Bild: Marc Röhlig/bento
Für viele Millennials ist Covid-19 nur ein Meme. Aber für Ältere wird diese Sorglosigkeit gefährlich.

Der Moment, in dem mich die Coronakrise einholte, begann mit einer Gratulation. "Herzlichen Glückwunsch", schrieb mir meine Chefin auf WhatsApp, "dein Urlaubsziel wurde zum Risikogebiet erklärt." Ich solle erst mal nicht ins Büro zurückkommen, bis geklärt sei, ob ich infiziert sei. Die Betriebsärztin schlug gleich Homeoffice für 14 Tagen vor. Wie ein echter Glückwunsch fühlt es sich nicht an. 

Ich war mit meiner Frau und meiner anderthalb Jahre alten Tochter mehrere Tage zum Rodeln in Österreich gewesen, in Tirol. Klar, ich hatte mich kurz vor dem Urlaub informiert, ob unser Ort Risikogebiet ist – war er nicht. Und ich hatte auf der Seite des Robert Koch-Instituts nachgelesen, wie gefährdet Kleinkinder sind – sie sind quasi ein Anti-Viren-Bollwerk. Aber wirklich beschäftigt hatte ich mich mit dem Coronavirus bisher nicht. Nun war ich plötzlich mittendrin.

Südtirol in Italien wurde zum Risikogebiet erklärt, mittlerweile hat sich das ganze Land abgeschottet. Das betrifft zwar nicht das nördliche Tirol in Österreich – aber die Ärztinnen, mit denen ich in den kommenden Tagen sprach, wollten lieber auf Nummer sicher gehen.

Für viele Millennials ist Corona nicht mehr als ein Meme

Alles rund um Corona und Covid-19 war mir in den vorangegangenen Wochen ziemlich egal gewesen. Vieles, was ich auf Social Media gesehen habe, empfand ich eher als Panikmache. Oder als Rassismus (bento). Die politischen und wirtschaftlichen Dimensionen hinter dem, was manche schon abfällig als "Corona-Hype" bezeichnen, interessierten mich mehr als die eine simple Frage, wie gefährlich dieses Virus nun ist. Denn was soll schon sein? Ich bin Anfang 30, ich bin kerngesund. Mir passiert schon nichts, dachte ich.

Und ich bin scheinbar nicht allein mit dieser Haltung: In keiner meiner WhatsApp-Gruppen, nicht auf Instagram und nicht auf TikTok habe ich ernsthafte Auseinandersetzungen mit der Krankheit gesehen. Freunde und Bekannte in meinem Alter teilen Meldungen über die Lage für Geflüchtete in Griechenland oder den Führungsstreit in der CDU – Updates zum Coronavirus interessierten sie kaum. Wenn das Virus Thema wurde, dann nur als Meme. 

Eine Freundin verlinkte einen Artikel, der Masturbation zur Stärkung des Immunsystems empfahl. Andere likten einen Tweet, der Gesundheitsminister Jens Spahn als Macarena-Tänzer verspottet:

Und als ebenjener Spahn dann auch noch riet, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besucherinnen und Besuchern abzusagen, witzelte ein Freund auf Facebook, dass der anstehende CDU-Parteitag 1001 Delegierte geladen habe. Man könne ja Friedrich Merz einfach wieder ausladen, haha.

Auf TikTok macht derweil der Song "It's Corona Time" die Runde – inklusive vieler, vieler, vieler Videos, die sich über den Virushype amüsieren.

Ich war in Tirol und tat: nichts

Ich selbst wusste zu dem Zeitpunkt seit zwei Tagen, dass ich nahe eines Risikogebiets war und tat: nichts. Mein Vater war über das Wochenende zu Besuch, wir alberten mit meiner Tochter herum, machten Spaziergänge, gingen Frühstücken. Über Hamsterkäufer lachten meine Frau und ich, wir hatten nach unserem Urlaub nur frisches Obst und Gemüse fürs Wochenende geholt. Und einmal Klopapier – aber nur, weil es halt alle war. 

Der Arbeitgeber meiner Frau empfahl, doch mal die Corona-Hotline anzurufen, einfach zur zusätzlichen Absicherung. Das Gesundheitsministerium verweist auf die Nummer 116117, unter der sich Bürgerinnen und Bürger informieren können. Ich war immer noch skeptisch. Wir zeigten keine Symptome, wir waren nur ein paar Tage in einem eingeschneiten Tal in Österreich. 

Die Dame an der Hotline sah das anders. Sie erklärte ganz Tirol zum Risikogebiet. Dass wir uns erst drei Tage nach unserer Rückkehr melden, sei grob fahrlässig. Vielleicht war das Ganze aber auch nur ein geografisches Missverständnis.

Tirol in Österreich: Ist hier irgendwo ein Coronavirus versteckt?

(Bild: Marc Röhlig)

Wenige Tage zuvor hatte mein SPIEGEL-Kollege Juan Moreno in Berlin versucht, unter derselben Hotline ebenfalls Hilfe zu finden (SPIEGEL). Während die Berliner Behörden und Arztpraxen ihn immer wieder abwimmelten, schuf man in Hamburg Tatsachen: Eine Ärztin, die uns auf Geheiß der Hotline direkt zurückgerufen und ausgefragt hatte, nahm Namen, Anschrift, Krankenkasse auf und setzte uns alle unter häusliche Quarantäne. 

