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Wie wir die Coronakrise am besten durchstehen, ohne uns zusätzlich zu stressen

Ich liege auf meinem Bett, starre an die Decke und gehe im Kopf alles durch, was ich an diesem Tag tun wollte: Unterlagen sortieren, laufen gehen, einen Brief schreiben, ein Curry kochen, einen kleinen Stoffhasen nähen und irgendetwas, wofür ich die Yogamatte brauche, die hinter meinem Regal verstaubt. Ich bin genervt. Ich fühle mich gestresst. Ich gehe in die Küche und esse Kekse.

Währenddessen auf Instagram: selbstgebackenes Brot und "Quarantäne-Fitness"

Eigentlich habe ich meine Social-Media-Feeds bestmöglich von Inhalten befreit, die mich zu oft dazu brachten, mich selbst mit anderen zu vergleichen. Nun aber, da das analoge Leben stark eingeschränkt ist, sehe ich im Digitalen, wie andere mit ihrer freien Zeit zu Hause umgehen. 

Die Selbstisolation oder Quarantäne ist dabei offenbar der perfekte Nährboden für den Wunsch nach Selbstoptimierung: Auf Instagram teilen die Menschen ausgefeilte Morgenroutinen, Yogasessions, Fitnesskalender und Sprachkurse, renovierte Schlafzimmer und aufgeräumte Schubladen, selbstgebackenes Brot und Drei-Gänge-Menüs jeden Abend.

(Bild: privat)

Mich überkommt die Befürchtung: Wer nach der Coronakrise nicht mit Bauchmuskeln seine Bruschetta Calabrese in perfektem Italienisch bestellt und dann anmerkt, man hätte das selbst schon besser zu Hause zubereitet, hat die Zeit in der Selbstisolation nicht gut genug genutzt. 

Krisenmodus: on

Über diese Beobachtungen habe ich mit Benthe Untiedt gesprochen. Sie ist Psychologin und systemische Beraterin in Hamburg. Seit dem Ausbruch der Krise hat sie sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. 

Benthe, 30, arbeitet als selbstständige Psychologin und systemische Beraterin und mit der Agentur für psychische Gesundheit "Shitshow" zusammen.

(Bild: privat)

bento: Ich habe das Gefühl, dass viele Menschen die Corona-Zeit nutzen, um sich selbst zu optimieren. Manchmal denke ich, alle schaffen viel mehr als ich. 

Benthe: Wir sind gerade alle im Krisenmodus. Der kann sich bei jedem unterschiedlich auswirken. Manche fallen in einen Aktionismus, andere in eine Starre, manchmal ist es etwas dazwischen. 

bento: Bei Instagram sehe ich vor allem Ersteres.

Benthe: In der Psychologie gibt es das Modell, zurückgehend auf Klaus Grawe, dass Menschen vier Grundbedürfnisse haben: Bindung, Anerkennung, Selbstwirksamkeit und Lustgewinn. Diese Bedürfnisse können wir gerade nicht so befriedigen, wie wir es gewohnt sind. Bei vielen Menschen haben sie sich komplett ins Digitale verlagert.

Das Bedürfnis nach Bindung und nach Anerkennung können wir vergleichsweise leicht durch soziale Medien kompensieren. Bei anderen Bedürfnissen ist das schon schwieriger.

bento: Zum Beispiel?

Jetzt in der Coronakrise geht es viel um Selbstwirksamkeit. Dieser Begriff beschreibt unseren Einfluss auf die Wirklichkeit und die Kontrolle über Situationen. Wir bekommen dieses Gefühl, wenn wir etwas tun, das uns sinnhaft erscheint. Es ist wichtig für unsere psychische Gesundheit. 

Durch soziale Medien können wir wiederum Feedback auf unsere Selbstwirksamkeit bekommen. Genau wie eine Form des Lustempfindens bei Likes und Reactions auf unsere Fotos vom After-Homeoffice-Workout. Oder eben auch schon durch den Sport selbst.

bento: Wenn ich die Coronakrise nur als Möglichkeit produktiver Zeit betrachte, begebe ich mich da nicht auch automatisch gefährlich nahe an einen Strudel der Optimierung, der meine eigene Lebenswelt in den Mittelpunkt stellt?

