Die Corona-Krise zeigt, dass Regierungen zu drastischen Maßnahmen bereit sind, um Menschenleben zu retten. Warum passiert das nicht bei der Seenotrettung? Ein Debattenbeitrag.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, zu welchen schnellen, drastischen Maßnahmen Regierungen bereit sein können, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen: Die deutsche Bundesregierung sagt Unternehmen unbegrenzt Kredite zu, die durch die Corona-Krise wirtschaftliche Nachteile zu befürchten haben, damit diese den Betrieb einstellen können (Tagesschau). Schulen, Kitas, Bars und Restaurants werden geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Fußballstadien bleiben leer, Beschäftigte werden ins Homeoffice versetzt oder gehen erst einmal gar nicht mehr zur Arbeit. All das zum Schutz von Menschenleben.

Aber halt: Standen nicht schon lange vor Corona Menschenleben auf dem Spiel? Über 19.000 Menschen sind seit 2014 auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken (UNHCR). Da sind noch nicht all diejenigen mitgezählt, die in der Wüste oder in libyschen Folterlagern starben, bevor sie das Mittelmeer überhaupt erreichten. Die EU und ihre Staaten haben bisher wenig getan, um das zu verhindern, im Gegenteil: Sie unterstützen die libysche Küstenwache sogar finanziell, damit diese Flüchtende wieder zurück nach Libyen bringt. Zurück in die Lager. Zivilgesellschaftliche Organisationen werden von den Regierungen immer wieder an der Rettung der Flüchtenden gehindert.

In der europäischen Demokratie waren von Anfang an nicht alle gleich

Es ist gut, dass die Regierung die Corona-Krise ernst nimmt und ihr Möglichstes tut, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und dadurch besonders gefährdete Menschen zu schützen. Doch wenn man an die anderen Situationen denkt, in denen Deutschland und die EU die Möglichkeit verstreichen ließen, Menschenleben zu retten, muss man sich fragen: Ist nicht jedes Menschenleben für unsere europäische Demokratie gleich viel Wert?

Die Antwort auf diese Frage findet man schon im Ursprung unseres Systems. Unsere Demokratie hat Europa sich von den alten Griechen abgeschaut. Die "Herrschaft des Volkes" sollte ein System sein, bei dem Gleiche unter Gleichen gemeinsam ihre Entscheidungen treffen. Damit waren aber von Anfang an nicht alle gemeint. Frauen, Sklaven, Fremde oder Besitzlose hatten nicht dieselben Rechte und auch keine Möglichkeit zur Mitbestimmung. Für das politische System waren sie nicht als gleichwertige Menschen anerkannt, wie wohlhabende männliche Bürger.

Das europäische "Wir" wurde als fortschrittlich dargestellt, die kolonialen "Anderen" als rückständig

Als Europa Jahrhunderte später begann, einen Großteil der Welt zu kolonisieren, wurde wieder zwischen vorgeblich wertvollen und weniger wertvollen Menschen unterschieden. In der Kunst und in der Literatur wurde dazu das Bild eines westlichen "Wir" und des "orientalischen Anderen" gezeichnet. Der einflussreiche Theoretiker Edward Said hat gezeigt, wie diese ausgedachten Positionen in den europäischen Diskursen so gegenübergestellt wurden, als seien sie Gegenteile: Das europäische "Wir" sei rational und fortschrittlich, die "Anderen" dagegen nicht zu logischem Denken und Selbstbeherrschung in der Lage – und folglich auch nicht dazu, sich selbst zu regieren. 

Dieses Fantasiebild der kolonialen "Anderen" wurde sogar dazu gebraucht, die eigene "Wir"-Identität überhaupt erst aufzubauen. Die "Anderen" wurden als Wilde abgewertet, um sich selber im Vergleich dazu als Krone der Zivilisation aufzuwerten. Das Ganze hatte grausame Folgen: Die europäischen Kolonialmächte nutzten diese Bilder, um die gewaltsame Unterwerfung und Ausbeutung von großen Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu rechtfertigen.

