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Was sie ihrem 13-jährigen Ich heute gerne sagen würde.

Von meinem ersten Mal habe ich noch nie jemandem erzählt. Nicht meiner Mutter, nicht meinen besten Freundinnen, auch nicht meinem Partner. Warum? Weil ich mich geschämt habe. Ich gab mir selbst die Schuld für das, was geschehen war. Inzwischen weiß ich, dass mich keine Schuld trifft. Und dass ich nicht die Einzige bin, der so etwas passiert ist. Deshalb habe ich entschieden, jetzt davon zu erzählen – wenn auch unter einem anderen Namen.

Mein erstes Mal hatte ich im Alter von 14 Jahren mit einem Mann, den ich aus dem Internet kannte. Er war zehn Jahre älter als ich. Wir hatten über ein Jahr in einem Chatroom geschrieben.

Wie die Plattform hieß, muss ich verdrängt haben. Ich erinnere mich nicht, obwohl ich dort etwa anderthalb Jahre meines Lebens fast täglich aktiv war. 

Damals war das Internet noch recht neu. 2001 habe ich mir von meinem seit der Kindheit gesparten Taschengeld meinen ersten eigenen Computer gekauft, der zunächst nur für Videospiele und Basteleien mit Windows-Paint diente – bis das Internet in unseren Haushalt kam.

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Mit meinen Freundinnen wurde es immer gängiger, dass wir uns nicht nur persönlich trafen, sondern auch im Netz zusammen abhingen. Das damalige Äquivalent zu WhatsApp waren Chatrooms – aufregend neu. 

Nach der Schule flog der Rucksack in die Ecke, der Computer fuhr elend langsam hoch. Während das Modem fiepend die Verbindung zum Netz herstellte, kam die Aufregung. Was würde heute passieren? Wen würde ich treffen? Das Internet eröffnete mir Zugang zu Menschen, denen ich sonst nicht begegnet wäre.

Und nicht nur das Internet war neu für meine Freundinnen und mich – auch der Kontakt zu Männern war es. 

Klar, wir hatten Jungs auf unserer Schule, aber wir galten dort nicht als die "Hübschen" oder die "Coolen" – und litten unter dem für 13-Jährige wohl recht üblichen Mix aus wackeligem Selbstwertgefühl und der Suche nach der eigenen Identität.

Meine engen Freundinnen und ich waren albern und fröhlich, eigentlich genügten wir einander. Doch gleichzeitig fingen wir an, uns nach dieser Aufmerksamkeit zu sehnen, die man in Filmen sieht oder die einige Mädchen in unserer Umgebung genossen. Wir wollten auch, dass sich jemand für uns interessierte. Jemand männliches.

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Die Chatrooms waren voll von dutzenden Männern. Im Rückblick ist es erschreckend, wie oft wir die einzigen Mädchen in einem Gespräch waren – zumindest, wenn man ihren Aussagen zur Identität trauen konnte. Manche gaben sich nämlich als etwas aus, was sie nicht waren: jünger oder weiblich. Doch die meisten sagten schnell, wer sie waren: älter und männlich. Und was sie wollten: Kontakt mit uns

Dass wir gerade mal 13 Jahre alt waren, versuchten wir anfangs zu vertuschen. Wir dachten, das würde uns für erwachsene Menschen uninteressant machen. Tat es nicht, im Gegenteil. Was mir damals als bedenklich hätte auffallen können, wurde übertönt von meinem inneren Bedürfnis, gesehen zu werden.

Und gesehen wurden wir, sobald wir einen Chat betraten. Alle sprachen uns an, wollten mit uns quatschen, es war aufregend, dass sich plötzlich so viele Menschen für unsere Meinung interessierten, während wir in der echten Welt als Teenies abgetan wurde. Wir sprachen über Musik – ich dachte damals, die Charts seien das Tollste, was die Musikwelt hervorbringt –, den gerade erschienenen ersten "Herr der Ringe"-Film, schickten einander Memes und Videos von hüpfenden Pinguinen, die man heute nur noch in der WhatsApp-Familiengruppe findet. 

Wir fühlten uns unseren Eltern überlegen, denn sie verstanden nicht, was wir da taten. Wir hatten richtig viel Spaß.

Doch nicht immer blieb es dabei. Viele der Männer auf der Plattform wollten am liebsten direkt in einen Privatchat, denn dort konnten sie sexuelle Bilder schicken und uns fragen, ob wir uns schon mal selbst befriedigt hätten. Sie hielten den Kontakt durch Druck, indem sie Verabredungen zu Chats einforderten und wütend wurden, wenn wir nicht auftauchten.

Dass man das Verhalten dieser Männer Cybergrooming nennt, habe ich erst später erfahren.