Quarantäne für Frau, Kind und mich

Sonntagnachmittag wurden wir damit zu drei neuen Corona-Verdachtsfällen. Gleich am Montagmorgen sollten wir uns mit unserer Hausärztin in Verbindung setzen. Das Kind dürfe nicht in den Kindergarten, wir nicht zur Arbeit. Jede und jeden, mit dem wir Kontakt hatten, sollten wir unverzüglich informieren. 

Und da kam ich erstmals ins Grübeln. Sah ich das doch zu locker? Neben meinem Vater hatten wir am Wochenende auch noch die Eltern meiner Frau getroffen. Das höchste Risiko haben laut Robert Koch-Institut Menschen über 60. Weiß das Virus, dass mein Vater erst 58 ist? Kurz nachdem wir als Verdachtsfälle eingestuft werden, wird vermeldet, dass der erste Deutsche an Covid-19 gestorben ist. Er war 60 (SPIEGEL).

Was manche als Panikmache abtun, ist für andere existenziell. Wir saßen in Zügen, die aus Mailand kamen. Reicht eine angefasste Zugklinke, um in Hamburg dutzende Menschen zu gefährden? Wegen uns hätten ein Nagelstudio, ein Bäcker, ein Supermarkt, eine Drogerie, zwei Nachbarschaftsfamilien, die nette Dame mit dem Hund, der Busfahrer und die Verkäuferin im Kinderbettenladen informiert werden müssen. 

Darum geht es jetzt ja auch der Regierung, sie versucht den Spagat zwischen Krisenmodus und Besonnenheit. Auch wenn sich viele junge Menschen unverwundbar fühlen mögen – andere sind es nicht. Auf sich zu achten, hilft, die Ausbreitung einzudämmen:

Denn wie würde ich damit umgehen, wenn ich für die Erkrankung oder gar den Tod eines anderen Menschen verantwortlich bin, nur weil ich das mit dem In-den-Ellenbogen-Niesen für übertrieben halte? 

17 Stunden Corona-Verdachtsfall, 17 Stunden Gewissensbisse

Als wir am Sonntagabend unsere Tochter ins Bett gebracht haben, grübeln meine Frau und ich, wie es weitergeht. Legt uns jetzt ein Freund Nudeln und Brot vor die Tür? Dürfen wir mit unserem Kind wenigstens mal auf den Balkon? Am Ende sagt meine Frau: "Das wird schon". Sie meint nicht uns, sie meint unsere Eltern. 

Am Montagmorgen, wir sind nun seit knapp 17 Stunden Verdachtsfälle, gibt unsere Hausärztin schließlich Entwarnung. Wenn wir nicht wirklich in Südtirol waren und uns gesund fühlen, ist keine Quarantäne nötig. Ich fühle mich bestätigt, alles doch nur halb so wild. Jetzt bitte zurück zum Tagesgeschäft. Oder auch nicht.

Denn ein bisschen haben mich die 17 Stunden Ungewissheit verändert. Plötzlich wollte ich wissen, wie viele Infizierte es in Hamburg gibt und welche Maßnahmen die Regierung plant. Plötzlich wollte ich nachlesen, was nun der Unterschied zwischen einer normalen Grippe und Covid-19 ist (SPIEGEL). Die 17 Stunden, sie haben mir klar gemacht, warum beim Thema Corona viele so stark zwischen Beschwichtigung und Panik pendeln. Und warum es auch der Regierung so schwer fällt, besonnen, aber nicht übertrieben auf die Pandemie zu reagieren. 

Es geht nicht darum, für wie fit der Einzelne sich hält – sondern welchen Gefahren man die Schwächsten in unserer Gesellschaft aussetzt. 


Gerechtigkeit

Sind wir gut oder schlecht? Ein Gespräch mit Rutger Bregman über die Natur des Menschen
Warum der Historiker an das Gute im Menschen glaubt – trotz Krieg und Folter.

Menschen lügen und betrügen, sie bauen Massenvernichtungswaffen, sie schließen Grenzen vor Hilfsbedürftigen und spekulieren auf Grundnahrungsmittel. Menschen sind, so eine allgemeine Annahme, im Kern ihre Wesens nicht moralisch, sondern nur am eigenen Überleben und Gewinn interessierte Egomanen. 

Dienstag ist ein Buch erschienen, das mit diesem Menschenbild aufräumen will, "Im Grunde gut". Die These: Eigentlich sind Menschen ganz in Ordnung. Es sei nicht die sogenannte Zivilisation, die uns zwinge, nett zu sein. Sondern soziales Verhalten liege in unserer Natur. 

Der niederländische Autor, Rutger Bregman, 31, Historiker mit Thesen zur Gegenwart und Millennial mit Freude an der Boomer-Konfrontation, wurde vergangenes Jahr mit einer kleinen Ansprache so richtig berühmt. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos wich er vom geplanten Skript ab – und sagte der anwesenden Finanzelite die Meinung.