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Guter Freund? Gerne. Liebhaber? Lieber nicht.

Stefan* ist Mitte 20, ein mitfühlender Typ, liebt seinen Job als Informatiker, interessiert sich für die Beziehungen und Probleme seiner Kumpels, ist gerne mit ihnen unterwegs. 

Was Stefan fehlt: die große Liebe. Er hatte noch nie eine Beziehung. Keine Romanze, keinen Kuss. Er versuchte es deshalb mit Online-Dating. Doch im Netz wurde eine Sache zum Problem. 

Stefan sitzt im Rollstuhl. Seit seiner Geburt ist er von der Hüfte abwärts gelähmt

Er testete Tinder, Lovoo und andere Dating-Apps. Mal machte er ein Bild mit Rollstuhl ins Profil, mal nur ein Selfie – ohne Rollstuhl. Manchmal verschwieg er anfangs, dass er eine Behinderung hat.

Weiße Anführungszeichen
Wenn ich die Behinderung erst später erwähnte, fühlten sich die Unterhaltungen plötzlich verkrampfter an.
Stefan

Die Antworten seien knapper und kälter geworden. "Wenn ich die Behinderung sofort zur Sprache brachte, kam so etwas wie: 'Oh du Armer... Das muss echt hart sein', oder aber der Kontakt brach sofort ab", sagt er. 

Eine Frau, mit der er tagelang schrieb, blockierte ihn, nachdem er sagte, dass er im Rollstuhl sitzt.

"Ich gehe einem geregelten Arbeitsleben nach, habe Pläne und viele Interessen – aber auf meinem Profilbild ist da nur ein Rollstuhl, zumindest für manche. Das ist traurig", sagt Stefan.

Er versuchte, den Frauen, mit denen er Kontakt aufnahm, klar zu machen, dass eine potenzielle Partnerin bei ihm nichts vermissen muss. Weder Spaziergänge noch Restaurantbesuche oder Sofa-Abende.

Doch das glaubten ihm viele Frauen nicht. Das ist zumindest Stefans Eindruck. 

In der oberflächlichen Welt des Online-Datings haben es Menschen mit Behinderung besonders schwer, bestätigt auch Richard Schaefer. Der Österreicher ist psychosozialer Krisenmanager, Sexualberater und seit 2005 querschnittsgelähmt. Heute berät er vor allem Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie er und mit körperlichen Beeinträchtigungen leben.

Viele Singles würden sich auch mal mit jemandem treffen, der vielleicht nicht dem eigenen Typ entspricht, sagt Schaefer. Aber über eine Behinderung können viele nicht so leicht hinwegsehen. 

Spezielle Dating-Portale für Menschen mit Behinderung, wie zum Beispiel Handicap-Love, sieht der Experte kritisch. "Dort werden Rollstuhlfahrende häufig von sogenannten 'Amelos' kontaktiert", sagt er. Menschen, die zu Amelotatismus neigten. Das sei eine sexuelle Vorliebe, bei der sich die Betroffenen zu Menschen mit fehlenden oder verstümmelten Gliedmaßen oder einer Querschnittslähmung hingezogen fühlen – und eben auch zu Menschen, die im Rollstuhl sitzen. 

Ein Rollstuhl wirft häufig schon beim ersten Date Fragen auf. Ist der Zugang zum Treffpunkt barrierefrei? Gibt es Treppen oder andere Hindernisse auf dem Weg? Fragen, die sich potenzielle Partnerinnen und Partner vorher nie gestellt haben. Fragen, die vielleicht abschrecken. 

Fragen, die nachvollziehbar sind, findet Schaefer: 

"Je nach Schwere der Beeinträchtigung müssen bei Menschen im Rollstuhl gewisse Vorkehrungen getroffen werden. Das fängt schon bei der Wahl eines Hotelzimmers an, das groß genug und barrierefrei erreichbar sein muss. In der Regel führen solche Dinge zu weniger Flexibilität und Spontanität und das muss der Partner mittragen."

Dass diese Vorkehrungen getroffen werden müssen, bedeutet nicht, dass übers Wochenende wegfahren oder Bar-Besuche nicht möglich sind. Das sind sie. Es braucht eben nur Vorbereitung. 

Stefan gab das Online-Dating wieder auf. Zu groß sei die Enttäuschung gewesen, kein einziges Date sei zustande gekommen. "Wenn ich jemanden offline kennenlerne, spiele ich mit offenen Karten, kann dabei aber auch viel direkter auf mein Gegenüber eingehen und Unsicherheit von Grund auf beseitigen", sagt er.

Er traf sich mit einer Frau, die er über Freunde kannte. Die beiden schauten einen Film, bestellten Pizza und unterhielten sich – stundenlang. Auch wenn es kein offizielles Date war, Stefan habe sich mehr erhofft. Doch sie wollte nur Freundschaft.  

Warum nicht mehr daraus wurde? 

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Ich beherrsche die Rolle als guter Freund offenbar besser als die eines guten Liebhabers.
Stefan

"Mein Rollstuhl ist für viele ein Makel. Klar, das ist er, da gibt es keine Diskussion. Aber er wird überinterpretiert. Es überlagert, was dahintersteckt. Ein ganz normaler Mensch", sagt er. 

Gemeinsame Ausflüge unternehmen, zusammen Kochen, Sex haben – alles, was zu einer Beziehung gehört, geht häufig auch mit Rollstuhl. Je nach Schweregrad der Behinderung oder Lähmung können auch Menschen im Rollstuhl Lust, Erregung und Orgasmen empfinden und erleben. Schaefer kennt viele, deren Beziehungen mit der Behinderung eines oder beider Partner funktioniert, wie jede andere auch.

Stefan will die große Liebe. Aber das Warten ist er leid. Er wünscht sich, dass Frauen sich durch den Rollstuhl nicht mehr so sehr verunsichern lassen und verstehen: 

Auch eine Beziehung mit Rollstuhl kann eine ganz "normale" sein.

*Stefan heißt eigentlich anders. 


Grün

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Zwei Fragen und ganz viel Bier

Jedes Jahr sterben weltweit Millionen von Menschen wegen Umweltverschmutzung. Allein für das Jahr 2015 zählten Forscherinnen und Forscher etwa neun Millionen Todesfälle, bedingt durch Schadstoffe in der Luft, im Wasser und im Boden (bento). Die Schadstoffe in der Luft möchten viele Städte bekämpfen. Viele tun dies mit Verboten, die tschechische Hauptstadt Prag versucht es mit einer anderen Methode – Bier.