Bild: Randomhouse
Die Liebe in Zeiten der Cholera... ach ne, Tinder.

Dating über Tinder und Co. ist schwer. Immer warten drei andere (bessere?!) potenzielle Partner im Adressbuch, ein anderes Mal schreibt der Wunschpartner nicht zurück – obwohl die kleinen blauen Häkchen unter der eigenen Nachricht verraten, dass der andere sie gelesen hat.

Warum hast du das nur so formuliert?!! SO WIRST DU EWIG SINGLE BLEIBEN!!

Aziz Ansari, dessen Buch "Modern Romance" jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, weiß genau, wie sich das anfühlt. Der amerikanische Schauspieler, Drehbuchschreiber und Stand-up-Comedian zeigt darin, dass man Romantik, Liebe und Beziehungen auch anders behandeln kann, als die endlos stumpfen und klischeeüberfrachteten "Kennste, kennste?"-Gags seiner deutschen Kollegen.

Das ist die Krux am Internet: Es hilft nicht einfach nur, das Beste zu finden; es hat uns überhaupt erst auf die Idee gebracht, es würde da draußen so was wie "das Beste" geben, man müsste nur gründlich genug danach suchen.
Aziz Ansari, Modern Romance

Ansari, der gerade einen Emmy für seine Netflix-Serie "Master of None" abgestaubt hat, spricht der Generation U40 mit seiner Analyse des modernen Liebeslebens aus der Seele. Denn so sehr die Apps und Plattformen das Finden von "idealen" (wie auch immer man das definiert) Partnern erleichtern, so sehr verhindern sie auch das Aufkommen von wirklicher Romantik.

Zusammen mit dem Soziologen Eric Klinenberg hat Ansari, der eigentlich studierter Biologe ist, Tausende Menschen befragt: Junge, Alte, Männer und Frauen, in Paris, Tokio, Doha und L.A., in Gruppensitzungen, Interviews und auf Reddit. So wollten sie herausfinden:

  • Wie die technischen Möglichkeiten die Liebe und unser Verhalten verändern.
  • Wie und warum wir heute unsere Partner wählen.
  • Welche Fehler wir beim Dating begehen.
  • Wie wir doch noch die Liebe fürs Leben finden.

Herausgekommen sind eine witzig geschriebene, popwissenschaftliche Studie über die Liebe 2.0 – und ein paar ziemlich gute Ratschläge.

Als Beispiel: Drei wissenschaftlich belegte Tipps für das Dating im Tinder-Zeitalter.
Aziz Ansari(Bild: Randomhouse)
  1. Dein ideales Profilbild auf einer Datingseite oder -App: Als Frau ein Selfie, auf dem du etwas Interessantes tust, zum Beispiel Gitarre spielen. Als Mann wähle am besten ein Foto mit dir und einem Hund bei einem Abenteuer.
  2. Wenn du ein Date ausmachen möchtest, schlag direkt einen konkreten Ort und eine Zeit vor. So zeigst du Willensstärke und vermeidest das abtörnende SMS-Pingpong. Häufig sind vor allem junge Männer zu schüchtern, um etwas Konkretes vorzuschlagen.
  3. Wenn du jemanden nach dem ersten Date wiedersehen möchtest, schreib keine Nachricht – sondern ruf an. Das zeigt, dass es dir ernst ist. Eine SMS hingegen kann auch an mehrere Menschen auf einmal verschickt werden und wirkt lieblos.
Als Person des öffentlichen Lebens habe ich nie ernsthaft über das Thema Online-Dating nachgedacht. Ich hatte nämlich immer Bedenken, ein Stalker könnte die Gelegenheit nutzen und mich entführen und ermorden.

Genauso wie bei Ansari und Klinenberg wünscht man sich wissenschaftliche Studien für das breite Publikum aufbereitet – eine Mischung aus Fakten, Witz, Beobachtungen, Erfahrungen und persönlichen Anekdoten. Etwa wenn Autor Ansari die Motivation für die Forschung vorstellt: einen privaten Chatverlauf mit seiner verflossenen Liebschaft "Tanya".

Es war 2012, sie lernten sich auf einer Party kennen. Sie fand ihn charmant, er sie auch:

Ich war guter Dinge. Klar war ich nicht Hals über Kopf verknallt in Tanya, aber sie machte einen netten Eindruck. Und ich hatte das Gefühl, wir lägen auf einer Wellenlänge.
Aziz Ansari, Modern Romance

Aber wie sollte er sich bei ihr melden? Per Anruf? Facebook? Oder doch mit Rauchzeichen? Am Ende entschied er sich für eine freundliche Textnachricht, in der er sie zu einem Konzert einlud.

Während ich auf ihre Antwort wartete, begann ich im Geiste bereits, mir eine mögliche Beziehung mit ihr auszumalen. [...] Ein paar Minuten verstrichen, dann wechselte der Status meiner Nachricht von "zugestellt" auf "gelesen".

Die dann folgende Beschreibung der kommenden Stunden und Tage sind ein wunderbarer Seelenstriptease, der beim Leser eigene Erinnerungen wachruft:

Ich wappnete mich innerlich und sah zu, wie auf meinem iPhone diese drei kleinen Pünktchen erschienen. Jene Zeichen, die einem verheißungsvoll verkünden, dass der andere gerade seine Antwort tippt. [...] Und dann, wenige Sekunden später – waren sie einfach weg!

Hätte er etwas anders formulieren sollen? Hatte sie die Nachricht vielleicht gar nicht bekommen? War ihr Handy kaputt? Oder seins? Sollte er sie auf Facebook anschreiben und nachfragen?

Vor zwanzig, ja nicht einmal vor zehn Jahren, wäre es schlicht unmöglich gewesen, sich derartig in einen solchen Irrsinn hineinzusteigern. Da stand ich nun und checkte wie ein Besessener alle paar Minuten mein Handy.

Soviel sei verraten: Eine Antwort erhielt er (zunächst) leider nicht, dafür aber – in den langen Tagen des Wartens – die Inspiration für seine Forschung, sein Buch und zwei Comedy-Specials. Und das ist doch auch etwas wert.

Wer gerne wissen möchte, wie es für Aziz und Tanya weiterging, oder warum die Liebe sich in nur ein bis zwei Jahrzehnten so stark verändert hat, dem sei "Modern Romance" wärmstens ans Herz gelegt.

"Modern Romance – Auf der Suche nach Liebe im 21. Jahrhundert" ist ab sofort auf Deutsch erhältlich.

Wo wir schon bei Dating-Apps und Liebe 2.0 sind – wie gehst du damit um?

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