Bild: Inken Dworak
Wie ein Virus altbekannte Vorurteile zutage fördert

Deutschland ist meine Heimat. Das war für mich immer selbstverständlich. 

Meine Eltern kamen in den 1980er Jahren als vietnamesische Vertragsarbeiter in die DDR. Seit 30 Jahren leben und arbeiten sie in Deutschland – zufrieden, fast schon genügsam. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, war Klassensprecherin auf einem Thüringer Gymnasium, habe im fränkischen Bayern studiert und in Hamburg einen Job gefunden.

Man könnte sagen: Meine Familie und ich sind ein Musterbeispiel für Integration. Als Viet-Deutsche habe ich das Gefühl, in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht hinterfragt zu werden. Ich lebe nach deutschen Strukturen, in mir vereinen sich die vietnamesische Erziehung meiner Eltern und deutsches Leben. Ich gehöre hierher – wohin auch sonst?

Als ich vom Ausbruch des Coronavirus hörte, war es für mich zunächst eine Nachricht wie alle anderen. Ich dachte: "Die armen Menschen." Als die ersten Fälle in Deutschland bekannt wurden: "Okay, keine Panik." Als die WHO das Virus zum internationalen Notstand erklärte: "Jetzt muss man global Lösungen finden."

Doch irgendwann merkte ich, dass es keine Nachricht wie alle anderen war. 

Weil das Virus zum ersten Mal in der chinesischen Millionenstadt Wuhan auftrat (und nicht in Ländern wie USA, Australien oder Frankreich), mischten sich unter die Kommentare auf Facebook und in die Gespräche in der U-Bahn schnell rassistische Untertöne. Auf Instagram und in Memes sah ich als Witz getarnte veraltete Stereotype gegenüber Asiaten: "Hygiene ist da sowieso nicht angesagt," oder: "Kein Wunder, bei dem, was sie da essen."

Irgendwann hörte ich dann auch von tatsächlichen Konfrontationen: von Passanten, die sich in der Fußgängerzone von asiatisch aussehenden Menschen wegdrehen, ihren Schal oder Kragen ins Gesicht ziehen, um ja nicht angesteckt zu werden (Tagesspiegel). Oder von chinesischen Studierenden, die im Krankenhaus misstrauisch beäugt wurden.

Und plötzlich meldet sich ein Gefühl, das sonst ganz tief in mir vergraben ist: Angst. 

Die Angst, dass Menschen Dinge in mich hineinprojizieren. Die Angst, als exotisch dargestellt zu werden.

Nicht nur um mich selbst, auch um meine Familie und mein Umfeld mache ich mir Sorgen. Mein Vater hat gerade mehrere Termine im Krankenhaus. Was, wenn die Ärzte ihm nicht die beste Behandlung geben? Eine Bekannte führt ein Restaurant. Was, wenn dort niemand mehr essen möchte? Wenn sich Abneigung in strukturellen Rassismus verwandelt, können schnell Existenzen bedroht sein.

Abwertende Kommentare zu hören und von offener Diskriminierung zu lesen, reißt alte Wunden auf. Viele Menschen können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, in einer Gesellschaft groß zu werden, in der man immer wieder daran erinnert wird, vermeintlich anders zu sein. 

Immer wieder ist es mir passiert, dass Fremde nicht mich, sondern meine Freunde ansprachen: "Wo kommt sie eigentlich her? Kann sie Deutsch?" – obwohl ich direkt daneben stand. Bis heute erinnere ich mich an den erniedrigenden Moment, als ein Kumpel gefragt wurde, ob ich seine Ehefrau bin. Der Deutsche und die thailändische Ehefrau, ein widerliches Klischee.

In meinem Alltag begegne ich solchen Vorurteilen heute zum Glück seltener. Doch seit Corona merke ich: Sie sind immer noch da – und teilweise noch feindseliger, als ich dachte.

Nicht alle Asiatinnen und Asiaten sind chinesisch. Nicht jede Chinesin war in letzter Zeit in China. Nicht jeder Chinese, der dort war, ist infiziert. In Deutschland gibt es aktuell 16 gemeldete Fälle, 14 aus dem Arbeitsumkreis der Firma Webasto und zwei, die aus Wuhan zurückgeflogen sind. Alles Deutsche. (Süddeutsche.de)

Die mediale Berichterstattung zum Coronavirus trägt ihren Teil bei, Angst und rassistische Vorbehalte zu schüren. 

