Wenn Tobias sich anschaut, wie seine deutschen Freunde heute auf Corona reagieren, erinnert es ihn an sein eigenes Verhalten – vor ein paar Tagen.

Am 11. Februar bin ich für ein Auslandssemester nach Ancona, Italien gereist. Als ich ankam, kannte ich einige wenige Coronafälle aus den Medien. Dass das Virus der Grund für meine Heimreise werden sollte, konnte ich mir da noch nicht vorstellen. 

Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass ich je den Gedanken haben würde, einen Appell an junge Menschen in Deutschland zu richten. Für so etwas gibt es schließlich jemanden wie die Bundeskanzlerin. Und, im Falle einer Pandemie, natürlich Wissenschaftler. 

Aber dann stand ich vor wenigen Tagen in Ancona in einer Schlange vor einer Apotheke, um Desinfektionsmittel zu kaufen.

Um mich herum war die Straße menschenleer, es herrschte eine bedrückende Stille – keine Musik, kaum Verkehrslärm, die Menschen gingen sich aus dem Weg. Auch in der Schlange vor der Apotheke hielten alle zwei Meter Abstand.

Menschen warten vor der Apotheke

Während ich wartete, scrollte ich durch Instagram. Ich sah die Bilder meiner deutschen Freunde, las ihre Kommentare. In einem beschwerte sich eine Freundin über Gesundheitsminister Jens Spahn: "Das HipHop-Konzert von Apache 207 wird aufgrund der 1000-Menschen-Regelung wohl abgesagt werden. Danke für nichts, Spahn." 

Mir wurde klar: Meine Freunde denken noch immer genau so wie ich. Also, wie ich vor ein paar Tagen. 

Aber genau diese Haltung hat in Italien dazu geführt, dass die Umstände so dramatisch wurden. 

Und ich war mitten drin:

Noch vor wenigen Tagen habe ich gemeinsam mit vielen anderen Erasmus-Studierenden eine Hausparty gefeiert. Zwei Spanier hatten eingeladen, weil die Clubs der Stadt schon alle wegen Corona geschlossen hatten, aber "wir uns von Viren die Stimmung nicht versauen lassen." Etwa 80 Personen waren da, wir begrüßten uns mit Küsschen, es wurde getanzt, rumgemacht, Becher wurden geteilt. Gegen ein Uhr morgens kam die Polizei. Sie waren unheimlich wütend. Wir hatten den Ernst der Lage immer noch nicht recht verstanden. 

Und wir waren nicht die einzigen. Auch die Bars und Kneipen in Ancona waren bis spät in die Nacht geöffnet. Die Menschen vergnügten sich. 

Niemand konnte sich vorstellen, dass sich die Lage in wenigen Tagen so dramatisch verschlimmern würde.

Am vergangenen Montag hat Ministerpräsident Giuseppe Conte dann ganz Italien Quarantäne verordnet (SPIEGEL). Jeder Aufenthalt draußen, der sich vermeiden lässt, soll auch vermieden werden. Denn in Italien warnen die Kliniken vor dem Kollaps des Gesundheitssystems (Tagesschau).

Als wir ein paar Tage vorher feierten, konnten wir uns das nicht vorstellen. Im Nachhinein frage ich mich: Wie konnten wir die Lage so falsch einschätzen? Wie konnten wir die Umstände so lange ignorieren – obwohl uns all diese Dinge aus China bereits bekannt waren?

Die Signale waren deutlich.

Ich habe sie dennoch nicht wirklich gehört. Vielleicht, weil mir die Sprache der Experten oft so weit weg erschien. Vielleicht, weil mir erst mit der Zeit klar wurde, was es wirklich bedeutet, wenn eine Ansteckungsrate exponentiell wächst. Und vielleicht auch, weil ich es einfach nicht wahrhaben wollte: Ich war hier, um Leute aus aller Welt kennenzulernen, mir eine neue Sprache anzueignen, um zu lernen und zu feiern. 

Der Alltag hat sein eigenes Momentum, seine eigene, langsame Wucht. Und ich habe mich einfach weiter von ihm mitziehen lassen. 

Der Gedanke, dass ich das Virus so weiter gegeben haben könnte, unwissentlich, kreist in meinem Kopf.

Eintritt nur mit Erlaubnis

Es geht mir nicht darum Panik zu verbreiten. Aber ich hoffe sehr, dass die Menschen in Deutschland schneller als ich verstehen, dass es am Verhalten jedes Einzelnen liegt, in welchem Maße und in welcher Geschwindigkeit sich das Virus ausbreiten wird. 

Jetzt steht das Wochenende an. Meine Freunde haben Pläne, viele junge Leute wollen  ins Kino oder Tanzen, auf Konzerte oder Flohmärkte. Gerade noch habe ich mit einem Kumpel telefoniert, der gerade von einer Dienstreise kam und morgen zu einer WG-Party geht. 

Ich will weder der Spielverderber noch der Panikmacher sein. Aber vielleicht könnt ihr es besser machen als ich. Vielleicht bleibt ihr einfach doch zu Hause. 

Der Autor ist mittlerweile wieder in Deutschland. Er steht unter Quarantäne, bis er negativ gestestet wurde.


Gerechtigkeit

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