Bild: Nike Laurenz / bento
daaruum ist jetzt Nilam Farooq und arbeitet als Schauspielerin. Wir haben sie am Set begleitet.

Hallöchen, sagt Nilam Farooq zu Beginn, fast wie in in ihren Videos. Draußen weht eisiger Wind, in Nilams Wohnwagen bläst Luft aus dem Heizgerät. Hallöchen. Kann losgehen. Nilam, 25, hat nach Leipzig eingeladen, ans Filmset von Soko Leipzig – der Serie im ZDF, von der man eher nur mal hört, anstatt sie zu sehen.

Hier gibt Nilam ein Interview. In dem Wohnwagen, in dem sie sich in Drehpausen aufwärmt.

Nilam Farooq am Set in Leipzig: "Ein guter deutscher Krimi"(Bild: bento / Nike Laurenz)

"Für mich ist das grad aufregend", sagt Nilam. Sie spiele zwar schon seit mehr als drei Jahren in der Serie, von nun an aber als Kommissarin. "Diese Serie ist ein sehr guter deutscher Krimi. Für mich eine super Ergänzung, denn die Zielgruppe ist älter als auf meinem Kanal."

Der Krimi-Job ist nicht Nilams einziger, sie gehört auch zu den bekanntesten YouTuberinnen Deutschlands. Ihr Account ist ein Unternehmen: Sie hat mehr als eine Million Abonnenten, in fünf Jahren hat sie 1200 Videos hochgeladen, die Hunderttausende Klicks bekamen. Lange trat sie unter dem Fantasienamen daaruum auf, seit Januar 2014 wissen die Zuschauer auch ihren echten Namen. Nilam.

In ihren erfolgreichsten Videos erzählt sie minutenlang, wie man sich mit Socken Locken macht, sie gibt Tipps für Frisuren bei langen Haaren oder fürs Kekse backen mit Nutella. Und sie hat eine eigene Ring-Kollektion – der sie ihren dritten Job verdankt: Sie leitet das Video-Magazin Ellevant, das sie vor Kurzem mit ein paar Freunden gründete.

Darüber, dass sie sich im Juli wie einige andere YouTuber von der Agentur Mediakraft trennte, möchte sie nicht reden. Nur eins sagt sie: "Für mich ist es ohne Netzwerk besser."

Nilam auf YouTube: Beauty und Lifestyle, aber auch ernste Themen(Bild: YouTube)
Nilam, wer ist denn jetzt daaruum und wer ist Nilam?

Beides bin ich. Auf YouTube war ich lange jemand, der nur bestimmte Themen behandelt hat – vor allem Lifestyle und Beauty. In diesen Videos bin ich als daaruum aufgetreten, meinen richtigen Namen hielt ich geheim. Ich habe mein Privatleben komplett rausgehalten und mache das immer noch. Das größte Opfer war, mal meinen Bruder in einem Video auftreten zu lassen, weil wir beide das in dem Fall gern wollten. Ich habe allerdings schon vor YouTube als Schauspielerin gearbeitet. Als ich bekannter wurde und bei Soko Leipzig einstieg, konnte ich meinen echten Namen dann nicht mehr verbergen. Daaruum und Nilam wurden untrennbar.

Auf der Sitzbank im Wohnwagen türmen sich dicke Pullover und Jacken – und da steht eine Handtasche, aus der ständig ein iPhone klingelt. Nilam geht nicht dran.

Ich wollte und will nicht, dass es heißt, ich sei auf YouTube, weil es mit der Schauspielei nicht läuft – oder umgekehrt. Deswegen der Name daaruum. Deswegen sage ich bei Castings für die Schauspielerei bis heute nicht, dass ich den Channel habe. Viele wissen das ja einfach auch nicht.

Drehort in Leipzig: das Westwerk.(Bild: bento / Nike Laurenz)

Nilam Farooq unterscheidet sich von den meisten deutschen YouTuberinnen. Sie hat nicht nur auch außerhalb des Internets einen Job – anders als Dagi Bee oder Bibi zeigt sie ihren Zuschauern auch nicht, wie es in ihrer Wohnung aussieht. Sie sagt nicht, ob sie einen Freund hat. Und das Badezimmer, in dem sie sich ihre Zähne putzt, bekommt auch niemand zu sehen.

Dass es wahrscheinlich genau das ist, was Tausende 13-Jährige ansprechen würde, sei Nilam egal, sagt sie. Manchmal habe sie das Gefühl, ihre Zuschauer seien mit ihr älter geworden, deswegen spreche sie ohnehin eine andere Zielgruppe an als ihre YouTube-Kolleginnen.

Seit sie sich in ihrem Channel Nilam nennt, haben sich die Dinge verändert: Daaruum sprach über das Schminken, Anziehen und Kochen – Nilam macht das auch, aber viel seltener. Daaruum postete täglich ein Video, Nilam nur zwei Mal die Woche. Daaruum wurde mit Kosmetikprodukten überschüttet, Nilam bekommt nur noch ab und zu einen Lidschatten. Das wars, sagt sie.

