Sexarbeiterin und BDSM-Coach Sadie Lune gibt Tipps

Wenig physischer Kontakt zu anderen Menschen, dafür jede Menge bedrohliche Nachrichten – Sadie Lune ist überzeugt: Die Coronakrise könnte dazu führen, dass viele Menschen ihren eigenen Körper weniger bewusst wahrnehmen.

Sadie ist Sexarbeiterin, BDSM-Coach und bietet Bildungstutorials für Erwachsene rund um das Thema Sex auf der Plattform Sex School Hub an.

Den eigenen Körper zu spüren helfe gegen Nervosität und Unsicherheit, womit gerade viele Menschen zu kämpfen hätten, erzählt sie bento am Telefon. Wer sich mit dem eigenen Körper verbunden fühlt, fühle sich auch mehr mit anderen Menschen verbunden. Das stärke unsere Empathie, die wir in der gegenwärtigen Krise besonders bräuchten. In Verbindung mit dem eigenen Körper zu stehen bedeutet auch, die Gesundheit und das Immunsystem zu stärken. Wir merken so auch viel besser, wenn etwas nicht stimmt. 

Noch ein Vorteil: "Wenn wir unseren Körper, unsere Bedürfnisse und unser Begehren gut kennen, kann das wirklich die Qualität und Quantität unseres Sexlebens steigern – und, nach meiner Erfahrung, auch die unserer Orgasmen."

Mit bento hat Sadie praktische Tipps geteilt, wie wir die Zeit zuhause jetzt nutzen können, um unsere Körper besser kennen zu lernen – alleine oder als Paar. 

Auf unseren natürlichen Rhythmus achten

Die meisten von uns haben einen Tagesrhythmus, der von unserer Arbeit vorgegeben ist. Unsere Körper lassen wir dabei oft völlig außer Acht – es sei denn, wir arbeiten beispielsweise als Yogalehrende, Tänzerin oder Sexarbeiter. Versuche jetzt, wo du viel zuhause bist, herauszufinden, was dein Körper wann braucht. Wann hast du Hunger? Wann bist du müde? Wann ist es Zeit, das Fenster zu öffnen? Ich glaube, die meisten von uns leiden unter chronischem Schlafmangel. Versuche, genug zu schlafen. Wenn wir ausgeruht sind, nehmen wir auch die Signale unseres Körpers besser wahr. 

Es ist nicht nur hilfreich, unsere sexuellen Bedürfnisse gut zu kennen, sondern auch zu wissen, wie sie sich verändern, je nach Tageszeit, Zeitpunkt im Zyklus, je nachdem ob wir hungrig oder müde sind. Dazu müssen wir erst einmal verstehen, wie unser natürlicher Rhythmus funktioniert.

Atmen

Covid-19 ist eine Atemwegserkrankung. Wenn du in der Lage bist, tiefe Atemzüge zu nehmen, kannst du das tun und gleichzeitig Dankbarkeit dafür empfinden. Das ist außerdem die beste Medizin gegen Angst und Panik. Dabei kannst du einen Body Scan machen: Fange bei deinen Füßen an und gehe dann Stück für Stück deinen Körper entlang: Wie fühlt sich jedes einzelne Köperteil gerade an? 

Nackt in der Wohnung sein

Verbringe nackt Zeit mit dir selbst, länger als die Zeit, die du zum Duschen oder Kleidung wechseln brauchst. Das hilft, uns überhaupt wieder daran zu erinnern, dass wir einen Körper haben. Dann hol dir einen Spiegel oder mach Selfies: Von deinen Genitalien, deinem Po, deinem Anus, deinen Brüsten, welche Körperpartie auch immer du sonst eher selten anguckst. Berühr dich selbst vor dem Spiegel. Manchmal wissen wir, dass sich etwas gut anfühlt, können es aber nicht richtig benennen, wenn wir mit einem Partner oder eine Partnerin Sex haben. Guck dir an, wie es von außen aussieht, wenn du dich auf diese Weise berührst. Das hilft, es später erklären zu können. 

Uns selbst massieren 

Vor allem, wenn du gerade ein Bad genommen hast oder aus der Dusche kommst, ist eine Massage mit Öl großartig. Du kannst fast jedes Öl verwenden, Kokosöl, Olivenöl oder Mandelöl zum Beispiel. Benutze dabei am besten ein Handtuch als Unterlage. Du kannst damit anfangen, erst einmal langen, kräftigen Druck auf die großen Muskelpartien auszuüben: Waden, Oberschenkel oder Oberarme. Mach das, bis du spürst, wie sich deine Muskeln entspannen. Dann kannst du zu langem, langsamen Streichen übergehen. Probiere es in die eine und in die andere Richtung aus, mit mehr oder mit weniger Druck. Vor allem, wenn du dir viel Zeit dabei lässt und sehr genau auf das Gefühl achtest, kannst du viel darüber lernen, wie du gerne berührt wirst.