Cybergrooming

Wenn Täterinnen und Täter strategisch im Internet Kontakt mit Kindern oder Jugendlichen aufnehmen, um damit sexuelle Übergriffe vorzubereiten, nennt sich dies Cybergrooming. Die zuständige Stelle des Bundes beschreibt dieses Vorgehen so: "Sie suchen den Kontakt, gewinnen ihr Vertrauen, manipulieren ihre Wahrnehmung, verstricken sie in Abhängigkeit und sorgen dafür, dass sie sich niemandem anvertrauen."

Täter nutzen dabei verschiedene soziale Netzwerke, Online-Spiele und Plattformen, um den Kontakt herzustellen.

Es ist leicht zu sagen: Warum seid ihr nicht einfach gegangen? Ihr wusstet doch, dass das merkwürdig ist. Warum habt ihr das mitgemacht?

Doch die Dynamik dahinter ist kompliziert. Mein 13-jähriges Ich dachte, sie sei reif genug, um sich mit erwachsenen Männern unterhalten zu können. Sie dachte, es würde sie komplett kalt lassen, dass ihr Penisbilder geschickt wurden. Sie lachte mit Freundinnen über den "Cybersex", den die Männer mit uns haben wollten. Wir dachten, wir stehen darüber.

Wir dachten auch: So läuft das halt. So fühlt es sich an, wenn Männer dich wollen. So funktionieren Beziehungen. Und eine Beziehung zu haben, war das Wichtigste für ein Mädchen, das wurde uns klar kommuniziert: in Mädchenzeitschriften und Büchern, Filmen und Popsongs.

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Heute weiß ich: Es hat mir geschadet. Mir hätte jemand helfen müssen.

Nur wer? Jugendschutz existierte damals im Internet faktisch nicht – und die traurige Realität ist: Heute ist es genauso. In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel verändert, aber die Gefahr ist nicht kleiner: Die Internet-Nutzerinnen und -Nutzer sind noch jünger geworden und durch die Smartphones rund um die Uhr online.

Wie Täter im Netz agieren

Sexuelle Übergriffe und Straftaten im Netz werden selten angezeigt und fast nie verfolgt, obwohl sie sehr häufig geschehen. Eine aktuelle ZDF-Doku zeigt, dass die Mehrheit aller Kinder heute Opfer von Sexualstraftätern im Internet werden. Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger geht davon aus, dass "heutzutage kaum ein Kind im digitalen Raum aufwachsen kann, das nicht in irgendeiner Form mit so einem Sexualtäter konfrontiert wird". 

Wer glaubt, außerhalb von dubiosen Chats sei man sicher, täuscht sich: Während vor etwa 20 Jahren die Kontaktaufnahme meist in Chatrooms stattfand, hat sich das Aktionsfeld verbreitert. Jedes Programm, das einen Onlinemodus beinhaltet, kann durch Täter genutzt werden. Heute schreiben Täter die Kinder und Jugendlichen vor allem über Onlinespiele, Social-Media-Apps wie Instagram und WhatsApp an.

Im Vergleich zur Realität trauen sich Menschen im Netz zudem deutlich mehr zu, sagt Cyberkriminologe Rüdiger gegenüber bento: "Sexualtäter – vor allem Cybergroomer – treten im Netz sehr öffentlich und aggressiv auf. Gleichzeitig betreiben sie häufig kein aktives Riskmanagement, also Maßnahmen, um die Strafverfolgung zu erschweren. Die Verfolgungswahrscheinlichkeit ist so gering, dass manche Täter keine Notwendigkeit dazu sehen."

Hätten meine Eltern mir helfen müssen? Meine Mutter war alleinerziehend, hat viel gearbeitet. Sie ist der Grund, warum ich diesen Text nicht unter meinem echten Namen schreibe. Sie würde sich riesige Vorwürfe machen, wenn sie wüsste, wovor sie mich damals nicht beschützen konnte.

Es lag ein breiter Wissensgraben zwischen meiner Mutter und mir. Sie besuchte zu der Zeit gerade einen Computerkurs, der ihr beibrachte, wie man Word benutzt. Vom Internet wusste sie nichts. 

Ich erzählte ihr nichts von meinen Chats, aus Angst, sie würde mir den Computer verbieten oder noch schlimmer: mich verurteilen. Denn schon damals empfand ich Scham für das, was ich in diesen Chats mitkriegte. Ich dachte eben nur, dass ich damit alleine klarkomme.

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Ich traf Michael zum ersten Mal persönlich, als ich gerade 14 geworden war. Wir hatten fast ein Jahr lang gechattet, ich war in ihn verknallt. Er war 24 Jahre alt. Wir hatten eine Art Date in der Stadt, in der mein Vater lebte, bei dem ich an diesem Wochenende zu Besuch war. Michael war dafür extra aus dem Süden Deutschlands in den Norden gereist.

