Leo dachte, er hätte die Traum-WG gefunden – bis sein Mitbewohner ihm unangenehm nah kam.

Ich konnte mein Glück kaum fassen: sonnendurchflutete Wohnung, edler Holzboden, beste Lage im schicken Viertel. Stephan*, den ich vor zwei Jahren auf einer akademischen Veranstaltung flüchtig kennengelernt hatte, antwortete mir auf mein WG-Gesuch in einer queeren Facebook-Gruppe. In seiner Eigentumswohnung sei noch ein möbliertes Zimmer frei. Wir verabredeten uns auf einen Kaffee und besprachen die Formalitäten: Mietvertrag, Höhe der Miete, Einzugsdatum, alles ganz unkompliziert.

Ich, Mitte 20, für mein Masterstudium von der einen in die andere Großstadt gezogen, würde also von nun an mit einem etwa 20 Jahre älteren Mann zusammenleben, der aber in seiner Art deutlich jünger wirkte. Wegen seines Jobs in einer anderen Stadt würde er ohnehin nur die Hälfte der Woche in der Wohnung sein. 

So war es zumindest geplant – vor Corona. Vor Kontaktsperren, Schutzmasken und den dringlichen Empfehlungen, die eigenen vier Wände nur für das Allernötigste zu verlassen. Doch dann wurde die häusliche Quarantäne zum Gebot der Stunde, und mein neues Zuhause zu einem merkwürdigen Konglomerat aus Wohn- und Zwangsgemeinschaft.

Denn in den vergangenen Wochen erlebte ich, dass eine solche Situation auch ausgenutzt werden kann – und es schwierig sein kann, sich dagegen zur Wehr zu setzen.  

Der Mitbewohner sehnt sich nach Nähe in der Corona-Zeit

Zunächst lief alles gut. Während Stephan im Homeoffice arbeitete, engagierte ich mich in der Nachbarschaftshilfe und richtete mein neues Zimmer ein. Meistens kochte ich abends für uns beide. Trotz der Corona-Anspannung führten wir gute Gespräche. Und ich fing langsam an, mich wohl zu fühlen. Dass ich nach einer Woche immer noch keinen Mietvertrag hatte: nicht weiter schlimm. In dieser Ausnahmesituation hätten eben andere Dinge Vorrang, redete ich mir ein. 

Bald jedoch änderte sich Stephans Tonfall beim Abendessen. Sichtlich mitgenommen von den coronabedingten Turbulenzen seiner Arbeit gestand er mir, wie froh er sei, im Moment nicht allein zu sein. Führung im Beruf zu übernehmen, bringe oft private Einsamkeit mit sich. Selten habe er sich so sehr nach menschlicher Nähe gesehnt wie jetzt.

Ich wurde hellhörig. Wollte er doch mehr als nur einen Mitbewohner zum Quatschen? Als ich mich verabschiedete, um mich in mein Zimmer zurückzuziehen, traf er mich dann zum ersten Mal: dieser halb enttäuschte, halb tadelnde Blick, der mir fortan immer dann gelten würde, wenn ich abends ankündigte, schlafen gehen zu wollen. Auf einmal bereitete mir mein Wunsch nach Ruhe und Rückzug, der in meinen vorherigen WGs kein Problem gewesen war, ein schlechtes Gewissen. Ich ertappte mich dabei, Notlügen zu erfinden.

Nach einigen Tagen fragte ich Stephan erneut nach dem Mietvertrag und seinen Kontodaten, denn es fühlte sich immer eigenartiger an, ihm die Miete nach wie vor schuldig zu sein. Er beschwichtigte mich: In den nächsten Tagen würde er sich dransetzen, er habe noch so viel um die Ohren. Von da an hakte ich im Drei-Tages-Rhythmus nach. De facto hatte ich bald einen ganzen Monat lang in seiner Wohnung gewohnt, ohne auch nur einen Cent Miete gezahlt zu haben. Irgendwann erwischte ich mich selbst bei dem Gedanken: "Wäre es so schlimm, hier umsonst zu wohnen? Ich kann ihn schließlich nicht dazu zwingen, mir die Kontodaten zu geben."

Massagen statt Miete

Doch wie ich es mir auch gedanklich schönredete: Solange ich keine Miete zahlte, war ich von einem mir im Prinzip völlig fremden Menschen abhängig. Und in den folgenden Tagen machte ich die Erfahrung, dass sich solche Machtgefälle nicht einfach wegwünschen lassen.

Ungefragt fing er nach einem Abendessen an, mir den Rücken zu massieren. Sofort fand ich mich in einem Gedankenstrudel wieder: "Mach dich locker. Eine Massage, mehr nicht. Immerhin würdest du ohne ihn niemals in dieser Top-Lage wohnen. Wenn du jetzt aufmuckst, belastest du euer Verhältnis. Was, wenn er dich wieder rauswirft? In der Corona-Krise würdest du niemals eine neue Wohnung finden." 

Ein paar Schritte Richtung Sofa. Nur eine stinknormale Rückenmassage. Doch dann drückte er mich an sich, fasste an meine Brust und an meinen Bauch. "Du kannst hier einschlafen", sagt er mir, weniger als Angebot, mehr als Aufforderung. Endlich fühlte ich mich imstande, den Mund aufzumachen: "Nein, ich möchte in meinem Bett schlafen." Dieser enttäuschte Blick, wieder einmal.  

Ich versuchte, den Vorfall schnellstmöglich zu vergessen, ging von da an aber auf Distanz. "Du sitzt so weit weg", sagte er mir, wenn ich mich im Wohnzimmer etwa bewusst auf die andere Couch setzte. Doch seine Annäherungsversuche wurden noch offensiver. Ich blieb beim Nein.

Wo fängt ein Übergriff an?

Dass ich seine Grenzüberschreitungen zwar wahrnahm, sie aber erst später als solche benennen konnte, hat wohl mehrere Gründe. Zum einen hatte ich ja keine physische Gewalt erfahren, keinen Schlag ins Gesicht bekommen, keine verbale Erniedrigung erlitten. Im Gegenteil, Stephan hatte stets respektvoll mit mir gesprochen. Was mir widerfahren war, hatte sich unterschwelliger abgespielt. Es als ernstzunehmendes Problem einzuordnen, wirkte für mich wie eine Verhöhnung der Betroffenen "echter" Gewalttaten in Zeiten von Corona.

Dazu kam, dass ich auf keinen Fall – nicht einmal gedanklich – das homophobe Narrativ bedienen wollte, dass schwule Männer nicht an sich halten und quasi jede Sekunde sexuell übergriffig werden könnten. Im kollektiven Gedächtnis vieler queerer Menschen wie mir sind solche Vorurteile tief eingebrannt – und bewirken heute, dass zu selten über Missachtungen von persönlichen Grenzen und Konsens auch innerhalb der queeren Community diskutiert wird.

Trotzdem entschloss ich mich, einer Freundin von meiner Wohnsituation zu erzählen. Je mehr Details ich ihr schilderte, desto wütender wurde sie. Stephan habe mir auf der Stelle den Mietvertrag auszuhändigen und mein "Nein" zu akzeptieren. Ihre Klarheit tat mir sehr gut. Nachts schrieb ich meiner Familie, am nächsten Tag machte ich einen langen Spaziergang und telefonierte mit weiteren befreundeten Menschen. Schnell hatte ich eine ganze Reihe Unterkunftsangebote. Nicht nur aus dieser Solidarität heraus schöpfte ich Kraft. Ich merkte auch, dass ich stolz war, in einer kritischen Situation meine persönliche Grenze gezogen zu haben.

Hier finden LGBTQ während der Coronakrise Hilfe:

Junge LSBTI kann die Aufforderung, zu Hause zu bleiben, sehr belasten, vor allem wenn sie ungeoutet sind oder Eltern die sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Identität ihrer Kinder nicht akzeptieren. Aufgrund von Corona werden sie wesentlich mehr Zeit zu Hause und zusammen verbringen müssen – das Treffen mit unterstützenden Freund*innen oder Coming-out-Gruppen fallen aus (Lesben- und Schwulenverband). Falls du in dieser Zeit Hilfe suchst, gibt es folgende Anlaufstellen:

Für alle, die sich zu Hause nicht sicher fühlen, gibt es auch die Hilfetelefone des Bundesfamilienministeriums:

  • Die "Nummer gegen Kummer" bietet Telefonberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter der Rufnummer 116 111 zu erreichen – von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr.
  • Unter der Nummer 0800 22 55 530 ist das Hilfetelefon "Sexueller Missbrauch" montags, mittwochs und freitags von 9 bis 14 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 15 bis 20 Uhr bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar. Unter www.save-me-online.de ist das Online-Beratungsangebot für Jugendliche des Hilfetelefons erreichbar.

Nichts wie raus

Ich beschloss, mit meinem Mitbewohner das offene Gespräch zu suchen, höflich aber klar. Nun musste ich keine Angst mehr haben, herausgeworfen zu werden, denn ich hatte einen Backup-Plan. Ein großes Privileg – Menschen in ähnlichen Situationen müssen oft zwei Mal überlegen, welche Konsequenzen eine direkte Konfrontation haben könnte. 

Als ich ihn am Abend zur Rede stellte, reagierte er kurz bestürzt, dann abgeklärt. "Bloß kein Kopfkino!", wehrte er ab. Dass er ein paar Mal zu oft nachgefragt hatte: "Schieb's auf meine Müdigkeit." Keine Entschuldigung, aber meine Botschaft schien angekommen. Noch am selben Tag hatte ich einen Mietvertrag in den Händen. Abends fuhr er in seine Zweitwohnung in einer anderen Stadt – vorerst würde er von dort aus weiterarbeiten. Dennoch war für mich klar: Höchste Zeit, nach einer neuen Bleibe Ausschau zu halten.

*Der Name wurde, ebenso wie der Name des Autors, zur Wahrung der Anonymität geändert.


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