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Eine Psychologin erklärt, wie man Streit vermeidet – oder richtig löst

Viele Menschen verbringen gerade mehr Zeit mit ihrem Partner als sonst. Das Coronavirus hat das Zusammenleben massiv verändert. In dieser Situation können selbst langjährige, eingespielte Beziehungen an ihre Grenzen kommen. Aber gerade für junge Partnerschaften ist es eine Herausforderung, sich mit einem Mal so häufig zu sehen.

bento hat mit der Paartherapeutin Vera Matt darüber gesprochen, wie man in der Ausnahmesituation miteinander umgehen und Streit vermeiden kann.

Vera Matt arbeitet als Paartherapeuthin in Berlin.

(Bild: Julia Hopka)

bento: Was passiert bei Paaren, wenn sie viel Zeit gemeinsam in der Wohnung verbringen und es keine Ausweichmöglichkeiten mehr gibt?

Vera Matt: Das, was wir von Weihnachten oder aus dem Urlaub kennen: Man hat seine Lieblingsfluchten nicht, die normalen Alltagsrituale greifen nicht mehr. Man rückt sich auf die Pelle, der private Freiraum ist eingeschränkt – und das tut Beziehungen selten gut.

bento: Wie kommt es dann zu Konflikten?

Matt: Man kann nicht ausweichen, es entstehen Missverständnisse. Angenommen, der eine Partner sieht den anderen am Tisch sitzen und möchte sich einen Tee machen. Er fragt, ob der andere auch einen möchte. Der ist gerade aber hochkonzentriert, was der andere wiederum nicht merkt, weil er "zu Hause sein und Dasitzen" mit "Zeit haben und ansprechbar sein" verbindet. Wenn dann der eine neutral oder gereizt antwortet, fühlt sich der andere missverstanden – er wollte ja nur etwas Gutes tun! Spricht er es an, kommt es zu Vorwürfen und so nimmt das Drama seinen Lauf.

bento: Man redet also leicht aneinander vorbei, weil man in einem anderen Kontext zusammen ist als sonst?

Matt: Ja, verschiedene Rollen überschneiden sich. Im Büro hat man zum Beispiel andere Aufgaben als zu Hause. In welcher Rolle man sich aber befindet, wenn man gerade nur noch zu Hause ist, ist nicht immer klar erkennbar. Als Partnerin ist man vielleicht immer für den Partner ansprechbar, als Mitarbeiterin eines Unternehmens oder Studentin während der Abschlussarbeit aber nicht.

bento: Was kann man tun, damit es nicht zum Streit kommt?

Matt: Wenn wir keine Rückzugsorte haben und der persönliche Freiraum so stark eingegrenzt ist, braucht es oft klare und harte Ansagen, um sich diesen Raum zu schaffen. 

In normalen Zeiten ist das schon ein Problem, weil wir alle nicht so richtig kommunizieren, dass wir mal die Wohnung für uns alleine brauchen, der Partner sich ein eigenes Hobby suchen soll oder wir gerne mehr Zeit alleine mit anderen Menschen verbringen möchten.

bento: Warum sagen wir das nicht?

Matt: Weil wir für den anderen Kompromisse eingehen wollen. Auf Dauer kommt es dann aber zu Konfliktsituationen. Man sagt Ja, meint aber Nein. Der Partner oder die Partnerin weiß dann nicht, was er oder sie falsch gemacht hat. Jetzt, wo man so viel Zeit miteinander verbringt, kommt es öfter zu solchen Situationen. Deshalb sollte man klar definieren und kommunizieren, was einem wichtig ist, ohne den anderen absichtlich zu verletzen.

bento: Wie genau?

Matt: Indem man seine eigenen Bedürfnisse wertschätzend formuliert, tolerant ist und den anderen ernst nimmt. Außerdem sollte man darauf achten, Grenzen zu respektieren und sich an besprochene Absprachen zu halten. Fragt mich mein Partner, ob er mir auch einen Tee machen soll, kann ich sagen: "Ich bin gerade hochkonzentriert. Ich höre, Du redest mit mir. Bestimmt ist es etwas voll Süßes – aber mich stört gerade alles, was mich von meiner Fokussierung ablenkt. Ich habe einen Tunnelblick und brauche meine Ruhe. Wir haben doch nachher eine Pausenzeit nur für uns beide eingerichtet. Auf die freue ich mich!"

bento: Und wenn es doch zum Streit kommt? 

