Bild: Youssef Naddam
Drei Menschen erzählen, was Corona mit ihrem Datingverhalten macht

Corona hat unseren Alltag fest im Griff. Das Virus bestimmt unsere Arbeit und unsere Freizeit. Und eben auch, wie wir daten. Dating-Apps wie "Tinder", "OkCupid" oder "Bumble" werden immer noch genutzt. 

Aber wie lernt man andere näher kennen, wenn alle von Social Distancing reden? Und was macht Corona mit Menschen, die sich gerade erst kennengelernt haben?

Wir haben mit drei jungen Menschen gesprochen, die Tinder noch immer nutzen oder bis vor kurzem genutzt haben. Sie erzählen, welche Rolle das Coronavirus dabei spielt.

Nevena*, 29, studiert Lehramt und arbeitet in einer Schule

(Bild: privat)

Seit ein paar Wochen schreibe ich mit jemanden, den ich über Tinder kennengelernt habe. Vor der Corona-Krise haben wir uns einmal getroffen. Eigentlich lief es gut – aber die Art, wie ich ihn in der Krise erlebe, ändert das gerade.

Ich mache mir Sorgen um mich und meine Mitmenschen und befolge deshalb die Hinweise der Regierung. Er hingegen ist sauer, weil er nicht mehr ins Fitnessstudio gehen kann. Außerdem ärgert er sich, weil sein Berufsalltag als Busfahrer eingeschränkt ist. Obwohl er gestern richtig krank war, ist er trotzdem zur Arbeit gegangen. Er sagt, er brauche das Geld und könne nicht krank machen.

Ich verstehe die Art und Weise, wie er seine Prioritäten setzt, nicht. Als ich ihm erzählt habe, dass ich Angst um meine Mutter habe, die eindeutig in die Risikogruppe gehört, hat er diese Angst überhaupt nicht ernstgenommen und sich über mich lustig gemacht. Obwohl er bisher immer für mich da war und ein offenes Ohr für mich hatte, ist mir jetzt bewusst geworden, wie oberflächlich das Ganze war. Die Corona-Krise hat mir klargemacht, dass es mir wahrscheinlich nicht möglich sein wird, mich mit meinen Sorgen und Ängsten an ihn zu wenden oder ernste Gespräche mit ihm zu führen.

„Weil wir unterschiedliche Wertevorstellungen haben, ist mir klar, dass wir einfach nicht zusammenpassen. Sein Verhalten ist in meinen Augen verantwortungslos und macht ihn für mich tatsächlich auch unsexy.“

Deshalb möchte ich ihn derzeit nicht wieder treffen, obwohl wir uns eigentlich gut verstanden und vorher täglich in jeder freien Minute telefoniert oder geschrieben haben. Eigentlich ist es ganz gut, dass ich das wegen Corona jetzt viel schneller begriffen habe, als es sonst der Fall gewesen wäre. Ich habe vorher auch schon gemerkt, dass mich manche seiner Sichtweisen stören, aber darüber konnte ich noch hinwegsehen. Aber jetzt weiß ich: Das wird nichts mit uns. 

Auf ein Date mit jemand anderem würde ich im Moment auch nicht mehr gehen. Egal, ob man sich real oder virtuell kennenlernt – ich bleibe erst mal auf Abstand.

Adam*, 23, studiert Sportwissenschaften

(Bild: privat)

Kurz bevor Corona so richtig in Deutschland angekommen ist, habe ich einen Mann auf Tinder kennengelernt. Wir haben uns zum ersten Mal in Köln beim Karneval getroffen. Es lief super und ich war richtig froh. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns überhaupt keine Gedanken über das Virus gemacht. Im Rheinland gab es kaum Infizierte, nur in Bonn gab es ein paar erste Fälle. 

Neulich bin ich noch zu ihm nach Hamburg gefahren. Auch da waren die Gedanken an Corona noch weit weg. Dann ging alles total schnell. Das erste Mal, dass wir gemerkt haben, dass Corona uns jetzt auch betrifft, war letztes Wochenende. Er hatte überlegt zu mir nach Köln zu kommen. Wenn man zwei Wochen zu Hause sitzen müsse, dann könne er das auch hier tun, meinte er. Ich habe mich schon riesig auf ganz viel Zeit mit ihm gefreut.

Am nächsten Tag hat er noch einmal angerufen und war sich nicht mehr so sicher, ob er kommen möchte, weil wir deutschlandweit das Bundesland mit den meisten Infizierten sind und er sich schon bei der Zugfahrt nicht wohl fühlen würde. 

Ich schreibe im Moment an meiner Bachelorarbeit und kann deshalb nicht nach Hamburg kommen. Klar war ich enttäuscht, dass wir uns jetzt erst einmal nicht treffen, aber ich kann ihn verstehen. Gerade am Anfang ist es aber natürlich schön, wenn man sich sehen kann und die Kommunikation nicht auf Telefonate und Nachrichten begrenzt ist.

