Marie fällt es schwer, jetzt wieder unter Leute zu gehen. Ist das Grund zur Sorge?

Morgens mit einer Freundin joggen, in der Mittagspause mit den Kollegen essen und nach der Arbeit ein paar Freunde auf ein Bier treffen. So sah der Alltag von Marie* vor der Coronakrise aus. Doch seit wir angehalten wurden, uns voneinander fernzuhalten, ist Marie viel allein. Aber einsam ist sie nicht, sondern genießt die Zeit mit sich selbst sehr – zu sehr, wie sie inzwischen befürchtet.

Langsam kehrt ein bisschen Normalität in unser soziales Leben ein, wir können uns wieder mit Freunden treffen, in einzelnen Bundesländern sind bereits Treffen in Gruppen erlaubt. Auch bei Marie steht Ende des Monats das erste gesellschaftliche Ereignis an: Sie ist auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Und würde am liebsten jetzt schon absagen.

Wenn sie in den vergangenen Monaten nicht allein war, ging sie höchstens mal mit einer anderen Person spazieren oder war mit ihrer WG zusammen. "Die Vorstellung, mich mit mehreren Leuten zu treffen, zur Arbeit zu gehen und wieder ins 'normale Leben' zu starten, macht mir Angst und überfordert mich." Auf dem Geburtstag würde sie viele Leute treffen, die sie lange nicht gesehen hat. Eigentlich ein schönes Ereignis. "Aber ich habe einfach keine Lust", sagt Marie.

Woran liegt das? Hat uns die Coronakrise zu Einzelgängern gemacht?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Diplom-Psychologin Raffaella Dirks aktuell intensiv. Die Coronakrise ist natürlich auch in ihrer Praxis Thema. Manche Menschen leiden stark unter der sozialen Isolation. Doch ebenso fragen sich – wie Marie – einige, warum sie die Zeit alleine so sehr genießen.

Raffaella Dirks, Psychotherapeutin

(Bild: Daniel Dirks)

Doch für Dirks ist das kein Grund zur Sorge – im Gegenteil, die Zeit alleine könne sehr gesund sein. "Unser normales Leben ist einfach sehr anstrengend. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, wo wir ständig rennen", sagt sie. Viele psychische Erkrankungen wie Burn-out oder Depressionen entstehen auch, weil die Betroffenen keine Zeit haben, sich mit sich selbst zu beschäftigen und zu spüren, was sie wirklich brauchen. Solchen Patientinnen rät Dirks häufig, im hektischen Alltag die Stopptaste zu drücken.

Die Coronakrise hat viele von uns gezwungen, zu Hause zu bleiben. Dabei gibt es einen großen Unterschied zu vor der Pandemie: Wenn wir sonst versuchen, unser Leben zu entschleunigen, ist es oft mit Erklärungen an unsere Mitmenschen verbunden.

"Vor der Coronakrise hatte ich immer das Gefühl, ich bin ein schlechter Mensch, wenn ich ein Treffen ohne Grund absage oder bei einer Party keine Lust auf Smalltalk hatte", erzählt Marie. "Aber diese Situationen gab es in den letzten Monaten einfach nicht."

Raffaella Dirks bestätigt das: Der soziale Druck sei in der Corona-Situation viel kleiner, dadurch entstehe ein Gefühl der Freiheit. "Wir haben aktuell keine Schuldgefühle, wenn wir uns einfach zurückziehen und uns mit uns selber beschäftigen", sagt Dirks. Und deshalb ist es leichter, diese Zeit zu genießen. Denn Entschleunigung und Zeit für sich kann wahnsinnig schön sein, weiß Dirks: "Durch die Stille wird unsere Fantasie lebendiger, wir haben Raum für Kreativität."

Trotzdem hat Marie Angst, nicht mehr in ihr soziales Leben zurückzufinden. Sie kann sich nicht mehr vorstellen, jeden Tag mehrere Leute zu treffen oder lange Zeit mit anderen zu reden. "Ich habe das Gefühl, ich kann mich nicht mehr auf mehrere Leute gleichzeitig konzentrieren. Vielen Menschen zuzuhören und mich auch ehrlich für sie zu interessieren, fällt mir plötzlich schwer. Interaktion ist mir anstrengend geworden", sagt Marie.

