Bild: Bianca Xenia Mayer
Umziehen, neues Leben – wofür eigentlich?

Auf Besuch in Wien Ottakring. Was kann so wertvoll sein, dass du dafür dein bisheriges Leben aufgibst, fragt mich die Oma bei einem Häferl Tee. Ich starre aus dem Gemeindebaufenster. „Geh Bianca, kannst heit aufstehn und sogn, dasst jetzt gehst?“ Ende Gelände, mit dem Café Aida vor der Haustür und Tretbootfahren an der alten Donau. Für Oma ist das undenkbar. Deutschland, das ist Ausland, und Ausland wird immer zu weit weg sein von zuhause.

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Woher bist du?“ Sobald ich den Mund aufmache und sich mein zäher Dialekt zum ersten Mal bemerkbar macht, ist mir diese Frage garantiert. Genauso wie der leicht verdutzte Gesichtsausdruck meines Gegenübers, wenn ich zu Brötchen Weckerl sage. Oder Schlagobers statt Sahne. Klingt eh lieb, charmant irgendwie, ein klitzekleines bisschen primitiv. „Du bist doch Österreicherin!“ Selten habe ich mich ausgerechnet damit identifiziert. Identifizieren müssen. Hier klebt das Land, in dem ich geboren wurde, plötzlich an mir. Wir umarmen uns vorsichtig.

Weggehen, das bedeutet neben all der Euphorie auch, dass man seine gerade neu bezogene Wohnung kündigt. Die Familie künftig nur noch an Weihnachten sieht und Neuigkeiten Wochen zu spät erfährt. Dass man den Ort verlässt, an dem man zufälligerweise hineingeworfen wurde ins Weltgeschehen, wo man ein bisschen vor sich hin geliebt hat und enttäuscht wurde, natürlich, und Freunde fand fürs Leben, zum Glück, und unzählige Nächte in verrauchten Beisln verlebte, ohne selbst mit den Zigaretten anzufangen. Weil die Haare so grausig stinken, danach.

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Raus hier, auch wenn es “nur“ nach Hamburg geht. Ehrlich keine schwere Entscheidung. Und trotzdem gibt es Dinge, die stehen in keinem "Mein perfektes Leben in Norddeutschland“ Katalog, aus dem man sich dann die Schokoladen-Franzbrötchen rauspickt und den Termin beim Meldeamt originalverpackt zurückgehen lässt.

Die Freiheit, das Jungsein, der emotionale Dreck. Notizen, die ich mir in meinem Floskelbuch am Flughafen notiert habe. Sie reichen nicht für Tage wie diese, um abgedroschene Phrasen über die Unvorhersehbarkeit des Lebens von mir zu geben. Das will keiner lesen. Die Sprache ist vollends unbrauchbar, wusste schon Thomas Bernhard. Vor allem wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen.

Die erste Woche in Hamburg. Nacheinander ins Waschbecken gespuckter Zahnpastadreck und halbleere Regale in viel zu teuer untervermieteten Altbauwohnungen. Das ist alles, was wir haben. Schleichend realisierst du, dass dich nichts so sehr an zuhause erinnert, wie die Mannerschnitten Zitronen-Edition bei Edeka, die du eigentlich immer sehr ekelig fandest.

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Das Leben, das du geführt hast - ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre, zwanzig. Alles nicht mehr relevant. Nationalratswahlen, Mariahilferstraßen, medial überrepräsentierte Opernbälle. Die Vergangenheit fühlt sich an wie ausgelutschter Kaugummi, der sich jeden Tag, an dem du nichts von Katharina hörst, ein bisschen fester um deine Zunge knotet.

Freunde wollen über Liebe reden. Aber der Großteil deines bisherigen Lebens ist unsichtbar, für alle anderen. Ja, gar nicht erst existent. Wie du gelebt hast, und mit wem. Bilder, wie sie nur in deinem Kopf existieren. All die Male, die du hoch zur Toldgasse gegangen bist, umsteigen bei Volkstheater. Hier, du bekommst deinen neuen Stephansplatz in Hamburg, einen neuen Supermarkt für die harten Äpfel um 1,99 und wie schön, sogar eine zweite U3! Rolltreppen, auf der falschen Seite. Als wären die Geschichten in Wien nie passiert.

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

„Du würdest sie lieben, wenn du sie treffen könntest!“, hörst du dich sagen, bevor du das Handy aus der Hosentasche herauskramst, um in deinem Chatverlauf nach Beweisen ihrer Existenz zu suchen. Du hasst es. Hier, schau mal, Fotos von uns beiden an der Friedensbrücke. Manches lässt sich nicht nacherzählen. Egal, wie sehr du dich bemühst, die Anekdoten klingen nicht. Für alle anderen außer dir bleibt deine beste Freundin weiterhin eine Ausgeburt deiner Fantasie.

Und nur, weil man neu ist, heißt das nicht, dass der von Zeit zu Zeit auftretende sentimentale Ausnahmezustand die anderen unbedingt berührt, die genau an dieser Ecke in St. Pauli schon siebenundachtzig Mal Döner bestellt haben. Du bekommst häppchenweise neue Menschen serviert, Freunde von Freunden. Freundschaft, denkst du dir, was heißt das schon.

Mama ist nicht da, wenn du sie brauchst, um mitten in der Nacht auszuziehen. Du schleppst den 32 kg Koffer über rote Holztreppen und spürst deine leidigen Arme erst am nächsten Morgen. Aufstehen, rausgehen, weitermachen, weil du immer weitergemacht hast und aufgeben, anders als etwas zu beenden, nie eine Option war.

(Bild: Bianca Xenia Mayer)

Du bist alles, was du hast. Du hattest Glück. Und du weißt verdammt nochmal, dass diese Chance nicht selbstverständlich ist. Und du wirst stolz auf dich sein, irgendwann. Ganz langsam sind da erste Bande, frische Abende, gute Menschen, die nach Zukunft riechen.

Genau das ist es wert.
Dieses Gefühl ist so viel wert, dass ich dafür mein bisheriges Leben aufgegeben habe.