Drei Aktivistinnen erzählen vom ersten digitalen CSD in Hannover.

Bis zum Ende dieses Sommers wird es wegen des Coronavirus keine Großveranstaltungen geben. Der Christopher Street Day in Hannover findet am Sonntag trotzdem statt. Diesmal werden jedoch nicht Straßen und Plätze mit Paraden, Musik und Tausenden Menschen belebt, sondern Protest und Fest ins Netz verlagert. Mithilfe eines Livestreams wollen Organisatorinnen und Organisatoren den Aktionstag für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Inter- und Transgender-Personen trotz Social Distancing zelebrieren.

Bundesweit suchen LGBTQ-Organisationen nach Alternativen für die ausfallenden Paraden. Der "CSD Hannover" ist die erste digitale Variante. In Kooperation mit dem Schauspielhaus und dem Opernhaus in Hannover streamen sie auf ihrer Website, auf Facebook, YouTube und Twitch ein achtstündiges Programm. Zusätzlich sollen Plakate und Flaggen in der Stadt den Aktionstag optisch sichtbar machen.

Christopher Street Day (CSD)

Der heutige Christopher Street Day geht auf den "Stonewall-Aufstand" 1969 zurück. In der New Yorker Christopher Street protestierten Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten tagelang gegen polizeiliche Willkür. Der Protest schlug international so hohe Wellen, dass er auch die queere Szene in Deutschland beeinflusste. (Mehr dazu)

Außerdem sind bei einem Sichtbarkeitslauf Kleingruppen von maximal zwei Haushalten mit ihrem CSD-Outfits und Flagge in der Stadt unterwegs. Ohne die geschützte CSD-Laufmasse warnen jedoch Organisatorinnen und Organisatoren vor Anfeindungen und mahnen, vorsichtig zu bleiben.

Wir haben Projektleiterin Corinna Weiler und die am CSD Hannover beteiligten Aktivistinnen Mine Wenzel und Jana Thiessen im Video oben gefragt: Warum ist es wichtig, den CSD auf einer anderen Plattform stattfinden zu lassen? Und wie wirkungsvoll kann ein digitaler CSD überhaupt sein?


Gerechtigkeit

"Corona-Held" ist kein Kompliment, sondern gefährlich
Wir werden die Heldengeschichten brauchen, aber noch ist es zu früh dafür. Ein Kommentar.

Im Moment scheint es überall Heldinnen und Helden zu geben: Staatschefs erwähnen sie in ermutigenden Ansprachen, in der Berichterstattung gibt es "Heldenwochen" und Supermarktketten geben marketingtaugliche Rabatte für "Corona-Helden aus dem Gesundheitssystem".

Es ist verlockend, sich alledem hinzugeben, denn "Helden" machen vieles so wunderbar einfach: Sie retten uns. Sie haben die Lage schon irgendwie im Griff. Und am Ende wird alles gut – und wenn noch nicht alles gut ist, dann ist es ja noch nicht das Ende. Und genau dieses Denken macht den Heldenbegriff so gefährlich.

Der Coronavirus ist keine Netflix-Serie 

Superhelden-Filme und Serienkracher der vergangenen Jahre haben vor allem die Generation Netflix daran gewöhnt, dass für Heldinnen und Helden keine Katastrophe zu verheerend und keine Lage zu aussichtslos ist. Wir wissen zwar theoretisch, dass Film und Fernsehen Fiktion ist und die Corona-Pandemie Realität, aber angesichts der Bedrohung durch das Virus kickt der antrainierte Helden-Reflex doch bei allen rein.