Die "Bild" titelte "Darf ich noch Glückskekse essen?". Die "Frankfurter Rundschau" sprach vom "Todesvirus aus dem Land der Fledermaus-Esser", eine Anspielung auf das vermeintlich seltsame Essverhalten von Chinesen. Ein SPIEGEL-Cover zeigte eine asiatische Person im knallroten Schutzanzug inklusive Gasmaske, iPhone und Kopfhörer. Der Titel, "Made in China", erweckt den Eindruck als hätten die Chinesen den Virus mit Absicht um die Welt geschickt. 

Asiatinnen und Asiaten sind in deutschen Medien ohnehin selten sichtbar. Wenn sie nur in Verbindung mit "Krankheit", "Epidemie" und "Tödliche Gefahr" vorkommen, ist es kein Wunder, wenn Menschen skeptisch reagieren.

Warum muss ich mich angesprochen fühlen, wenn an einem 8000 Kilometer entfernten Ort ein Virus ausbricht?

Was hat das mit mir zu tun? Und warum finde ich mich in einer Debatte wieder, in der ich mich für Seiten entscheiden muss – obwohl es für mich überhaupt keine Seiten gibt?

Vielleicht ist es naiv – aber ich dachte wirklich, wir wären schon weiter. Doch anstatt in einer Krisensituation Mitgefühl zu zeigen, Zusammenhalt zu beschwören und Ruhe zu bewahren, lassen sich Menschen von irrationalen Ängsten leiten, grenzen Menschen aufgrund von Hautfarbe und Nationalität aus.

Deutschland ist meine Heimat und wird es immer bleiben. Doch in Zeiten wie diesen merke ich, dass sich diese Heimat jederzeit gegen mich wenden kann. 

Es ist dann die eigene Ohnmacht, die mich am meisten trifft. Nicht zu wissen, wie ich agieren und reagieren soll. Wie ich mit diesen ambivalenten Gefühlen leben soll. Kann ich mich in diesem Land wohlfühlen, ja oder nein? Kann ich hier glücklich werden?

Aber noch mal: Ich gehöre hierher – wohin auch sonst?


Gerechtigkeit

Deutschland 2020 ist, wenn eine einzige Demo gegen Rechts nicht mehr ausreicht
Linke Aktivisten in Dresden und Erfurt organisieren zeitgleich Demos – und streiten über ihre Teilnehmer. Das muss aufhören.

Jedes Jahr im Februar veranstalten Neonazis in Dresden einen "Trauermarsch". Angeblich wollen sie an die Opfer allierter Bombenangriffe erinnern – tatsächlich instrumentalisieren Rechte das Gedenken an die Luftangriffe für ihre Zwecke. Statt um Trauer geht es um Geschichtsrevisionismus: Die Nazis seien keine Täter, sondern Opfer gewesen.

Das Bündnis "Dresden Nazifrei" stellt sich den Rechten seit Jahren entgegen. Seit elf Jahren organisieren sie Gegendemos und Sitzblockaden – 2010 etwa hat das Bündnis so einen Aufmarsch von 5000 Neonazis verhindert (SPIEGEL). Am kommenden Samstag will "Dresden Nazifrei" wieder auf die Straße, den diesjährigen Neonazi-Marsch stoppen. Doch es gibt Probleme: 

Zeitgleich zur Demo von "Dresden Nazifrei" haben Aktivisten von "Unteilbar" eine Anti-AfD-Demo in Erfurt angekündigt – nun streiten sich die linken Aktivistinnen und Aktivisten um ihre Demonstrierenden.

In Dresden haben sich rund 800 Teilnehmer für den rechtsextremen Aufmarsch angekündigt. Tatsächlich könnten es deutlich mehr werden: Denn die Bombenangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945 jähren sich nun zum 75. Mal. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird eine Rede halten, er muss im Gedenken die Balance zwischen Trauer und Schuld finden. Die AfD will da nicht mitmachen und ihre eigene Veranstaltung organisieren (SPIEGEL).

Deshalb sind die Organisatoren von "Dresden Nazifrei" pikiert über den Aufruf aus Erfurt. Auf Twitter zeigte man sich "enttäuscht" und hofft, die Erfurter Aktivisten würden ihren Protest vertagen – "wo es doch bei uns an diesem Tag zählt".