Ein Kommentar einer Risikopatientin

Ich bin 26 Jahre alt, Nichtraucherin, habe noch kein einziges graues Haar, trinke gelegentlich mal ein Glas Gin zu viel und tanze in Clubs gerne bis zum Sonnenaufgang. Ach, und ich gehöre zur Corona-Risikogruppe. Aufgrund einer im Alltag "unsichtbaren" Vorerkrankung. Ja, man muss nicht steinalt, Kettenraucher oder gebrechlich sein. Seit die Krankheit mit 14 Jahren entdeckt wurde, habe ich viele Operationen hinter mir und ein sehr schwaches Immunsystem. 

Vergangenes Jahr hatte ich nach einer "normalen" Grippe plötzlich Wasser in der Lunge, auch diesen Winter musste ich bereits wegen einer Erkältung ins Krankenhaus – weil mein Kreislauf zusammengeklappt ist und ich aufbauende Infusionen benötigte.

(Bild: Privat.)

Wer schützt hier wen? 

Ich bin wieder fit. Aber vielleicht nicht fit genug für ein Virus, dessen Verlauf und Heilung noch nicht erforscht sind. Zum Schutz darf ich daher schon seit einigen Tagen das Gelände meiner Firma nicht mehr betreten – die Ansteckungsgefahr sei zu groß, sagt mein Chef. 

Stattdessen bin ich allein zu Hause, in Isolation. Freunde treffen ist tabu. Meine Familie, die etwa 700 Kilometer von mir entfernt in Baden-Württemberg (einer der Corona-Hochburgen momentan) lebt, sehe ich nur per Video-Call. Meine Mutter macht sich Sorgen und würde mich am liebsten sofort zu sich nach Süddeutschland holen. Doch meine Eltern waren bis vor einigen Tagen noch in Spanien, stehen nun 14 Tage unter selbstauferlegter Quarantäne.

Bloß einen kurzen Spaziergang darf ich ab und zu machen, das sei wichtig für die Lungenfunktion, meint meine Ärztin. Trotz ihrer Erlaubnis fühlt es sich für mich seltsam an, das Haus zu verlassen. Meinen sauberen, keimfreien Schutzraum, meinen kleinen, feinen "Isolierbunker". Ich zucke fast ein bisschen zusammen, wenn mir Menschen "dort draußen", in freier Wildbahn, zu nah kommen. Desinfiziere immer brav meine Hände, konzentriere mich darauf, mir bloß nicht ins Gesicht zu fassen. Kognitive Höchstleistung.

Was es für mich bedeuten würde, das Coronavirus zu bekommen? Ganz genau kann mir das bisher keiner meiner Ärzte sagen. Dafür gibt es bisher zu wenige Erkentnisse. Besonders witzig wäre es aber wahrscheinlich nicht: Krankenhaus, Infusionen. Vielleicht nur ein paar Tage oder Wochen, wenn's richtig dumm läuft, könnte sich allerdings wieder Wasser in der Lunge bilden. Ob ich davor Angst habe? Ich denke viel darüber nach, ja. Komme dann aber jedes Mal schnell wieder zu dem Schluss, dass Panik nun wirklich gar niemandem weiterhilft.

Also versuche ich lieber, mich mit einer Runde Instagram abzulenken. Ich wische durch Insta-Storys von Influencerinnen, in denen topfitte aber frustrierte Blondinen mit falschen Wimpern sich darüber beklagen, dass Corona gerade "Ihr Leben zerstört"! Weil Konzerte abgesagt und Nagelstudios geschlossen wurden. Weil sie nach zwei Tagen einfach keinen Bock mehr haben, drinnen zu sitzen. Weil die guten Netflix-Serien auch schon alle weggeschaut seien.

Möchtegern-Fitness-Models und aufgepumpte Hantelheber bekommen nach einigen Tagen Pause einen egoistischen Nervenzusammenbruch, weil ihre Billig-Gym-Ketten reihenweise schließen. Als ob es darum nun gehen würde. Das nervt nicht mehr bloß. Nein, eigentlich macht es sogar ziemlich wütend. 

Gestern durfte ich sogar einen jungen Fitness-Influencer in seiner Story dabei begleiten, wie er sich im Baumarkt Ketten und Zementblöcke besorgt hat, mit denen er sich dann abends auf einen – bereits aus Vorsichtsmaßnahmen geschlossenen – Kinderspielplatz geschlichen hat, um dort an den Holzbalken seine "Pull-ups zu pumpen". Alles für die Muskeln, alles für die Klicks, alles für den Fame. Ich kann nur müde den Kopf schütteln, schließe resigniert die App.

Wut über die Ignoranz

Dass unnötiges Rausgehen die Ausbreitung des Virus beschleunigen kann, ist vielen offenbar egal. Das sehe ich an den Latte-Macchiato-Massen. Von meinem Balkon in Hamburg Eimsbüttel (auf dem ich laut dem Rat meiner Ärzte gerne die Sonne genießen darf) habe ich einen wunderbaren Blick auf mein Lieblingscafé. Und das war in den vergangenen Tagen, trotz aller Warnungen, brechend voll. Social Distancing? Fehlanzeige.

Lachend und tratschend schlürfen Hamburger Hipster in Horden ihren Kaffee, selbstverständlich erst, nachdem sie sich zur Begrüßung ausgiebig umarmt haben. Klar. Großzügig und ignorant werden sämtliche Hinweise der Ärzte und weltweiten Gesundheitsexpertinnen hinter großen Sonnen- und Nerd-Brillen weggelächelt. 

Auch ich sitze hier im Normalfall gern und oft. Esse Schokoladentarte und trinke Cappuccino. Im Normalfall! Der ist aber gerade nicht. Es herrscht Ausnahmesituation. 350 Menschen sind in Italien allein am Dienstag an Covid-19 gestorben (Merkur). Die Krankenhäuser sind überlastet, weil sich zu wenige Menschen daran gehalten haben, Abstand von anderen zu nehmen (bento). Wer das bisher immer noch nicht begriffen hat, wer nicht versteht, was es bedeutet, dass in Italien Ärzte entscheiden müssen, wer beatmet wird und wer stirbt, dem möchte ich am liebsten seinen heißen Latte ins Gesicht knallen – mit Glas.

Es wäre so einfach, Leben zu retten

Es gibt noch keine Impfung gegen das neue Coronavirus. Werden zu viele auf einmal krank, stecken sie automatisch auch Ärztinnen und Krankenpfleger an, die viel Kontakt mit ihnen haben müssen. Wenn das System auf diesem Weg überlastet wird (weil ihr im Café kuscheln oder auf dem Spielplatz Gewichte heben wolltet!) bekommen auch andere bald keine ausreichende Versorgung mehr. Die möglichen Opfer einer solchen Krise sind, wie Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Fernsehansprache erinnerte, keine bloßen Zahlen in einer Statistik – sondern echte Menschen. Das 20-jährige Opfer eines Autounfalls. Die junge Mutter mit Herzflimmern. Kinder mit Blinddarmentzündung. Väter mit Schlaganfall. 

Oder ich. 

Heißt es nicht immer, wir seien die "Generation Netflix & Chill"? Lasst uns das doch jetzt einfach mal ganz genau so tun. Wir bestellen Pizza und werden fett. Oder machen alleine Home-Workouts, bis unsere Bauchmuskeln brennen. Aber: Wir bleiben verdammt noch mal drin! Schon dadurch können wir den Ausbruch verlangsamen. Und Leben retten.

Reduzieren wir die sozialen Kontake konsequent, können wir in ein paar Wochen vielleicht schon bald wieder alle fröhlich knutschen, Gin trinken und tanzen. Doch erst einmal geht es nicht mehr um unser privates Freizeitvergnügen. Sondern um eine Gefahr für uns alle. 

Lasst uns aufeinander Acht geben und die Warnungen der Wissenschaft ernst nehmen. Oft merken wir zu spät, dass jemand anderes in Gefahr sein könnte. Ich weiß, dass ich es bin.  


Uni und Arbeit

"Mich kosten die abgesagten Veranstaltungen meine Existenz"
Was machen Studierende, die ihren Nebenjob wegen Corona verloren haben?

Clubs, Bars, Restaurants, Schwimmbäder, Spiel- und Sporthallen, Messen und Theater: Geschäfte und Freizeiteinrichtungen, die nicht für die Grundversorgung notwendig sind, machen gerade wegen des Coronavirus dicht. Das soll die Ausbreitung des Virus eindämmen (SPIEGEL). An vielen der jetzt geschlossenen Orte arbeiten Studentinnen und Studenten in Aushilfs- oder Nebenjobs und als Werkstudierende. Sie müssen jetzt zu Hause bleiben – und verdienen kein Geld.

Etwa zwei Drittel der Studierenden in Deutschland gehen neben dem Studium einer Erwerbstätigkeit nach (bento). Wer keine Unterstützung von den Eltern bekommt und nur wenig oder gar kein Bafög erhält, ist häufig auf einen Nebenjob angewiesen.

Wie gehen Studentinnen und Studenten mit dem Verlust ihrer Nebenjobs und dem fehlenden Geld um?

Drei Betroffene erzählen.

Ann-Kathrin, 30, aus Bremen arbeitet neben dem Jurastudium als Messehostess