In den vergangenen Jahren habe ich mir wahnsinnig viele Kontakte aufgebaut. Früher war ich immer die, die auf Klassenfahrten nicht mitfahren konnte. Heute lebe ich ein Leben, von dem ich nie gedacht hätte, dass es mal meins sein könnte. Und ich kann meine Familie unterstützen. Ich frage mich schon manchmal: Will ich auch mal Kinder haben? Wie wird es in zehn Jahren sein?

Nilam wirkt wie die erwachsen gewordene daaruum. Sie schwärmt nicht mehr von ihrem neuen Lippenstift. Dafür von ihrer großen Vespa-Liebe. Sie erzählt, wie es ihr zwischen den Drehtagen in Leipzig geht oder wie sie über die aktuelle Nachrichtenlage denkt – zum Beispiel nach den Anschlägen von Paris. Nous sommes unis, wir sind vereint, steht da im Titel des Videos.

Mit ihren über eine Millionen Abonnenten teilt Nilam vieles – aber nicht alles.(Bild: bento / Nike Laurenz)

Ich sende ja immer mal wieder Botschaften, gegen Pegida zum Beispiel. Aber das Paris-Video war besonders: Ich saß den ganzen Tag vor dem Laptop, habe jede Nachricht über die Anschläge gelesen. Es gab auch vorher Anschläge, über die ich in meinen Videos hätte reden können. Aber dieses Mal hat es mich so beschäftigt.

Mein Vater kommt aus Pakistan und ist Moslem, meine Mutter aus Polen, sie ist Christin. Ich habe diese beiden Welten immer mitbekommen. Und wollte sagen: Leute, zieht jetzt keine falschen Schlüsse. Fremdenfeindlichkeit geht nicht. Religion ist was anderes, als Terroranschläge zu verüben.

Nilam in ihrem Video über die Anschläge: "Es ist so krass, dass ich nicht weiß, ob ich schlafen kann"(Bild: YouTube)

Das Video mit dem Hashtag des Abends – #ParisAttacks – bekommt mehr als 196.000 Klicks. Das sind viele, aber weniger als sonst: Als sie sich vor vier Jahren für ihre Zuschauer wie Mila Kunis schminkte, sahen sich das 645.000 Menschen an.

Sind Klicks dir wichtig?

Es wäre eine Lüge, wenn ich das verneinen würde. Ich überlege immer, was funktioniert. Aber nur so, dass ich danach auch noch in den Spiegel gucken kann. Das Video mit dem Titel "Schwanger oder braune Haare?" war das einzige bei dem ich aus Interesse wissen wollte, ob solche Titel wirklich am besten funktionieren. Ansonsten macht es mich traurig, zu sehen, dass manche YouTuber die Reichweite, die sie haben, nicht nutzen.

Wenn Nilam das sagt, sieht sie nicht traurig aus. Eher wie eine pragmatische Geschäftsfrau. Eine, die um ihre Wirkung weiß – oder in den vergangenen Jahren gelernt hat, um sie zu wissen. Eine, die diese Wirkung einsetzt, ohne sie auszunutzen. Und die mit vielen Videos vermittelt, dass Frauen auf YouTube auch erfolgreich sind, wenn sie sich nicht immer mit Make-Up zuklatschen, ständig vor laufender Kamera den Freund knutschen oder in Roomtouren die neue Einrichtung präsentieren.

Hektisches Leben – und die Frage: Was will ich in zehn Jahren machen?(Bild: bento / Nike Laurenz)

Es klopft an der Wohnwagentür, sie fliegt auf: "Nilam, du kannst jetzt Essen kommen", ruft es aus der Halle.

Nilam will noch was sagen.

Mein Leben ist hektisch. Es gibt Zeiten, da sehe ich meine Mama nur alle zwei Monate, was schade ist. Heute bin ich um 6 Uhr aufgestanden, damit der Tag nicht nur aus Drehen für Soko besteht. Ich wollte auch noch ein Video hochladen.

Hast du Angst, irgendwann nicht mehr gefragt zu sein?

Naja. Du weißt nie, was morgen ist. Aber dadurch, dass ich Ellevant habe, meinen Channel und die Schauspielerei, würde ich nicht an die Decke gehen, wenn eine Sache mal wegfällt. Ich kann entspannt sein, weil ich mir neben YouTube etwas aufgebaut habe.

Es duftet nach Gebratenem. Nilam knipst den Heizlüfter aus. Auf dem Weg nach draußen erzählt sie, dass ein Kinofilm anstehe und dass sie noch mehr Arbeit in ihr Magazin Ellevant stecken wolle.

Nach dem Essen wird sie ihre Tasche packen. Dann geht es nach Hause, zurück nach Berlin.

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