Der Philosophin Judith Butler zufolge wiederholt es sich heute, dass das Leben ganzer "anderer" Bevölkerungsgruppen in westlichen Augen nicht wirklich als menschliches Leben zählt. Sie nennt das "Betrauerbarkeit": Um ein Leben als solches anerkennen und wertschätzen zu können, müsse uns sein möglicher Verlust etwas bedeuten. Dazu sei es nicht notwendig, dass wir uns persönlich kennen. Es sei nur wichtig zu verstehen, dass jedes menschliche Leben etwas Grundsätzliches gemeinsam habe: Wir können alle sterben. Um das zu verhindern bräuchten wir alle Nahrung, eine Unterkunft, medizinische Versorgung und Schutz vor Gewalt. Daher seien wir alle zum Überleben auch auf Andere angewiesen. Menschen, die wir zum Teil noch nicht einmal kennen, hätten Einfluss auf unser Leben, könnten zu seinem Schutz beitragen – oder ihm schaden.

Migrantinnen und Migranten werden als Bedrohung gesehen - und nicht als selbst bedroht

Besonders im Krieg, aber auch in der Immigrationspolitik, würden Staaten das Leben von „fremden“ Bevölkerungsgruppen nicht als genauso schützenswert behandeln, wie das der eigenen Staatsangehörigen – vor allem das von weißen Menschen. Die aktuelle Situation an den europäischen Außengrenzen ist ein Beispiel für Butlers Theorie: Migrantinnen und Migranten werden als Bedrohung für das Leben der weißen Europäerinnen und Europäer dargestellt, anstatt anzuerkennen, dass sie selbst enormer Bedrohung ausgesetzt sind. Der Tod eines Geflüchteten zählt, nach Butler, für die europäische Politik weniger, als der Tod eines weißen Europäers.

Das hat nicht bloß mit Angst oder Bosheit zu tun, sondern auch mit konkreten ökonomischen Interessen. So zumindest argumentiert die Soziologin Sara R. Farris. Denn: Eine restriktive Immigrationspolitik führe immer noch dazu, dass weiterhin Migrantinnen und Migranten in die EU kämen. Sie hätten nur weniger oder gar keine Rechte. Und Menschen mit weniger Rechten könne man leichter als billige Arbeitskräfte ausbeuten – oder wieder abschieben, wenn man sie nicht mehr benötigt. 

Alle Menschen sind von anderen abhängig - und haben deshalb eine Verantwortung füreinander

Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass europäische Regierungen sehr wohl in der Lage sind, Menschenleben zu schützen. Dass sie bereit sind, dafür ganze Städte und Länder lahmzulegen und sehr viel Geld in die Hand zu nehmen. Wenn sie diese Leben als wertvoll genug erachten.

Nach Judith Butler sind alle Menschen von anderen abhängig – und tragen daher auch alle eine Verantwortung für Andere. Selbst, wenn manche dieser Anderen einem weit weg scheinen. Die Verantwortung Europas geht so auch über den Schutz ihrer weißen Bevölkerung hinaus. Aus dieser Erkenntnis, findet die Philosophin, sollte sich konkrete Sozialpolitik ableiten, die Menschenleben gleichermaßen wertschätzt und schützt. Zum Beispiel die, die vor Krieg und extremer Armut nach Europa fliehen.




Gerechtigkeit

Was passiert, wenn man Männern die Berichterstattung zum Frauentag überlässt

In diesem Jahr haben wir die Cis-Männer in der bento-Redaktion alle Texte zum Weltfrauentag schreiben lassen. Warum? 