Benthe: Für viele ist der Aktionismus gerade eine Art mentale Überlebensstrategie in der Isolation und damit ungemein wertvoll. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass viele von uns da mit der kinderlosen Brille aus dem Homeoffice drauf schauen. Für andere ist eine ausgiebige Morgenroutine mit Yoga gar nicht mit ihrem momentanen Alltag zu vereinbaren.

bento: Wo liegt der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Selbstwirksamkeit? 

Benthe: Manchmal sind die beiden nicht so leicht zu unterscheiden. Selbstoptimierung kann ungesund sein, denn durch sie gerät man schnell unter Druck durch einen inneren Kritiker, den man sowieso nie zufriedenstellen kann. 

Einen aus dem Aktionismus entstandenen Wunsch nach übersteigerter Selbstoptimierung und ein gesundes Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit kann man gut unterscheiden, wenn man den Blick nach innen wendet. Man sollte sich fragen, für wen man das tut, was man gerade tut. Startet man mit Power-Yoga in den Tag, weil man sich dann besser fühlt, oder macht man es für eine Gesellschaft und damit gegen einen Druck, der von außen auf einen einwirkt?

bento: Wie kann ich dafür sorgen, dass ich mich selbstwirksam fühle?

Benthe: Viele Leute beschäftigen sich gerade mit Dingen wie Brotbacken oder Handarbeiten. In der ganzen Digitalität schafft man dabei etwas mit den eigenen Händen. Es ist auch normal, dass die Ergebnisse anderen zeigen möchte ­– egal, ob es die Mitbewohner, die WhatsApp-Gruppe oder Instagram-Follower sind.

bento: Also sollte ich mich nicht unter Druck gesetzt fühlen, wenn andere ihre Brote oder Yoga-Routinen teilen – sondern einfach anerkennen, dass sie ihre Selbstwirksamkeit mit anderen teilen wollen?

Benthe: Ja. Und es ist sowieso wichtig, sich in dieser Zeit nicht noch mehr durch hohe Ansprüche zu stressen. Dass wir gerade zum Beispiel öfter Heißhunger haben oder mehr snacken und naschen ist ganz normal in einer Ausnahmesituation wie dieser. Der Körper bereitet sich in Stresssituationen auf Kampf oder Flucht vor und dafür braucht er Nahrung. Menschen hingegen, die anders mit Stress umgehen, verlieren in solchen Situationen auch öfter mal ihren Appetit. Wenn man es schafft, dreimal am Tag etwas einigermaßen Gesundes zu essen, das dem Körper gut tut, sich ein bisschen zu bewegen und das Gehirn ein wenig anzustrengen, dann ist das schon eine ganze Menge.

bento: Die jetzige Ausnahmesituation verlangt uns viel ab. Manchmal denke ich: Ist es nicht eigentlich schon eine Leistung, wenn wir nicht durchdrehen?

Benthe: Ganz genau! Der Maßstab sollte sein, gesund aus dieser Krise herauszukommen – nicht besser als vorher, sondern einfach gesund. Dann hat man schon richtig viel erreicht.

bento: Wie kann man sich selbst dabei unterstützen?

Benthe: Es hilft, auch mal eine andere Perspektive einzunehmen. Zum Beispiel, indem man nicht nur To-do-Listen schreibt, sondern sich abends Zeit nimmt, eine Liste mit den Dingen aufzustellen, die man tatsächlich getan hat. Da steht dann vielleicht drauf, dass man mit seinen Eltern telefoniert hat. Wertvolle Zeit, die man jemandem geschenkt hat, die wir aber intern oft als unproduktive Zeit sehen.

(Bild: Glenn Carstens-Peters/Unsplash)

bento: Was aber, wenn man sich ständig unproduktiv fühlt?

Benthe: Denk' doch mal an die alten Philosophen. Die waren den ganzen Tag spazieren, haben sich mit Leuten unterhalten, philosophiert – von außen betrachtet völlig unproduktive Arbeit! Die haben den Raum und die Zeit aber aktiv genutzt. Nur nicht von außen, sondern eher von innen. Sich Tagträumen und Gedanken hinzugeben ist nichts, weswegen man sich schlecht fühlen sollte, wenn man so viel zu verarbeiten hat. Und das haben wir alle.


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