Wir gingen spazieren, redeten – und als mein Vater nicht zu Hause war, hatten wir Sex miteinander. 

Ein paar Minuten Missionarstellung, nicht besonders angenehm. Das Kondom hatte Michael einfach liegen lassen und war in mir gekommen. Ich hatte mich nicht getraut, etwas zu sagen. Wir verbrachten den restlichen Tag damit, einen Frauenarzt zu suchen, der mir die Pille danach verschreiben würde – schweigend, betreten. 

Ich ahnte: Das war ganz großer Mist. 

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Andererseits: Was wusste ich schon von Sex? Vielleicht ist das einfach so, dachte ich. Ich stellte "uns" nicht infrage. Denn hätte ich das getan, wäre die Situation vermutlich unerträglich gewesen. Ich wollte wenigstens an einer romantischen Illusion festhalten.

Ich nahm an, man müsse Sex haben, wenn man mit einem Erwachsenen zusammen ist. Und "zusammen sein" wollte ich auf jeden Fall. Denn Michael hörte zu, war mein erster Ansprechpartner bei Problemen, bestand sogar darauf, dass wir ein gemeinsames Liebeslied haben müssen.

Mit 14 dachte ich, dass sich so Liebe anfühlt.

(Bild: Jeremy Perkins / Unsplash)

Was Michael tat, war nach unserem Rechtssystem nicht unbedingt illegal: In Deutschland liegt das Schutzalter bei 14 Jahren – rechtlich durfte er also mit mir Sex haben. Außer, man hätte nachweisen können, dass er massiven Druck aufgebaut hat. Oder dass ich sehr naiv und leicht zu beeinflussen war. Ab wann aber ist Druck "sehr groß"? 

Ab wann ist eine 14-Jährige außergewöhnlich naiv?

Aber selbst, wenn er sich nicht strafbar gemacht hat:

Ist "Zustimmung" zwischen einem erstmals verknallten Teenager und einem Erwachsenen dasselbe, wie unter zwei gleichermaßen aufgeregten und emotional aufgeputschten Jugendlichen?

Michael hatte wissentlich mit einem 13-jährigen Mädchen gechattetet – über Monate hinweg, jeden Tag – um es zu einem Treffen zu überreden

Das Treffen fand zwei Wochen nach meinem 14. Geburtstag statt.

Nachdem Michael bei mir gewesen war, lief der Kontakt zu ihm allmählich aus. Es gab noch einige andere Männer, die versuchten, seinen Platz einzunehmen. Einer, Mitte 40, schickte mir ständig Bilder von nackten Frauen und fragte mich, wie ich die fände

Er reiste irgendwann – ohne eine Verabredung – in meine Heimatstadt, um mich zu sehen. Ich behauptete, krank zu sein, um dem Treffen zu entgehen. Er gab nicht nach, sagte, er könne sich auch an mein Bett setzen und mir Tee machen. Das war der Tag, an dem ich mich komplett aus den Chats herauszog.

Ich dachte, damit sei es getan. Es hat lange gedauert, bis ich realisiert habe, wie stark diese Chat-Zeit meine Beziehungen in den darauffolgenden zehn Jahren geprägt hat. Heute weiß ich: Diese Männer waren klassische "Online Predators", wie sie im Englischen genannt werden, also "Online-Jäger". 

Doch bis vor wenigen Jahren dachte ich: So läuft das eben mit dem Flirten, mit dem Daten; Männer sind eben zielstrebig, fordernd, sexuell hungrig; mein größtes Ziel sollte es sein, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und ihnen zu gefallen. Meine Sexualität ist hauptsächlich dafür da, sie zu befriedigen, dachte ich. 

Ich hatte Glück, dass sich das geändert hat. Durch meine Freundschaften, durch bessere Beziehungen, durch meine Mutter, die ich immer als starke Frau bewundert habe. 

Heute bin ich 30 Jahre alt, sehe mich als Feministin, trete gegen Ungerechtigkeit ein und für Menschen, deren schwächere Position in der Gesellschaft ausgenutzt wird. Ich führe eine gleichberechtigte Beziehung mit offener Kommunikation über unser Liebesleben. Und trotzdem habe ich bis zu diesem Text noch nie jemandem von meinen sexuellen Anfängen erzählt. 

Nie alles, nie so ehrlich. Es war mir immer peinlich, die innere Stimme hat mantraartig wiederholt: Du hättest es wissen müssen. Du hast doch mitgemacht. Und am schlimmsten: Du bist damit alleine, alle anderen waren nicht so dumm, wie du.

Heute kann ich meinem 13-jährigen Ich sagen: Du bist nicht alleine. Du konntest es nicht wissen. Du hast keine Schuld.

Du hast auch Erlebnisse mit den Chatrooms von damals?

Schreib uns deine Geschichte an fuehlen@bento.de

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