Wir haben vorher lange diskutiert und waren aus verschiedenen Gründen dafür. Hier sind einige davon:

  1. Am Frauentag geht es - unter anderem - um Streik. Es geht darum, sich zu verweigern und die Zeit zu nutzen, um für die eigenen Rechte einzustehen. Und es geht darum, dafür Öffentlichkeit zu schaffen. Das bringt viele Frauen in den Medien in die paradoxe Situation, dass sie gerade zum Frauentag besonders viel arbeiten. Bei bento beschäftigen sich viele Redakteurinnen das ganze Jahr über mit Themen wie Feminismus und Geschlechtergerechtigkeit, mit mangelnder Repräsentation und Femizid. Dieses Jahr wollten viele der Frauen in der Redaktion keine zusätzliche Arbeit leisten. Und weil der Tag auf einen Sonntag fiel, eben auch keinen Schwerpunkt vorbereiten. Also haben wir entschieden, dass 2020 mal die Männer an der Reihe sind, sich über den Frauentag Gedanken zu machen.
  2. Frauen und Queers gelten noch immer nicht als "Norm" in der Gesellschaft. Immer und immer wieder müssen wir erklären, warum dieser und jene Spruch nicht witzig sondern verletzend war, warum sie nicht mit dem Mann reden wollen, der einen in der Kneipe anlabert und was der "Care-Gap" ist. Sich und die eigene Position ständig zu erklären ist anstrengend - und, so hatten manche von uns den Verdacht, verstärkt auch immer weiter den Eindruck, dass es Aufgabe der Frauen sei, das zu tun. Wir wollten zeigen, dass dieses Thema für alle Menschen und Geschlechter wichtig ist.
  3. Wir waren neugierig. Wir wollten einfach wissen, was passiert. Für welche Strategie würden die Männer sich entscheiden? Aus welcher Perspektive sprechen? Würden neue Perspektiven entstehen? Wollten schauen, was passiert, wenn die Männer sich kümmern müssen.

Das waren nicht alle unsere Gründe, uns auf die Idee einzulassen - aber die wichtigsten. Wie zufrieden wir mit dem Ergebnis sind? Das ist durchaus gemischt.

Diese guten Einwände kamen von euch: 

  1. Viele von euch haben kritisiert, dass die Aktion ziemlich binär gedacht ist. #männerfürfrauen – das klingt, als gäbe es nur diese zwei Geschlechter. In unserem Editorial haben wir erklärt, dass es uns um Geschlechtergerechtigkeit für Frauen, Lesben, Trans*-, Intersexuelle und nicht-binäre Personen geht. Aber ihr habt Recht, den Titel der Aktion kann man leicht anders verstehen.
  2. Manche von euch fanden, am Frauentag sollten Frauen und Queers zu Wort kommen – und nicht Cis-Männer, die das ganze Jahr schon einen Großteil der Aufmerksamkeit erhalten. @intramorus schrieb auf Twitter: "An dem einen Tag, an dem es darum geht, dass eine Gruppe von Menschen eine anderen seit Jahrtausenden systematisch kleinhält, unterdrückt, bevormundet und mit Gewalt überzieht, nehmt ihr der Gruppe, die für alles an Macht und Einfluss bitter kämpfen muss, diese einfach ganz weg." Das Argument können wir gut verstehen. Nun ist es aber so, dass die Mehrheit der bento-Mitarbeitenden Frauen sind und in den Führungspositionen sogar ausschließlich Frauen arbeiten. Wir bringen das ganze Jahr über feministische Texte. Zum 8. März war es uns deshalb wichtiger, zu zeigen, wie viel zusätzliche Arbeit Frauen und Queers normalerweise zufällt – und dass Feminismus uns alle angeht. 
  3. Männer, die Feminismus verstanden haben, sollten sich nicht auf eine Bühne stellen, sondern in die Küche. bento-Redakteur Sebastian Maas schreibt dazu: "Sexismus und Vergewaltigungskultur sind Probleme, die vor allem von Männern verursacht werden. Wir können nicht erwarten, dass Frauen sie lösen." (bento) Solange Frauen und Queers nicht jedes Mal dafür bezahlt werden, wenn sie einem Cis-Mann seine sexistischen Verhaltensweisen erklären, sollten auch Cis-Männer das untereinander machen, wann immer es geht.
  4. Apropos Bezahlung: "bento lässt also Männer BEZAHLT alle Artikel zum Weltfrauentag schreiben, weil Frauen mehr UNBEZAHLTE Care Arbeit machen? Ich muss mich noch entscheiden, ob ich darüber lachen oder weinen will.", schrieb @martazamiraa auf Twitter. Richtig. Die Männer in der Redaktion hatten vielleicht mehr Stress und Verantwortung, aber sie haben immer noch das in ihrer bezahlten Arbeitszeit gemacht, was viele Frauen und Queers oft unbezahlt im Alltag machen. Nächstes Jahr überlegen wir Frauen bei bento deshalb, am 8. März vielleicht gar nicht zur Arbeit zu kommen und auch zuhause keinen dreckigen Topf anzufassen – vor allem weil der Frauenkampftag dann nicht mehr auf einen Sonntag fällt.