Aber können wir so etwas Grundlegendes wie unser Sozialleben tatsächlich verlernen?

Darauf hat Raffaella Dirks eine klare Antwort: "Nein." Menschen sind soziale Wesen, die Gespräche und Treffen mit anderen brauchen und genießen. "So etwas Grundlegendes verlernt man nicht einfach."

Das heißt aber nicht, dass wir nach der Krise zwangsläufig so weitermachen werden wie davor. Das, was Marie gerade erlebt, habe nämlich mit Prioritätensetzung zu tun, erklärt Dirks. Wer die Situation mit wenig menschlichem Kontakt genießt, sollte darüber nachdenken, wie er sein Sozialleben in Zukunft anders gestalten könnte.

Marie hat also nicht soziales Miteinander verlernt – sondern ihre Angst zeigt, dass sie zuvor überfordert war, ohne es zu merken.

Was wir aus diesen Gefühlen lernen können

Dirks rät deshalb: "Menschen wie Marie sollten sich von nun an mehr Zeit für sich nehmen. Das bedeutet nicht, egoistisch zu sein, sondern sich selbst besser zu kennen und zu wissen, was ich wirklich will." In Extremsituationen wie der derzeitigen kristallisieren sich Eigenschaften von Menschen besser heraus, es fällt daher leichter, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Durch die Ruhe haben wir zudem Zeit zu überlegen, welche Freunde uns wirklich nahestehen, oder welche Anzahl von Freunden wir wirklich brauchen. Denn: Freunde bleiben enorm wichtig.

Für Dirks hat die Zeit allein einen weiteren sozialen Aspekt: "Wenn ich mich mit mir auseinandergesetzt habe und mich selbst mag, dann kann ich meinen Mitmenschen auch mehr Positives geben", sagt sie. Die Coronazeit kann uns daher vielleicht sogar in unserem menschlichen Miteinander positiv prägen: Indem wir uns selbst besser kennenlernen, unsere Prioritäten überdenken – und natürlich nicht alles davon wieder vergessen, sobald die Zeiten wieder hektischer werden. 

*Name auf Wunsch geändert


Fühlen

Unregelmäßiger Zyklus, Haarausfall: Jede zehnte Frau hat das PCO-Syndrom – viele wissen es nicht
Betroffene und eine Ärztin klären auf.

Nach ihrer Hochzeit 2019 wünschte sich Lena, Mutter zu werden. Sie setzte die Pille ab, aber schwanger wurde sie nicht. "Erst hat mein Frauenarzt mir geraten, geduldig zu sein", sagt die 24-Jährige. "Aber als ich auch nach über einem Jahr nicht schwanger wurde, habe ich den Arzt gewechselt. Ich dachte: Irgendwas stimmt nicht." Der neue Frauenarzt machte einen Ultraschall und zeigte Lena auf dem Monitor, was er sah: statt einer heranreifenden Eizelle viele kleine Follikel auf beiden Eierstöcken. Er vermutete daher das sogenannte "Polyzystische Ovarsyndrom" (PCO-Syndrom, PCOS). Lena fragte: "Kann ich schwanger werden?" Der Arzt habe ihr Mut gemacht. Doch es würde nicht so einfach werden, wie sie es sich vorgestellt hatte. "Ich war traurig und enttäuscht. Dazu kam das Gefühl, als Frau nicht gut genug zu sein."

Mindestens eine von zehn Frauen ist vom PCO-Syndrom betroffen

Das PCO-Syndrom ist die häufigste Hormonstörung bei Frauen. Etwa fünf bis zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter sind schätzungsweise davon betroffen. Es entwickelt sich typischerweise im Teenager- oder jungen Erwachsenenalter. Sowohl genetische als auch Umweltfaktoren spielen dabei eine Rolle. (Endokrinologie MünchenBerufsverband der Frauenärzte

"PCOS gab es schon immer", sagt Dr. med Petra Schmitt. Die Gynäkologin war Ende der Neunzigerjahre drei Jahre lang in Boston an maßgeblichen Studien zu PCOS beteiligt, bevor sie sich als Frauenärztin in Hamburg niederließ, und hat seitdem ein Auge für Patientinnen mit entsprechenden Symptomen.