Ein freundlicher Händedruck, eine liebevolle Umarmung, vertrautes Händchenhalten – für den Großteil der Menschen sind solche alltäglichen Berührungen seit dem Ausbruch des Coronavirus passé. Maßnahmen wie Ausgangssperren und Kontaktverbote beschränken physisches Miteinander auf die Personen, die im eigenen Haushalt leben.

Wie erleben junge Menschen die Coronakrise in ihrem Land?

Ob Asien, Afrika, Europa, Süd- oder Nordamerika – plötzlich verbindet alle Menschen auf der Welt ein Thema: Corona. Dabei gehen verschiedene Länder und Kulturen unterschiedlich mit der Krise um. Wir haben Millennials aus Uganda, der Türkei, China, den USA, Schweden und Spanien gefragt, wie sie sich selbst und ihr Land erleben. Wie ändert sich ihre Arbeit? Wie ändern sich ihre Beziehungen? Was gibt ihnen Hoffnung?

Die dabei entstandenen Videos zeigen, wie nah wir uns in der Krise sind.

Social Distancing wirkt sich auf das Liebesleben vieler Menschen aus. Was machen Verliebte, die sich gerade erst kennengelernt haben? Nutzt man in solchen Zeiten noch Dating-Apps? Wie reagieren Paare auf die unfreiwillig entstandene gemeinsame Zeit zu Hause?

Im Video oben berichten sechs Millennials aus unterschiedlichen Ländern von ihren Erfahrungen.

Mitarbeit: Inken Dworak und Sarah Klößer


Gerechtigkeit

Migrantisch, studiert, steuerzahlend. Wer bietet mehr?
In Deutschland sind Migration und Arbeit schwer voneinander zu trennen. Elmedin fragt sich, was das mit ihm gemacht hat.

Ich merke, dass es heute noch diese Situationen gibt, in denen ich reagieren muss. Es reicht eine plumpe Aussage wie "Diese Ausländer/Migranten/Einwanderer/Flüchtlinge leben doch alle von Sozialleistungen, die liegen dem Staat auf der Tasche" und prompt spüre ich den Drang zu widersprechen. "Das stimmt doch gar nicht" entgegne ich und lege los: 

Ich nenne viele Menschen als Beispiel, angefangen mit der Familie, hin zu Freundeskreis und sonstigen Menschen, die ich kenne und die erwerbstätig sind. Ich zitiere fließbandartig Studien und Statistiken, die eindeutig belegen, dass Menschen mit Migrationsgeschichte dem Staat mehr Steuern einbringen, als sie an Sozialleistungen beziehen. Ich versuche diese Aussage, die rassistische Stereotype bedient, zu widerlegen, weil ich es nicht anders kenne. Ich rechtfertige mich für mein Dasein. 

Nur wenn du Arbeit hast, bist du willkommen

Einfach zu sagen "Hör auf mit solchen rassistischen Äußerungen", das kommt mir nie in den Sinn. Denn migrantisch sein heißt für viele eben auch: Nur wenn du Arbeit hast, darfst du hier sein.

Migration und Arbeit sind seit jeher nicht voneinander zu trennen. Deutschland holte in den 60ern keine Menschen, sondern "Gastarbeiter". Heute werden Einreisebestimmungen für bestimmte, in Deutschland dringend benötigte, Berufe gelockert – nicht für alle. 

Der Gedanke, "nützlich" sein zu müssen, schwebt über allen Menschen mit Migrationsgeschichte, unabhängig vom Herkunftsland, Sprache oder Glaubensrichtung. Denn der Zusammenhang zwischen Migration und Verwertbarkeit ist allgegenwärtig. Dafür genügt ein kurzer Blick auf die geltende Rechtslage. 

Das Aufenthaltsgesetz und Staatsangehörigkeitsgesetz sind abgesehen von einigen Ausnahmefällen davon geprägt, das Bleiberecht, beziehungsweise das Deutschsein, mit dem Lebensunterhalt von Migrantinnen und Migranten zu verknüpfen. 

Kann man seinen Lebensunterhalt nicht selbst sichern, so wird es schwer mit einer Niederlassungserlaubnis. Ist man nicht imstande, sich und seine Angehörigen zu ernähren, so wird es schwer mit der Einbürgerung. Ist der Job jedoch prekär, reicht das Geld gerade so vom Monat zu Monat. Und die Einbürgerung kann ganz schnell 500 Euro oder mehr kosten. Pro Person. Ein Teufelskreis.

Hauptsache, auch Geflüchtete machen sich endlich nützlich

Wie sehr der Gedanke, dass Migranten nützlich sein sollen, auch im täglichen Leben präsent ist, zeigt die aktuelle Spargelernte. Deutschland fliegt mindestens 40.000 Menschen aus Osteuropa ein. Aus einfachem Grund: Sie sind billiger. 

Zum Glück konnten Geflüchtete, die man sonst gerne abschieben würde, nicht dazu verpflichtet werden. Genau das wurde jedoch in Erwägung gezogen (Süddeutsche Zeitung). Bisher waren diese Menschen in der Verwertbarkeitslogik nutzlos. Andere Gründe für ihre Anwesenheit in Deutschland schienen in diesem Augenblick keine Rolle zu spielen. Hauptsache, sie werden produktiv!

Das Prinzip der gelungenen Integration durch Erwerbstätigkeit ist so tief in das kollektive Denken von Menschen mit Migrationsgeschichte eingebrannt, dass die Mutter eines in Hanau Ermordeten in einem Interview sagte, ihr Sohn habe doch eine Ausbildung abgeschlossen und sei nicht arbeitslos gewesen. Eine Mutter, im tiefsten Schmerz über den Verlust ihres Sohnes, rechtfertigt seine Anwesenheit. Sie versucht zu erklären, dass ihr Sohn keiner "von denen" war. 

Bis heute denke ich oft an diesen Satz. Ich frage mich, was es mit Menschen macht, ein Leben lang Projektionsfläche zu sein, den eigenen Nutzen ständig unter Beweis stellen zu müssen.