Und so war es aus unserer Sicht: 

Das lief gut:

Die Redakteurinnen konnten ihren männlichen Kollegen dabei zusehen, wie sie zu Sondersitzungen liefen und die Tastaturen zum Rauchen brachten – während sie selbst ihrer normalen Arbeit nachgingen, halbwegs pünktlich Feierabend machten und die Hände frei von Verantwortung hatten. 

Die Männer fanden es gut, ein Zeichen zu setzen, dass Feminismus uns alle angeht. Die Aktion regte sie zu Diskussionen über feministische Bücher und weibliche Expertinnen an und darüber, zu welchen Themen sie als Männer überhaupt Stellung beziehen wollen oder können. Gleichzeitig waren sie dazu gezwungen, kritischer das eigene Verhalten und das der Kollegen zu hinterfragen.

Heraus kam eine Mischung an Texten, in denen vor allem Männer anderen Männern erklären, was für Konsequenzen es hat, wenn sie sich nicht genug an der Care-Arbeit beteiligen und was sie gegen unsere Vergewaltigungskultur tun können. Zur Abwechselung waren es nicht Frauen und Queers, die diese Aufgabe übernehmen mussten.

Das lief nicht so gut: 

Unsere Kommunikation war, sagen wir mal, verbesserungswürdig. Wir hätten bei einer Aktion, bei der wir selbst im Vorhinein durchaus diskutiert haben, mehr mit euch reden sollen. Uns besser erklären. Mehr Energie in den Dialog stecken. Denn viele eurer Kommentare fanden wir absolut berechtigt, mit einigen der gestellten Fragen hatten wir uns selbst auch schon beschäftigt, bei anderen wurde es dringend Zeit, dass wir sie uns stellen. 

Es geht bei feministischen Themen auch um die Darstellung von Diversität. Frauen mit Migrationshintergrund, queere Menschen, verschiedene Religionen und Inklusion. Es geht um unterschiedliche Lebenskonzepte, Sexualitäten oder Körper. Natürlich kann eine Gruppe von Cis-Männer darüber nicht allumfassend, authentisch und empowernd berichten – so wie es auch nicht jede Frau könnte. Dennoch ist dieser Teil in unserer Berichterstattung am Ende zu kurz gekommen.

Über die Inhalte waren wir unterschiedlicher Meinung - während manche sich zum Frauentag noch einen stärkeren Fokus auf Frauen gewünscht hätten, fanden andere es gerade richtig, die männliche Perspektive zu lesen. 

Unser Fazit: 

Eine Sache, über die wir immer wieder gesprochen haben, ist die Absurdität der Tatsache, dass es einen Frauentag überhaupt braucht. Einen Tag, an dem die Hälfte der Weltbevölkerung hinweg zeigen muss, dass sie systematisch benachteiligt ist. So lange es einen solchen Tag geben muss, leben wir in einem falschen System. Brauchen Frauen und Queers cis-Männer auf ihrer Seite, um das zu ändern? Sicher. Wäre das für alle gut, auch für die Männer? Sehr wahrscheinlich. Ist das Symbol, sie zum Frauentag arbeiten zu lassen, deshalb angemessen? Darüber kann man streiten. Das haben wir getan. Innerhalb und außerhalb der Redaktion. Und das fanden wir ganz gut. Wir mussten uns nur daran erinnern, nicht zu vergessen, dass die Wut vor allem dem System und der Absurdität des Tages gelten muss.