Mein alter, destruktiver Umgang mit Problemen bröckelte, ich hatte aber noch nicht genügend Zeit gehabt, einen neuen, gesünderen zu entwickeln. Ich war auf eine Art verletzlich, wie ich es noch nie erlebt hatte. Dann kam eine weitere Trennung. Die war aus heutiger Perspektive zwar das einzig Richtige, erwischte mich aber in einem Moment, in dem ich nicht wie gewohnt auf sie reagieren konnte: Ich ging nicht auf Drogen feiern, drückte meine Unsicherheiten nicht in Provokationen aus und habe nicht gedatet.

Plötzlich lagen meine Ängste und Unsicherheiten offen und ich war überfordert. Ich konnte keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr nutzen, weil ich sofort das Gefühl bekam, mich übergeben zu müssen. Einen ganzen Sommer lang verbrachte ich aus Angst vor einem körperlichen Zusammenbruch fast nur in meiner Wohnung. Das klingt schrecklich, aber war notwendig. Denn es hat mir gezeigt: Meine Gefühle waren tief vergraben. Heute kann ich wieder U-Bahn fahren – und es geht mir viel besser als je zuvor. Das heißt nicht, dass meine Depression besiegt ist, sie wird immer ein Teil von mir bleiben. Aber ich habe meine Verletzlichkeit akzeptiert. 

Depression hat kein Geschlecht, psychisch Erkrankte sind nicht schwach. Im Gegenteil: Es benötigt Stärke, sich seinen Schwächen zu stellen. Machen wir uns frei von den Erwartungen, die alte Männer an uns junge haben – sie schaden uns nur. Ein neuer Umgang mit den Problemen von Jungen und Männern ist lange überfällig. Und bitte, bitte: Streichen wir "Selbstmitleid" aus unserem Vokabular.

*Der Autor veröffentlicht diesen Text unter Pseudonym.


Uni und Arbeit

Erst Kinder, dann Karriere: Wie Kathi und Joey versuchen, gleichberechtigte Eltern zu sein
Die beiden haben im Studium eine Familie gegründet und erziehen ihre Kinder in Etappen. Wie das funktioniert, haben wir sie separat gefragt.

Kathis und Joeys Familiengeschichte begann, bevor sie sich kennenlernten. Kathi war jung, 21, und studierte im ersten Semester Deutsch und Geschichte auf Lehramt, als ihre Tochter Leni* zur Welt kam. Lenis Vater war bei der Geburt nicht dabei, er hatte Kathi schon während der Schwangerschaft verlassen.

Kathi: Ich hatte nicht geplant, so früh Mutter zu werden – und dann auch noch alleinerziehend. Plötzlich musste ich mein Leben strukturieren. Zwei Wochen nach der Geburt saß ich wieder in der Uni, Leni nahm ich im Tragetuch mit. Als sie elf Monate alt war, gab ich sie in die Kita. Vormittags belegte ich nun Seminare, um 14 Uhr holte ich Leni ab und wir gingen in die Mensa. Ich lernte, meine Zeit effektiv zu nutzen: Wenn Leni ihren Mittagsschlaf hielt, schrieb ich an der Hausarbeit. Wenn sie abends schon im Bett war, machten wir nebenan im Wohnzimmer Gruppenarbeit.

Joey: Als ich Kathi im Oktober 2013 in einem Proseminar an der Uni kennenlernte, hatte sie schon ein anderthalbjähriges Kind. Damals war ich 20, studierte im ersten Semester Geschichte im Bachelor und lebte in einer WG. Anfangs hatten wir eher eine Affäre und ich lernte Leni nicht gleich kennen. Doch je länger wir uns trafen, desto mehr bekam ich vom Alltag der beiden mit. Ich sah Leni immer öfter und fing an, Kathi zu unterstützen. Als wir fest zusammenkamen, war Leni drei.