Bild: dpa / Arno Burgi

Hannes* ist 21, er ist schwul und hat mehrmals pro Jahr Sex. Trotzdem geht er regelmäßig Blut spenden. Eigentlich darf er das nicht.

Homosexuelle Männer waren bis 2017 völlig von der Blutspende ausgeschlossen. Das galt unter anderem ebenso für männliche und weibliche Prostituierte, sowie für Heterosexuelle mit häufig wechselnden Sex-Partnern. 

Diese Regelung wurde von Schwulenverbänden als "diskriminierend" bezeichnet, schließlich ging sie davon aus, dass Homosexuelle grundsätzlich häufig ihre Sex-Partner wechselten. Es war wie ein Generalverdacht: Du bist schwul, dann bist du ein potenzielles HIV-Risiko. (Spiegel Online)

Die Bundesärztekammer überarbeitete diese Richtlinie mit dem Paul-Ehrlich-Institut, einem Bundesinstitut des Gesundheitsministeriums: Seit August 2017 sind in Deutschland auch homosexuelle Männer zur Blutspende zugelassen – allerdings erst, wenn sie zwölf Monate lang keinen Sex hatten.

Aber: Wer bleibt ein Jahr enthaltsam, um Blut spenden zu dürfen? "Auch durch eine zeitlich befristete Rückstellung bleiben sexuell aktive Männer, die mit Männern schlafen, faktisch von der Blutspende ausgeschlossen", gibt die Bundesärztekammer zu. (Bundesärztekammer)

Hannes möchte zwar anonym bleiben, ein Foto von sich hat er trotzdem gemacht.

Hannes will sich nicht aufgrund seiner Homosexualität ausschließen lassen. Er ignoriert diese Regelung. Als in seiner Hochschule vor einiger Zeit ein Blutspende-Team des Deutschen Roten Kreuzes zu Gast war, ging er zum ersten Mal hin. Sein Blutdruck wurde gemessen, dann wurde ihm eine erste Blutprobe entnommen. Er füllte den Fragebogen aus – das betreffende Feld zu seinem HIV-Risiko ließ er frei

Später wurde er im ärztlichen Vorgespräch darauf angesprochen. "Der Arzt fragte, ob ich schwul sei, und ich sagte Ja", erinnert sich Hannes. "Dann fragte er, ob ich in letzter Zeit Geschlechtsverkehr gehabt hätte – ich verneinte." Das war gelogen. Hannes war zu diesem Zeitpunkt in einer Beziehung. Der Arzt schickte ihn weiter zur Spende. 

HIV und Blutspende

Bei jeder Blutspende werden Tests durchgeführt, unter anderem auf HIV-Antikörper. Aber: Diese Antikörper können erst einige Zeit nach der Infektion nachgewiesen werden. In der Zwischenzeit sind die betreffenden Personen aber bereits infektiös – und ihre Blutspende könnte andere Menschen infizieren. (Aids-Hilfe)

Mittlerweile geht Hannes regelmäßig Blut spenden. Ihm gehe es nur darum, zu helfen, sagt er. Er hat eine seltene Blutgruppe, 0 negativ. "Diese Blutgruppe wird so dringend gebraucht und dann soll ich ausgeschlossen werden, weil ich schwul bin?“, sagt er. In jedem weiteren Fragebogen kreuzte er deswegen immer wieder an, dass er keinen Sex mit Männern habe. Er wurde aber auch nicht mehr danach gefragt. 

Weiße Anführungszeichen
Der Arzt fragte, ob ich in letzter Zeit Geschlechtsverkehr hatte - ich sagte nein. Das war gelogen.

Die neue Richtlinie der Bundesärztekammer beruht im Prinzip auf Vertrauen: Man kann man bei den Spendern nicht überprüfen, wann sie das letzte Mal Sex hatten. Die Blutspendedienste gehen davon aus, dass die Person im ärztlichen Vorgespräch die Wahrheit sagt. 

Aber das macht nicht jeder. Jährlich gibt es in Deutschland etwa 100 Spender, bei denen durch die Labortests der Blutspende eine HIV-Infektion festgestellt wird. Die Hälfte davon sind schwule Männer, die das in ihrem Fragebogen aber nicht angaben. (Paul-Ehrlich-Institut)

Hannes findet, dass die Regel zu wenig differenziere."Die, die eine ernsthafte Beziehung führen, werden genauso ausgeschlossen wie die, die nur Sex suchen.“ Als schwuler Mann – und zudem als einer, der Sex hat – gehört Hannes zur Risikogruppe, genauso wie Prostituierte oder Drogenabhängige. Das sieht Hannes aber anders. "Ich gehöre zu keiner Risikogruppe", sagt er. 

Sex habe er nur in Beziehungen. Drei feste Partner habe er bislang gehabt. Wenn er einen neuen Freund gehabt habe, habe er vor dem ersten Sex immer einen HIV-Test gemacht und dasselbe auch von seinem Partner verlangt, sagt er. "So hatte ich Sicherheit." Nur weil er schwul sei, habe er deswegen nicht gleich ständig wechselnde Sexpartner – und genau deswegen fühle er sich durch die Regelung diskriminiert. Und setze sich ihr bewusst entgegen.