Masturbieren

Die meisten von uns machen beim Masturbieren einfach das, was wir kennen und meistens geht es relativ schnell. Geh auf ein Date mit dir selbst. Nimm dir Zeit, berühre deinen gesamten Körper. Du kannst dabei Musik oder Kerzen anmachen. Finde heraus, wie sich verschiedene Materialien auf deinem Körper anfühlen: Seile, Satin, Leder, Fell, Fleece. Mach ein romantisches Ritual mit dir selbst und genieße es wie eine Gourmet-Mahlzeit.

Telefon- und Videosex

Wenn du einen Partner oder eine Partnerin hast, mit der du dich gerade nicht treffen kannst, tust du es vielleicht schon, oder hast Lust, es auszuprobieren. Es kann helfen, mit einem kleinen Spiel anzufangen. Sagt euch abwechselnd, was die andere Person tun soll: Wirf mir einen Kuss zu. Zieh dein T-Shirt aus. Vielen Menschen fällt es schwer, beim Sex zu artikulieren, was sie sich wünschen. Das ist eine gute Übung dafür. Am Anfang fühlt es sich vielleicht etwas merkwürdig an, aber es hilft dabei, in Flirtstimmung zu kommen und von da aus weiter zu eskalieren. Wenn ihr telefoniert und euch dabei nicht sehen könnt, beschreibt genau, was ihr gerade macht. Wie ziehst du dein T-Shirt aus? Ganz langsam oder schnell auf einmal? Warte, zieh es langsam aus. 

Es kann einen auch in Stimmung bringen, sich an ein gemeinsames sexy Erlebnis zu erinnern, Detail für Detail. 

Dates in der Wohnung

Wenn du mit einer Partnerin oder einem Partner zusammenlebst, macht Dates aus. Das klingt vielleicht komisch, weil ihr eh schon die ganze Zeit zusammen in der Wohnung seid. Aber es ist wichtig, bestimmte Zeiten zu verabreden, in denen nicht noch einer halb am Arbeiten ist, oder eine nebenbei die Nachrichten checkt. Handys aus, schönes Licht und Musik an, gönnt euch etwas Leckeres zu essen, oder sorgt dafür, dass es im Zimmer gut riecht. Konzentriert euch ganz auf einander und genießt einfach die Gesellschaft der anderen Person. Jetzt könnte ein guter Moment sein, um beispielsweise über eure sexuellen Fantasien zu sprechen, oder über diesen sexy Traum, den ihr neulich hattet. Ihr könnt euch zum Beispiel auch gegenseitig massieren. Guckt euch ein Massage-Tutorial an, probiert es aneinander aus und sagt euch gegenseitig, was sich gut anfühlt und was eher nicht. Diese Art sinnlicher Genuss ist mit weniger Druck verbunden, als zu denken: Wir müssen jetzt Sex haben. Sie kann natürlich dazu führen – muss sie aber nicht. 

Pleasure Mapping

Eine Technik, die ihr gut zu zweit machen könnt, um eure sexuellen Bedürfnisse besser kennen zu lernen, ist Pleasure Mapping. Wir haben dazu auch ein Video auf Sex School Hub. Berühr den Körper deiner Partnerin oder deines Partners, Körperteil für Körperteil. Probiere unterschiedliche Arten von Berührung aus. Die andere Person gibt Feedback: Am Bauch mag ich es, so berührt zu werden, an den Füßen überhaupt nicht. Versteht es eher als Forschung und weniger als Sex. Es geht nicht darum, dass jemand am Ende einen Orgasmus hat. Das nimmt erst einmal eine Menge Druck. Wenn ihr nicht mehr versucht, schnell ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ist viel mehr Raum da, um all den Genuss zu entdecken, der auf dem Weg dahin liegt.


Gerechtigkeit

Obdachlos in der Coronakrise: Die Helfer vom Bahnhof Zoo
Nele, 19, betreut Wohnungslose in der Not: "Durch das Kontaktverbot sind nun viele einsam, ihnen fehlt Sicherheit."

Noch vor wenigen Wochen hatte Nele-Marie Suhr Zeit und Raum für ein bisschen Small Talk. Sie hörte der älteren Dame zu, die so gerne von ihrer schönen Hochzeit erzählte. Oder lachte mit dem jungen Kerl, der auch in den trostlosesten Momenten einen Witz parat hatte.

Nun – seit der Coronakrise – ist alles anders. Nele arbeitet bei der Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo. Seit vergangenem September macht die 19-Jährige dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr, danach will sie in Berlin Soziale Arbeit studieren.

Täglich hilft Nele derzeit bei der Essensausgabe für Obdachlose. Noch bis vor wenigen Wochen trafen sich alle in einer großen Kantine, konnten an Tischen essen und miteinander ins Gespräch kommen. Nun verteilt Nele die Speisen durch ein Fenster, die Berliner Stadtmission hat sich selbst strenge Schutzregeln auferlegt.