Bild: Helene Flachsenberg
Insta-Storys aus dem Kinderzimmer

Grillwürstchen statt Poke-Bowls, Hundeauslaufwiese statt Palmenstrand, und um zehn sind alle im Bett. Seit sie etwas von ihrer Bewegungsfreiheit zurückhaben, heißt das erste Reiseziel von Millennials nicht Bali – sondern Hotel Mama. Oder Papa. 

Klar – wegen des Coronavirus wird Urlaub, oder: traveln, lange Zeit nicht so aussehen, wie unsere Generation es gewöhnt ist. Flugrouten werden gestrichen oder teuer, die Einreise in bestimmte Länder verwehrt, und Couchsurfing macht vielleicht ganz dicht. Viele Deutsche haben sich deshalb inzwischen damit abgefunden, dass es diesen Sommer vielleicht eher an die Mecklenburgische Seenplatte geht als nach Indonesien. 

Zurück ins elterliche Nest

Doch was ich bei Bekannten und auf Instagram gerade beobachte, ist nicht bloß Urlaub in Deutschland – sondern Urlaub im eigenen Elternhaus. Wer Familie im Inland hat und zu der ein erträgliches Verhältnis, reist derzeit bevorzugt zu den Eltern. Oftmals nicht nur auf ein Wochenende, sondern gleich für mehrere Wochen.

Auf der einen Seite ist das naheliegend. Viele haben ihre Familie länger nicht gesehen, Weihnachten ist eine Weile her, so langsam wird es mal wieder Zeit. Außerdem mögen junge Menschen, die wochenlang in WG-Zimmer oder Einzimmerwohnung ausharrten, einen Tapetenwechsel herbeisehnen. Und vielleicht auch geräumigere Wohnungen, einen Garten oder einen Wald hinter dem Haus. Außerdem ist Kost und Logis für gewöhnlich frei – ebenfalls ein Argument, wenn der Nebenjob dank Coronakrise kein Geld mehr einbringt

War das hier nicht mal unerträglich?

Trotz all dieser Vorteile des Heimaturlaubs liegt in der Flucht ins elterliche Nest aber auch ein Widerspruch – steht dieses doch häufig nicht nur für Geborgenheit, sondern auch für Einschränkung und Konflikte. Fast jeder Ausgezogene kennt wohl das Gefühl, im Elternhaus auf einmal doch wieder zum Kind zu werden oder sich von den Erwartungen der Eltern niedergedrückt zu fühlen – und am Ende eines Besuchs doch ganz froh zu sein, in den Zug zu steigen und wieder ins eigene Leben und zum selbstbestimmten Ich zurückzukehren. Bemerkenswert also, dass wir uns nach der Isolations-Enge freiwillig ausgerechnet dorthin zurückbegeben.

Erwischt – auch die Autorin dieses Textes hat es schon in die nordhessische Heimat verschlagen

(Bild: Helene Flachsenberg)

Doch in der Coronakrise haben viele junge Menschen einen neuen Blick auf ihre Eltern gewonnen. Nicht nur als potenzielle Gastgeber eines Gratis-Urlaubs, sondern auch als Objekt der Sorge. Bei vielen Über-zwanzig-Jährigen fallen die Eltern aufgrund ihres Alters automatisch in die Risikogruppe, manche leiden an Erkrankungen. Wer von den Corona-Regeln genervt war, brachte sich mit dem Gedanken zur Räson, dass das eigene Verhalten Schwächere schützt. Und dass diese Schwächeren durchaus auch die eigenen Eltern sein könnten. Hielten die sich wiederum selbst nicht an diese Regeln, verbrachten nicht wenige erwachsene Kinder Stunden am Telefon, in denen sie ihre Eltern zu überzeugen versuchten, doch bitte vernünftig zu sein.

Dabei ist es natürlich ein weiterer Widerspruch, dass man als Gast selbst ein potenzielles Risiko für die älteren Eltern ist. Manche Kinder versuchen dieses Risiko zu verringern, indem sie vor ihrem Besuch zwei Wochen lang besonders streng auf die Regeln achten. Oder auch im Esszimmer Sicherheitsabstand halten und Maske tragen. Vielleicht planen deshalb viele auch so lange Aufenthalte – wenn man schon in den Zug steigt und Keime aus der Außenwelt einschleppt, dann soll es sich wenigstens lohnen.

Plötzlich verkehren sich die Verhältnisse

Wenn alles gut läuft, verbringen wir unsere Kindheit in dem Glauben, unsere Eltern seien allwissend und unverwundbar. Irgendwann bekommt dieser Glaube Risse, weil Eltern auch nur Menschen sind wie alle anderen, weil sie krank werden, Dummheiten begehen. Trotzdem bleiben sie im besten Fall auch dann, wenn man selbst erwachsen ist, eine verlässliche Größe. Und trotzdem sorgen sich Eltern wahrscheinlich im Regelfall noch mehr um ihre Kinder als andersherum.

Die Coronakrise hat dieses Verhältnis umgekehrt. Auf einmal waren die Jungen die Starken, diejenigen, die vernünftig und stark bleiben wollten, um die Alten zu schützen. Besonders die eigenen Eltern.

Es mag also sein, dass es nicht nur an Papas Kartoffelsalat und Mamas Rhododendron liegt, dass das Elternhaus gerade so ein attraktives Reiseziel ist. Sondern vor allem auch daran, dass manche von uns in der Krise noch einmal gemerkt haben, dass wir nur diese Eltern haben. Und es schade wäre, wenn wir die Zeit mit ihnen nicht richtig nutzen – indem wir im Garten mithelfen und uns noch einmal ausführlich das Rezept für diesen Kartoffelsalat erklären lassen.


Uni und Arbeit

Elitestudent in der Coronakrise: "Bei uns hat niemand wirklich Angst, keinen Job zu finden"
Lukas Rehm studiert an der Wirtschafts-Eliteuniversität WHU. Er sieht in der Krise eine Chance.

Sie hatten einen Plan für ihre Zukunft, dann kam Corona: Menschen zwischen 20 und 30 treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie härter als jede andere Altersgruppe, Jobs und Ausbildungsplätze brechen weg. In unserer Serie "Generation Corona" berichten einige von ihnen, was die Krise für sie bedeutet. In dieser Folge: Lukas Rehm, 23, studiert im Master an der Wirtschafts-Eliteuniversität WHU. Im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen glaubt er nicht, dass die Krise ihm beruflich etwas anhaben wird – er sieht in ihr sogar eine Chance.