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Die Coronakrise führt zu gesteigerter Mediennutzung – und zu einer Renaissance des klassischen Fernsehabends.

Eine genormte Europalette EPAL 1 besteht aus elf Brettern. Das habe ich am 24. März im Fernsehen gelernt, von Ronald Tenholte. Der 35-Jährige war Kandidat bei "Wer wird Millionär?"  – und gewann mit der Antwort die Million. Vor ihm war das in Deutschland zuletzt 2015 einem Kandidaten gelungen. Ohne Joker beantwortete Ronald die alles entscheidende letzte Frage: Eine Palette besteht aus 78 Nägeln, neun Klötzen – und eben elf Brettern.

Ronalds finale Antwort habe ich stehend in meinem Wohnzimmer verfolgt. Meine Freundin und ich hatten die Sendung von Beginn an gesehen, wir sind einfach beim Zappen hängengeblieben. Der Mut des Kandidaten beeindruckte uns. Wir waren richtig gefesselt, wir wollten uns mit Ronald freuen – oder eben auch ärgern. In einer Art Übersprungshandlung schickten wir in der letzten Werbepause vor dem Millionengewinn sogar eine SMS, um am Gewinnspiel teilzunehmen. Die Nachricht war natürlich rausgeschmissenes Geld, was absehbar war.

Was für mich nicht absehbar war: Dass ich von nun an jede einzelne Folge "Wer wird Millionär?" gucken würde. Jeden Montag, 20.15 Uhr, saß ich vor dem Fernseher. Als die Sendung zwischenzeitlich für einige Wochen pausierte, wusste ich nicht mehr, was ich nun mit meinem Montagabend anfangen sollte. 

Wer einen Fernseher zu Hause hat, fängt wieder an, zu glotzen

Normalerweise schaue ich selten gezielt Sendungen im linearen TV. Wenn überhaupt, geht es dann meistens um Sport oder Nachrichten. Wenn ich Entertainment will, suche ich in Mediatheken und bei Streamingdiensten. Aber das hat sich in der Coronakrise geändert.

Als ich das, fast verschämt, einem Kumpel erzählte, sagte der: "Alter, machen wir auch!" Er war bei seiner Freundin in einer oberbayerischen Kleinstadt zu Gast, um die Quarantäne gemeinsam mit ihr zu verbringen. Genau wie meine Freundin und ich in Hamburg saßen die beiden jede Woche rechtzeitig um 20.15 Uhr vor der Glotze, um Günther Jauch dabei zuzuschauen, wie er einen Kandidaten nach dem anderen befragt. Wir haben den klassischen Fernsehabend wiederbelebt.

Wenn ich mich in meinem Freundeskreis oder bei meinen Kolleginnen und Kollegen umhöre, bestätigt sich dieses Bild. Gerade hat jeder, der einen Fernseher zu Hause hat, irgendeine Sendung im linearen TV für sich entdeckt. Einige haben angefangen, wieder regelmäßig "Tatort" zu schauen, andere fiebern von einer "GNTM"-Folge zur nächsten, ich schaue "Wer wird Millionär?".

Der Anteil der täglichen Fernsehzuschauer ist stark gestiegen – besonders bei den Jungen

Mit unseren neuen Fernsehgewohnheiten sind wir nicht allein. In einer Umfrage geben 44 Prozent der Deutschen an, derzeit mehr lineares Free-TV zu schauen als in der Zeit vor Corona. Dabei verlor das Fernsehen in den letzten Jahren Zuschauer, nur noch 67 Prozent der Deutschen sahen vor Februar 2020 täglich fern. Aktuell erreicht der Anteil der täglichen Zuschauer wieder 76 Prozent. 

Laut Umfrage entdecken sogar junge Mediennutzer das lineare Fernsehen wieder für sich. In der Altersgruppe zwischen 14 und 18 Jahren ist der Anteil der täglichen Fernsehzuschauer in Zeiten der Pandemie von 23 auf 38 Prozent gewachsen.

Mit Ende 20 gehöre auch ich zu einer Generation, für die lineares Fernsehen eigentlich gestorben war. Wir schauen zwar "Bachelor", "Prince Charming" oder "Love Island", aber nur online in den Mediatheken – und natürlich nur ironisch. (ARD/ZDF Massenkommunikation Trends 2019)

Warum schauen wir während der Pandemie nun auf einmal wieder TV? Ich könnte ja auch einfach noch mehr streamen oder noch mehr in sozialen Medien rumhängen, anstatt mich analog vor die Flimmerkiste zu setzen. 

Fernsehsendungen sind die Dates der Coronakrise

Jetzt sitze ich auf einmal wieder da, wie früher bei meinen Eltern. Wenn ich Lust auf Snacks habe, warte ich auf die Werbepause, um in die Küche zu gehen. Wenn ich etwas nicht verstehe, muss ich das akzeptieren – schließlich kann nicht zurückspulen. Binge Watching? Keine Chance, die nächste Folge kommt erst in einer Woche. Das erinnert an meine Kindheit – und das ist in einer Zeit, in der nicht klar ist, wann man wieder raus darf und in welchen Zustand sich die Welt dann befindet, einfach beruhigend.

Für mich sind die Sendungen, die ich mir anschaue, fast schon wie Dates. Ich versuche, nicht zu spät zu kommen, um nichts zu verpassen. Die Termine stehen schon Tage vorher fest und ich freue mich darauf. Ich kann mir theoretisch alles jederzeit anschauen – aber feste Sendezeiten strukturieren meinen Abend. Ich habe trotz Kontaktbeschränkungen endlich wieder Verabredungen – montags mit Günther Jauch, donnerstags mit Heidi Klum und am Sonntagabend öfter mal mit Tim Mälzer und Kollegen, die sich um die Welt kochen.

20.15 Uhr, diese Zeit war für unsere Eltern noch eine Instanz. Blockbuster, Fernsehfilme, Unterhaltungsshows – allabendlich lag Großes in der Luft, das Entertainment-Highlight des Tages stand an. Egal ob Mörder gesucht wurden, Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" mit Madonna und Robbie Williams plauderte oder Rosamunde Pilcher in einer Schmonzette die heile Welt versprach. Daran orientiert sich auch meine Generation gerade wieder. Weil die Uhrzeit einen Ersatz zur Normalität mit abendlichen Verabredungen verspricht.

Dieser Effekt dürfte nach der Krise wieder zurückgehen, klar, man kann ja schließlich wieder raus und sich wirklich mit anderen Menschen treffen. Aber es zeigt, dass auch das viel gescholtene Free-TV noch seine Daseinsberechtigung hat. Und vielleicht date ich Günther Jauch nach der Krise ja auch weiter, wer weiß. Immer montags, für zwei Stunden. Mit Werbeunterbrechungen.


Uni und Arbeit

Mobbing im ersten Job: "Die größte Herausforderung war, mit dieser Person zusammenzuarbeiten"
Die siebte Folge unserer Serie über Berufseinsteiger

Maike*, 24, arbeitete in ihrem ersten Job als Sales- und Marketing-Koordinatorin für ein Franchise-Restaurant. Sie fühlte sich von ihrer Chefin so schlecht behandelt, dass sie kündigte. In ihrem neuen Job muss sie das Erlebte noch verarbeiten.