„Wenn ich jetzt noch tindern würde, würde ich mich aber definitiv nicht mehr persönlich mit irgendwem zum Café trinken oder Spazieren gehen treffen. Ich würde anders daten als noch vor ein paar Wochen.“

Ich glaube, viele junge Menschen legen sich gerade selbst eine Ausgangssperre auf. Sie langweilen sich – und tindern. Meine Mitbewohnerin hat gerade Bumble für sich entdeckt. Ich stelle mir das witzig vor, wenn man dann mit Menschen, die man überhaupt nicht kennt, skyped oder facetimed, anstatt sich wirklich zu treffen. So wollen mein Date und ich die nächsten Wochen auch irgendwie rumkriegen, damit die Zeit schnell vorbei geht, bis wir uns wiedersehen.

Danica, 33, arbeitet als Erzieherin

(Bild: privat)

Mein Freund und ich haben vor kurzem unsere Beziehung geöffnet und ich nutze Tinder, um andere Männer kennenzulernen. Mein Dating-Verhalten hat sich seit Corona überhaupt nicht verändert. Ich will mich nicht von dieser Panikmache verunsichern lassen. Ich habe ja nicht vor, mich in großen Gruppen zu treffen, sondern treffe immer nur eine einzelne Person. 

Bis jetzt gab es für mich nur einen Grund, mich nicht persönlich mit Männern zu treffen: Ich bin im Moment erkältet. Wenn ich Husten und Schnupfen habe, bleibe ich zu Hause, egal ob Corona oder nicht. Ich möchte niemanden anstecken, und auch meine eigene Gesundheit nicht riskieren.

„Sobald ich mich aber wieder fit fühle, werde ich mich mit anderen Männern treffen. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich bei potenziellen Dates irgendetwas durch das Virus verändert hat.“

Alle Männer, mit denen ich schreibe, würden sich mit mir treffen. Corona ist kein Thema in unseren Gesprächen, höchstens als Witz. Mein Freund sieht das alles so wie ich. Er macht sich nicht mehr Sorgen um Corona als um eine normale Grippe. Wenn mir andere Menschen vorwerfen, dass ich rücksichtslos sei, ist das auch meine Antwort.

Ich glaube, damit sich bei meinem Dating-Verhalten – und auch dem von anderen Menschen auf Tinder – wirklich etwas ändert, müsste die Situation in Deutschland so schlimm werden wie zum Beispiel in China, wo es einen kompletten Shutdown gibt. Solange lebe und date ich jedenfalls ganz normal weiter.

*Die markierten Personen möchten in diesem Text anonym bleiben.  


Gerechtigkeit

Profiteure der Corona-Angst: Warum junge Menschen fragwürdige Nahrungsergänzungsmittel verkaufen
PM International wirbt im Netz mit Traumeinkommen – und Immunboostern gegen Corona. Wir haben uns eingeschlichen.

Vor ihrem großen Auftritt übt Tatjana* noch mal das "L". Sie spreizt Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in einem rechten Winkel – so dass es wie der Buchstabe aussieht. Dann lächelt sie ins Handy, eine Freundin drückt ab. 

Es ist ein Sonntag im Februar und Tatjana ist auf einer Produktmesse der Firma PM-International im Kongresscenter Dresden. Die Firma selbst nennt es "Business-Akademie". Rund 800 Leute sind gekommen. Die Luft riecht nach süßem Parfüm und Energydrinks, aus den Boxen pumpt Cheerleader-Techno.

Tatjana trägt ein schwarzes Kleid mit gelben und grünen Blüten, die brünetten Haare sind hochgesteckt. Gleich wird sie mit rund 120 anderen Frauen und Männern auf die Bühne des Kongresssaales gehen. Für ein Gruppenbild recken sie ihre gespreizten Finger in die Höhe. Das "L", vielen eigentlich als Zeichen für "Loser" bekannt, hat bei PM International eine andere Bedeutung: Es ist das "L" in FitLine, der Hausmarke der Firma. 

PM International lockt Millennials mit einem fragwürdigen Produkt in ein fragwürdiges Verkaufssystem

Unter dem Label verkauft PM International Nahrungsergänzungsmittel. Es sind  Pülverchen, die man zu Drinks anrühren kann. Die Produkte tragen Namen wie "Activize", "Herbaslim" oder "Restorate". Wer sie nimmt, wird angeblich schöner, schlanker, leistungsstärker – und ist vermeintlich besser vor Corona geschützt, denn "ein starkes Immunsystem ist die beste Unterstützung bei der Form von Virus" verkündete Firmengründer Rolf Sorg vor wenigen Tagen in einem Facebook-Video.

Auch Tatjana schwärmt von den Nahrungsergänzungsmitteln, behauptet, sie gebe sie auch ihrem dreijährigen Sohn. Sie sagt: