Eine Mediatorin gibt Tipps

Die Familie im dritten Stock macht Sport, das Pärchen nebenan verbringt die Zeit zu Hause offenbar mit Renovierungsarbeiten und Sex. Und die Lieblingsplaylist der Nachbarin im Erdgeschoss können alle anderen Hausbewohner schon auswendig.

Bohrmaschinenlärm, laute Musik und blanke Nerven

Seit der Coronakrise sind die meisten Menschen viel mehr zu Hause. Und wo Menschen sich plötzlich nicht mehr aus dem Weg gehen können, kommt es irgendwann zu Konflikten. Insbesondere, wenn sich Bedürfnisse überschneiden. Die Assistenzärztin, die morgen wieder ins Krankenhaus muss, erträgt nachts die laute Musik von nebenan nur schwer und der Student, der tagsüber an seiner Abschlussarbeit sitzt, fühlt sich nach einer Stunde Bohrmaschinenlärm aus der Wohnung unter ihm genervt.

Wütend mit dem Besen an die Decke zu hämmern, fühlt sich spießig an – und diese Art von Nachbar möchte man eigentlich nicht sein. Aber was soll man tun, wenn man sich im Moment von seinen Nachbarn gestört fühlt? Wann und vor allem wie kann man das Thema ansprechen, ohne den anderen zu nahe zu treten oder einen Streit auszulösen und die ganze Situation womöglich noch schlimmer machen? 

Psychologin und Mediatorin Corinna Moormann gibt Tipps, wie man auch in dieser Zeit cool bleibt.

bento: Gerade sind viele Menschen fast den ganzen Tag zu Hause. Da kann es vorkommen, dass man sich von den Nachbarn gestört fühlt. Was kann man dann tun?

Corinna Moormann: Man sollte in jedem Fall nicht zu lange warten, bis man die Situation bei den Nachbarn anspricht. Unseren Geduldsfaden kann man mit einem Rabattheft vergleichen, in das man bei jeder Störung einen neuen Sticker klebt. Irgendwann ist das Heft voll. Dann geht man an die Decke. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse früh zu kommunizieren.

Die Psychologin Corinna Moormann arbeitet seit 2002 in Hamburg als freiberufliche Mediatorin und Coach.

(Bild: Julia Knop)

bento: Angenommen, ich arbeite im Homeoffice und muss mich konzentrieren. Meine Nachbarn hingegen machen Lärm. Wie gehe ich am besten vor?

Moormann: Wir müssen uns zunächst darüber im Klaren sein, dass es immer um unterschiedliche Bedürfnisse geht. Der eine braucht Bewegung und entscheidet sich, Sport zu machen. Der andere kann sich nicht konzentrieren, wenn über ihm jemand herumhüpft. Wenn wir den Nachbarn über uns damit konfrontieren, ist es besonders wichtig, auf die innere Einstellung dem anderen gegenüber, also auf unsere innere Haltung zu achten.

bento: Warum spielt meine innere Haltung eine so große Rolle?

Moormann: Wir spüren immer die innere Haltung des Gegenübers im Gespräch durch seine Körpersprache, seine Mimik und Gestik. Wenn man schon wütend oder genervt vor der Tür der Nachbarn auftaucht, merken die sofort, dass man nicht gut drauf ist. Das führt zu Abwehr und ist keine gute Grundlage für ein Gespräch.

bento: Wie macht man es besser?

Moorman: Indem man das Gespräch sucht, wenn die Emotionen nicht gerade überkochen, versucht, verständnisvoll zu sein und den Nachbarn keine böse Absicht unterstellt. Ich gehe immer davon aus, dass jeder Mensch eine plausible Intention für das hat, was er tut. Und dass es dabei nicht darum geht, andere absichtlich zu stören oder zu verärgern. 

„Die Bereitschaft, die Lebenswelt des anderen verstehen zu wollen, ist essentiell, um schwere Konflikte zu vermeiden. Etwas anzuerkennen bedeutet aber nicht, dass man auch immer zustimmen muss.“

bento: Warum ärgern wir uns überhaupt so sehr über störende Nachbarn?

Moormann: Weil wir zu lange warten – und dann munter vor uns hin interpretieren. Wir wissen eigentlich gar nicht, warum der Nachbar das tut, was er tut. Weil wir nicht nachfragen, reimen wir uns selbst Gründe dafür zusammen. Deshalb sollte die innere Haltung vor einem solchen Gespräch der Wunsch danach sein, zu verstehen, warum mein Nachbar die Dinge so macht, wie er sie macht. 

bento: Wie kann ich im Gespräch dafür sorgen, dass auch der Nachbar mein Bedürfnis versteht?

Moormann: Indem man nicht sofort mit Vorwürfen beginnt. Stattdessen ist es besser, erst einmal zu kommunizieren, was man wahrnimmt und dann sein Bedürfnis als Wunsch zu formulieren. Zum Beispiel kann man fragen, ob derjenige weiß, dass man nebenan die Musik hört und dass man sich wünscht, dass er sie ein bisschen leiser dreht, weil man sich gerade für die Arbeit konzentrieren muss.

bento: Sich als junger Mensch bei den Nachbarn über die Läutstärke zu beschweren, fühlt sich etwas ungewohnt an – typischerweise sind es eher die älteren Hausbewohner, die sich über die jüngeren ärgern. Wie überwinde ich dieses Unwohlsein?

Moormann: Am besten ist, man kommuniziert das als Erstes und sagt: "Ich möchte wirklich nicht spießig rüberkommen, aber ich muss mit dir darüber reden, wie wir das mit der Musik handhaben können, wenn wir beide so viel zu Hause sind."

bento: Was, wenn beide Seiten uneinsichtig sind?

Moormann: Wenn wir emotional aufgeladen vor dem Nachbarn stehen und ihn mit Vorwürfen konfrontieren, stehen sich zwei Menschen gegenüber, die sich angegriffen fühlen und in eine Abwehrhaltung gehen. In unserem Kopf rutschen wir dann sozusagen vom Frontallappen, in dem logische Denkprozesse ablaufen, ins Stammhirn, den ältesten Teil unseres Gehirns.

bento: Und was bedeutet das?

Moormann: Im Stammhirn sitzen die archaischen Strukturen Flucht, Angriff oder Totstellen. Auf dieser Grundlage ist kein gutes Gespräch mehr möglich. Das merken wir spätestens dann, wenn uns hinterher im Fahrstuhl einfällt, dass wir eigentlich lieber dieses oder jenes hätten sagen sollen. 

„Wenn aber die Stresshormone die Steuerung übernehmen, sinken unsere kognitiven Leistungen. Das kennen wir alle. Es ist also wichtig, den anderen in einem guten Zustand zu halten, damit es ein konstruktives Gespräch wird.“

bento: Besonders unangenehm ist es natürlich, wenn die Beschwerde der erste Kontakt ist, den man mit den Nachbarn hat.

Moorman: Oder man sieht es als Chance: Wenn man sich noch nicht so gut kennt, kann das eine schöne Gelegenheit sein, sich kennenzulernen. Man kann sagen: "Hallo, ich wohne hier nebenan und ich weiß, wir sind alle im Moment in einer sehr angestrengten Situation. Ich arbeite tagsüber und muss mich konzentrieren." So kann man Verständnis füreinander schaffen. 


Gerechtigkeit

"Halten Politiker uns für dumm oder sind sie zynisch?" Pflegekräfte über Applaus vom Bundestag
Viele junge Pflegerinnen und Pfleger kommen an ihre Belastungsgrenze – und werden allein gelassen.

Als Alexander Jorde vor einigen Tagen erstmals vom neuen Epidemiegesetz-Entwurf in Nordrhein-Westfalen gehört hat, dachte er nur, die Idee könne nicht echt sein. "Ich habe einfach nicht für möglich gehalten, dass sich Politiker so was ausdenken", sagt der Krankenpfleger zu bento. Die Landesregierung in Düsseldorf plant ein Gesetz, welches das pflegerische und medizinische Fachpersonal im Notfall zum Einsatz verpflichten kann. Für Alex ist das nicht anderes als: "Zwangsarbeit".

Der 23-Jährige ist Deutschlands bekanntester junger Krankenpfleger. 2017 konfrontierte er Angela Merkel mitten im Wahlkampf mit den miesen Zuständen im deutschen Pflegesystem, anschließend hat er darüber das Buch "Kranke Pflege" geschrieben (bento). Jetzt arbeitet er in Niedersachsen auf einer internistischen Intensivstation.

Schon vor der Coronakrise war das System am Ende

Nun – mitten in der Coronakrise – sind seine Mahnungen aktueller denn je. Gerade junge Pflegerinnen und Pfleger schieben gerade Dauereinsätze auf den Intensivstationen. Sie gehören nicht zur Risikogruppe und sie sind belastbar. Zum symbolischen Dank stehen viele Menschen allabendlich auf Balkonen und klatschen für ihren Einsatz, auch der Bundestag applaudierte bereits und Bundeskanzlerin Angela Merkel dankte den Pflegekräften in ihrer Ansprache an das Volk explizit. Aber über den weniger symbolischen Dank, zum Beispiel in Form von finanzieller Mehrvergütung, wird nicht geredet. Zumindest nicht in der Politik.