Die, die eine ernsthafte Beziehung führen, werden genauso ausgeschlossen wie die, die nur Sex suchen.
Hannes

"Diese Regel hat nichts mit Diskriminierung zu tun", sagt dagegen Dr. Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut, das zusammen mit der Bundesärztekammer für die Blutspende-Vorgaben zuständig ist. "Ich verstehe, dass das so empfunden wird, aber es geht ausschließlich um die Sicherheit der Blutspende-Empfänger." 

Dass diese Regelung nicht völlig ungerechtfertigt ist, zeigt die Statistik: Das Risiko, sich mit HIV zu infizieren, ist unter homosexuellen Männern noch immer höher als in der Gesamtbevölkerung. Unter allen Menschen, die sich im Jahr 2015 in Deutschland mit HIV infizierten, waren etwa zwei Drittel Männer, die Sex mit Männern haben – obwohl diese Gruppe, relativ an der Gesamtbevölkerung gesehen, sehr klein ist. (Robert-Koch-Institut

Aber warum gilt die einjährige Enthaltsamkeitsregel auch für die, die in einer glücklichen Beziehung leben?

"Auch in noch so einer glücklichen Beziehung gibt es nie die absolute Sicherheit, dass nicht doch jemand fremd geht", sagt Stöcker. Das sei nicht nur unter homosexuellen Partnerschaften so, sondern bei allen Paaren. "Aber wenn aus einer homosexuellen Partnerschaft jemand fremdgeht, dann eben innerhalb dieser relativ kleinen Bevölkerungsgruppe mit einem erhöhten HIV-Risiko. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, höher."

Auch in noch so einer glücklichen Beziehung gibt es nie die absolute Sicherheit, dass nicht doch jemand fremd geht.
Susanne Stöcker

So einen Fall habe es schon einmal gegeben, erzählt Stöcker: Ein Mann habe seine Homosexualität nicht angegeben, weil er davon ausgegangen sei, in einer stabilen Partnerschaft zu leben. Tatsächlich aber sei sein Partner fremdgegangen, habe sich selbst und dann auch ihn, den Spender, mit HIV infiziert.

Hannes machte mit seinen früheren Partnern immer nur vor dem ersten Sex einen HIV-Test, dann nicht mehr. Er vertraute darauf, dass seine Partner treu waren. Anfangs hätten sie immer ein Kondom benutzt. Später dann nicht mehr.

Dass er sich, trotz aller Vorsicht, noch immer mit HIV anstecken könnte, will auch Hannes nicht ausschließen. Er sagt, er vertraue in diesem Fall den Labortests. Doch eine hundertprozentige Sicherheit garantieren selbst die nicht. "Ein Rest-Risiko bleibt, das kann nie völlig ausgeschlossen werden", gibt er zu. "Aber welche Wahrscheinlichkeit ist wohl größer? Dass ich mit meinem Blut jemandem helfen kann oder dass ich tatsächlich jemanden mit irgendetwas anstecke?"

Gibt es Alternativen, die Schwule weniger diskriminieren?

  • In vielen EU-Ländern werden Spender unabhängig von ihrer Sexualität bei der Blutspende nach ihrem Sex-Verhalten befragt, etwa in Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Portugal (Zeit Online). 
  • Eine Möglichkeit könnte auch sein, die Frist von einem Jahr zu verkürzen – zum Beispiel auf sechs Wochen. Denn: "Eine HIV-Infektion kann man heute sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausschließen", sagte Björn Beck vom Lesben- und Schwulenverband Spiegel Online
  • In Israel wird seit diesem Jahr das Plasma aus Blutspenden homosexueller Männer vier Monate lang eingefroren. Danach wird der Spender noch einmal auf Infektionskrankheiten getestet. Wenn der Spender gesund ist, wird die eingefrorene Blutspende rückwirkend freigegeben. (Deutsches Ärzteblatt)

Für ihn sei es moralisch vertretbar, spenden zu gehen. "Ich fühle mich nicht wie ein Gesetzesbrecher", sagt er.

In vielen EU-Ländern werden Spender unabhängig von ihrer Sexualität nach ihrem Sex-Verhalten befragt, etwa in Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Portugal. (Zeit Online

Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut will dieses Verhalten nicht verurteilen. Aber sie findet es gefährlich: "Hannes ist vielleicht der Meinung, dass er kein Problem hat. Aber am Ende könnte es sein, dass er Menschen, die sowieso schon krank sind, noch weiter gefährdet. Er sollte sich überlegen, ob sein Verhalten wirklich im Sinne der Patienten ist."

*Die bento-Redaktion kennt Hannes' echten Namen, er möchte aber für die Öffentlichkeit anonym bleiben. 


Gerechtigkeit

Die Hamburger AfD will, dass Schülerinnen und Schüler AfD-kritische Lehrer denunzieren
Petze gegen "Hetze"?

Die Hamburger AfD wirft Lehrerinnen und Lehrern "Hetze, Stimmungsmache und Falschbehauptungen" vor – und will nun dagegen jetzt vorgehen. Deshalb will sie jetzt eine Online-Plattform einrichten, in der Schülerinnen und Schüler parteikritische Lehrerinnen melden sollen. (Hannoversche Allgemeine)

Zuvor hatte die Fraktion in einer Großen Anfrage die politische Neutralität der Lehrer in Frage gestellt und mehrere Verstöße aufgelistet, die es an Hamburger Schulen gegeben haben soll.