Bild: Natalie Dedreux
Natalie hat an einer Webseite mitgewirkt, die das Coronavirus einfach erklären will.

Das Coronavirus bestimmt aktuell die Nachrichten. Nicht für jeden sind die Informationen gleich zugänglich: Als die ersten Pressekonferenzen der Bundesregierung ausgestrahlt wurden, kritisierten Gehörlose die fehlende Bereitstellung von Infos in Gebärdensprache (Change.org). Die Journalistin Nalan Sipar machte auf sprachliche Barrieren von Menschen mit Migrationsgeschichte aufmerksam und forderte entsprechende Angebote auf offiziellen Seiten (Twitter). 

Auch für Menschen mit kognitiver Einschränkung fehlt es an Informationen, die für sie verständlich formuliert sind. Nach anfänglicher Kritik bemüht sich die Bundesregierung, auf ihren Webseiten für mehr Barrierefreiheit zu sorgen. Wichtige Informationen gibt es nun in Gebärdensprache, Leichter Sprache und ausgewählten Fremdsprachen. Auch einzelne Medienseiten erweiterten ihr Angebot (taz, WDR Cosmo, NDR). 

Corona-Infos in Leichter Sprache

Aktivistinnen wie Anne Leichtfuß, 41, und Natalie Dedreux, 21, halten die Möglichkeiten, sich zu informieren, für ausbaufähig. Um relevante News für eine Zielgruppe zu bündeln, haben sie innerhalb kürzester Zeit das Projekt "Corona Leichte Sprache" auf die Beine gestellt, eine Webseite, die in Leichter Sprache über Corona informieren soll.

Leichte Sprache bedeutet: Anstatt sich durch den Wust an vielen Informationen, langen Sätzen und komplizierten Begriffen durchzuklicken, bereitet die Webseite Informationen aufgeräumter und einfacher auf. Sie arbeiten mit kurzen Sätzen, vielen Absätzen, Zwischenüberschriften und Bildern. Sie vermeiden Fremdwörter und hohe Zahlen. (Informationen zum Regelwerk findest du zum Beispiel hier)

Anne, die Verantwortliche des Projektes, ist Dolmetscherin und Übersetzerin für Leichte Sprache. Natalie engagiert sich als Aktivistin für Menschen mit Behinderung. Beide arbeiten beim Ohrenkuss – einem Magazin, das von Menschen mit Downsyndrom geschrieben wird. Natalie lebt selbst mit dem Downsyndrom und hat bento per E-Mail erklärt, warum es gerade jetzt wichtig ist, sich für Leichte Sprache einzusetzen.

bento: Natalie, du warst an einer Webseite beteiligt, die Wissen über Corona in Leichter Sprache zur Verfügung stellt. Was hast du da konkret gemacht?

Natalie: Wir Menschen mit Downsyndrom waren im Prüferteam. Ich habe Texte über das Coronavirus geprüft, ob man die so verstehen kann. Manche Sachen, die man nicht gut versteht, mussten noch mal erklärt werden. Zum Beispiel: Was ist denn Corona? Da habe ich auch viel darüber gelernt. Leichte Sprache ist wichtig für uns Menschen mit Behinderung. 

bento: Auf der Webseite findet man Erklärungen wie "Wie soll ich mich jetzt verhalten?" oder "Was passiert beim Arzt?". Auch Listen von Dolmetscherinnen sind hinterlegt. Was wollt ihr mit diesem Projekt bewirken?

Natalie: Wir haben es auch gemacht, damit Ärzte wissen, wie man mit Menschen in Leichter Sprache sprechen kann. Das Problem ist natürlich, dass Menschen mit Behinderung Leichte Sprache brauchen. Und es ist auch wichtig, dass wir einen Dolmetscher haben, der sich damit sehr gut auskennt und das übersetzt.

bento: Fühlst du dich in solchen Situationen, wie zum Beispiel beim Arzt, überfordert?

Natalie: Es kommt drauf an, was die so sagen. Meistens ist es so, dass sie sehr, sehr schnell sprechen. Da kommen wir Menschen mit Downsyndrom gar nicht mit. Dann verwirrt uns das jedes Mal total.

„Man weiß nie, was gesagt wird, du weißt nie, was gemeint ist.“
Natalie Dedreux

bento: Wie informierst du dich gerade über Corona?

Natalie: Meistens nutze ich mein Handy oder mein iPad. Da gibt es sehr viele Seiten. Den SPIEGEL, den haben wir auch hier.

bento: Schaffen es die Medien, so über Corona zu berichten, dass du es gut verstehst?

Natalie: Nicht immer so ganz, ich brauche dafür einen Übersetzer in Leichter Sprache. Im Moment ist meine Übersetzerin Anne Leichtfuß. Wenn Nachrichten mal im Fernsehen kommen, gucke ich schon mal rein. Meistens lese ich Nachrichten, die aber in Leichter Sprache besser zu verstehen sind. Es gibt ja auch den Deutschlandfunk. Da versteht man das besser.

bento: Weil sie auch Programme in Leichter Sprache haben?

Natalie: Ja, genau.

bento: Was kann passieren, wenn Menschen mit Downsyndrom nicht wissen, was Corona ist und was sie machen sollen, um sich zu schützen?

Natalie: Das ist nicht gut. Dann gehen sie raus und dann kommt das Risiko, dass sie sich anstecken und auch krank werden. Und meistens ist es auch bei Menschen, die eine Trisomie 21 haben, so, dass sie zu der Risikogruppe gehören und auch sehr krank werden können.

„Mir wurde klar, dass auch Menschen mit Downsyndrom an dem Coronavirus sterben können.“
Natalie Dedreux

bento: Wie hast du dich gefühlt, als du zum ersten Mal von Corona erfahren hast?

Natalie: Ich war in meiner Wohnung und habe gemerkt: Da kommt eine schlechte Meldung. Und dann ging es mir nicht gut, weil ich angefangen habe, zu weinen. Und meine Mutter hat mir dann erklärt, was das Coronavirus ist. 

Eigentlich wohne ich in Lindenthal in einer WG. Aber jetzt bin ich bei meiner Familie zu Hause. Ich bin auch Risikopatientin, wegen der Trisomie 21. Hier geht es auch. Ich scharre aber mit den Hufen, dass ich zurück in meine Wohnung fahren kann. 

Am Anfang wusste ich nicht, was Corona ist. Und was mir nicht klar war: Warum kann ich nicht rausgehen? Und auch nicht einkaufen gehen? Und auch nicht in der WG bleiben? Das muss ja auch erklärt werden.

bento: Und wie geht es dir jetzt? Wie überstehst du die Corona-Zeit?

Natalie: Mir geht es nicht sehr gut, weil ich nicht viel machen kann. Ich kann meinen Freund nicht sehen. Ich kann nicht mit dem Zug nach Bonn in die Ohrenkuss-Redaktion fahren. Und ich kann auch nicht einkaufen.

Wir sollten zu Hause bleiben und aufpassen, dass wir uns nicht anstecken. Und wir sollten auch cool bleiben und auch gerne mal ein Bier trinken und Bollywood-Filme gucken.

Es muss ja alles weiterlaufen, deshalb machen wir Online-Redaktionssitzungen und das läuft auch ganz gut. Was mir ganz wichtig ist: dass es meinen Leuten vom Ohrenkuss gut geht. Die finden das auch nicht gut und sie sind traurig, weil wir uns nicht sehen können. Und das ist auch schwer für uns.

bento: Warum ist Leichte Sprache allgemein ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient?

Natalie: Es gibt nicht genug Informationen für Menschen mit einer Behinderung. Das reicht nicht aus. Leichte Sprache ist wichtig und wird gebraucht, damit das Menschen mit Behinderung besser verstehen. Das heißt auch: dass nicht zu schnell gesprochen wird. 

Deswegen brauchen wir auch einen Übersetzer, der sich mit der Leichten Sprache auch auskennt. Und deswegen habe ich auch mitgemacht bei dem Projekt. Und was ganz wichtig ist: dass man erklärt, was das Coronavirus ist. 

bento: Danke fürs Gespräch, Natalie.

Mehr zu Natalie gibt es in diesem Video:



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