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Normalerweise fährt unsere Autorin über Ostern nach Hause. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Dieses Jahr fällt Ostern aus. Karfreitag bis Ostermontag wird für die meisten von uns so laufen, wie alle anderen freien Tage auch, seit die Corona-Pandemie unseren Lebensrhythmus diktiert. Wir stehen auf, frühstücken, informieren uns über die neuesten Zahlen der Infizierten und darüber, was Deutschland und andere Länder für neue Maßnahmen zur Eindämmung des Virus erlassen haben, während wir geschlafen haben. 

Dann treffen wir uns – soweit das Wetter mitspielt – zum Spazierengehen mit einem Freund oder einer Freundin. Und reden dabei über Corona. Denn so sehr wir uns auch bemühen, das Virus nicht jeden Bereich unseres Lebens bestimmen zu lassen: Unsere Gesellschaft wird gerade nun mal auf den Kopf gestellt. Worüber soll man also reden, wenn nicht genau darüber? 

An Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag haben natürlich nicht einmal die Supermärkte offen. Das heißt, wir können nicht einkaufen gehen, um uns die Zeit zu vertreiben, und uns mit einem Abstand von zwei Metern unter Leute zu mischen. Also kochen wir, netflixen, puzzeln oder backen Brot.

Ostern 2020 ist alles anders

Feiertage waren für mich immer der perfekte Anlass, aus meinem Trott herauszukommen. Um auf die Bremse zu drücken, was ich in meinem Alltag oft nicht schaffe. Jetzt ist mein Trott jedermanns Trott – und keiner kommt da einfach so raus. Und auf die Bremse drücken ist nicht notwendig. Wer nicht gerade im Krankenhaus oder im Supermarkt arbeitet, lebt gerade jeden Tag mit angezogener Handbremse. 

Feiertage sind für mich auch ein Anlass, meine Familie zu sehen. Ein Teil lebt in München, der andere in Stuttgart, ich in Hamburg. Zu Ostern treffen wir uns in der Regel in Schwaben, wo meine Mutter lebt.

Besonders Ostern ist für mich ein Fest mit vielen Traditionen: Am Karfreitag essen wir oft Maultaschen, die "Herrgotts'bscheißerle" – Schwein in Teig verpackt, damit der liebe Gott nicht merkt, dass wir uns seinem Fleischverbot widersetzen. 

Am Samstag versuche ich so zu tun, als hätte ich die Vorbereitung der Nester nicht längst bemerkt, die meine Mutter für meine Schwester, 31, und mich, 29, am Ostersonntag verstecken wird (Don't judge!). Heißt: Ostergras auf Pappteller, garniert mit Schokoeiern und Schokohasen, vielleicht einem Kinogutschein, den wir am nächsten Tag zusammen einlösen. 

Das läuft so, seit wir Kinder sind. Früher sind die Geschenke noch üppiger ausgefallen: Ich habe meinen Scout-Schulranzen, die Panda-Edition, zu Ostern "gefunden" (im Büro meiner Oma neben Aktenordnern eingereiht). Und mein pinkes-gelbes Fahrrad (hinter dem Rhododendron im Garten getarnt), das ich geliebt habe, zusammen mit einem lilafarbenen Helm. 

Feiertage – Familientage 

Heute geht es weniger um große Geschenke, sondern mehr darum, Zeit miteinander zu verbringen. Ich mag, dass wir aus unserer Osterzeremonie nie rausgewachsen sind. Ich komme mir nicht einmal albern dabei vor, mein Nest zu suchen. Höchstens ein bisschen, wenn ich es aus Versehen schon finde, bevor die Suche losgeht, und meiner Mutter zuliebe noch fünf Minuten weiter durch Haus und Garten streife. Es ist unsere Tradition, vielleicht auch ein bisschen Eskapismus, zurück in die Kindheit. Es ist ein Festhalten an einer Zeit, in der man sich noch keine Zeit füreinander nehmen musste, in der das Zusammensein selbstverständlicher war. Zeit, die wir heute im Alltag oft nicht füreinander haben oder die wir mit Dingen füllen, die wir aus irgendwelchen Gründen für wichtiger halten.

Dieses Jahr ist es keine Option, knapp 700 Kilometer durch Deutschland zu fahren, um Osternester zu suchen. Niemand kann mir gerade sagen, wann ich mich wieder bedenkenlos in einen Zug setzen kann. Oder wann ich meine Mutter wieder in den Arm nehmen werde. 

Und jetzt?

Ich könnte natürlich trotzdem am Karfreitag Maultaschen essen. Ich könnte mich mit meiner Familie per Videokonferenz zusammensetzen und jede von uns könnte für sich, in ihrer Stadt vor dem Bildschirm, christliche Gebote unterwandern. Meine Mutter könnte wie gehabt die Osternester verstecken und, von uns angeleitet mit dem Smartphone in der Hand, das Haus durchsuchen. Ich könnte Ostern dieses Jahr auch einfach ausfallen lassen. Oder meine eigenen Traditionen starten, mit den Menschen, mit denen ich in Hamburg meinen Alltag und mein Leben teile.

Ich könnte diese vier Tage aber auch nutzen, um all die Gewohnheiten zu hinterfragen, die sich dogmatisch in mein Leben eingeschlichen haben. Etwa die Unfähigkeit, mir im Alltag keine Zeit für mich selbst nehmen zu können. Mich oft zu Barbesuchen überreden zu lassen (oder bin ich diejenige, die überredet?), obwohl ich es gerade genieße, den Freitag- und den Samstagabend auch mal mit einem Buch zu verbringen, wenn ich sowieso nichts verpasse. Und warum muss ich auf die Feiertage warten, bis ich mich in den Zug setze, und meine Familie besuche?

Covid-19 diktiert jetzt meinen und unser aller Lebensrhythmus. Wen wir noch sehen, was wir konsumieren, wo wir uns aufhalten können und wo nicht. Jetzt, wo ich diesem neuen Diktat unterworfen bin, wird mir sehr deutlich, dass ich mich vorher schon zu häufig von äußeren Einflüssen habe lenken lassen: der Angst, dass andere ohne mich Spaß haben. Dem Zwang, immer das Beste aus einem sonnigen Tag machen zu müssen. Überhaupt das Gefühl, ständig aus allem das Beste machen zu müssen. Zumal die Kriterien, die ich oft heranziehe, um "das Beste" ausfindig zu machen, zu oft nicht meine sind. Sonst würde ich wohl mehr Samstagabende bei einer Partie Kniffel oder Skat verbringen. Und mehr Tage, die keine Feiertage sind, auf die Bremse treten und einfach zu meiner Familie fahren. 


Gerechtigkeit

Für welche Zukunft sparen wir? Die Angst junger Europäer vor der Krise nach Corona
In einem offenen Brief fordern mehr als 60 europäische Jugendorganisationen Coronabonds. Wir haben eine Initiatorin gesprochen

Das Coronavirus ist besonders gefährlich für die älteren Generationen Europas. Doch die Krise nach Corona könnte die Jungen besonders hart treffen. 

Das zumindest befürchtet ein Zusammenschluss von mehr als 60 Jugendorganisationen aus 14 europäischen Ländern. In einem offenen Brief wenden sie sich an die europäischen Finanzminister, sie fordern Solidarität – und finanzielle Unterstützung für geschwächte Länder in Form von Coronabonds. "Wir sind in einem vereinten Europa aufgewachsen und wollen als gleiche Bürger*innen behandelt werden", schreiben sie. "Die Jugend war schon stark von der europäischen Schuldenkrise betroffen, in der die Jugendarbeitslosigkeit dramatisch anstieg."

Bis heute ist zum Beispiel jeder dritte junge Mensch in Spanien arbeitslos, in Griechenland sind es noch mehr. Die Befürchtung der Verfasser des Briefes: Wenn sich der Sparkurs wiederholt, bleibt von der europäischen Zukunft nicht mehr viel übrig, von dem unsere Generation profitieren könnte.