Matt: Gut so! Denn Streit kann positiv bedeuten, Grenzen neu zu ziehen und Absprachen neu auszuhandeln.

„In Krisenzeiten zeigt Streit auf, was sowieso da ist und wo sonst der Deckel draufgehalten wird.“
Vera Matt

Kocht dann mal etwas über, ist das völlig normal. Ein Streit ist keine Katastrophe. Er erzeugt Reibung, aber auch Wärme, er klärt Dinge und verbessert Situationen.

bento: Was können wir tun, damit wir trotzdem nicht zu viel streiten?

Matt: Wir sollten mit allen Mitbewohnern – egal ob Partner oder WG-Mitbewohner – klären, was gerade ansteht und was jeder einzelne gerade leisten muss. Dann kann man darüber sprechen, wie man das am besten organisieren kann. Das heißt: Absprachen und Regeln erarbeiten. Für die Zeit im Home-Office, aber auch für die Zeit mit sich allein. 

bento: Was macht die Corona-Krise mit frischen Beziehungen und jungen Paaren?

Matt: Die Paare entwickeln sich viel schneller als normal. Eine Krise beschleunigt alles. Wer jetzt zusammen als junges Paar viel Zeit miteinander verbringt, sollte darauf achten, dass man trotz der Verliebtheit und dem Wunsch nach Nähe und Verschmelzung ganz bewusst Momente der Distanz einfügt. Damit man sich vermissen und sich selbst reflektieren kann. Man sollte nicht vergessen, wer man ist, wenn man nicht zusammen ist, damit man in keine Symbiose hineinrutscht und sich die Beziehung der von Geschwistern annähert. 

(Bild: Davids Kokainis/Unsplash)

bento: Was ist mit der gemeinsamen Zeit?

Matt: Wichtig ist, dass die Zeit, die man jetzt gemeinsam verbringt, nichts über deren Qualität aussagt. Je mehr Zeit man mit dem Partner verbringt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man nebeneinander am Handy daddelt.

„Gerade jetzt ist es wichtig, zwischen Nähe und Distanz zu schwingen: Einerseits in ungeteilter Aufmerksamkeit füreinander da sein, andererseits sich Zeit und Raum nur für sich selbst zu schaffen.“
Vera Matt

Man muss neue Rituale finden, die ein Paar miteinander verbinden. Man könnte zum Beispiel eine Kerze anzünden, Musik anmachen und sagen: Die halbe Stunde ist jetzt nur für uns. Wir reden nicht über die Arbeit oder die Uni und das Handy bleibt aus. Stattdessen erzählt man sich, was man geträumt hat, was einen beschäftigt, was man sich für den Tag wünscht.  

bento: Was, wenn dann grundsätzliche Fragen über die Beziehung aufkommen?

Matt: Dann kann man auch in einer solchen Situation darüber sprechen – selbst wenn es dann zu Konflikten kommt. Wenn ein Paar durch eine Krise geht, ist das wie ein Turbobeschleuniger für die Beziehung. Auch wenn es ätzend und hart ist. Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen: Entweder schafft es ein Paar und geht dann auch gestärkt daraus hervor oder es schafft es eben nicht. Dann wäre es aber früher oder später sowieso in die Beziehungskrise gerutscht.

bento: Sehen Sie einen Unterschied darin, wie junge und ältere Paare in der Coronakrise mit ihren Beziehungen umgehen?

Matt: Die jungen Menschen gehen anders damit um, ganz sicher. Nach meiner Erfahrung sagen sie sich ehrlicher, was sie voneinander halten und was sie brauchen. Sie sagen und zeigen sich aber auch ehrlich, dass sie sich lieben. Und sie tun auch in Krisenzeiten mehr als meine Generation, die gerne einfach nur diskutiert.

Ich bin 50 Jahre alt, meine Freunde auch. Wir sind keine Risikogruppe, aber wir haben Angst, uns aktiv solidarisch einzubringen. Ich glaube, die jungen Menschen haben dafür ein anderes Bewusstsein. Sie gehen sozialer durch diese Krise, sie schauen hinter die Kulissen und wollen helfen. So, wie die meisten von ihnen durch diese Krise gehen, gehen sie auch in ihre Partnerschaften. Sie gehen angstfreier in die Tiefe als wir. Sie fragen sich, wo ihr Platz ist und was sie Gutes tun können, wenn die Welt gerade Kopf steht. Davor habe ich großen Respekt.


Uni und Arbeit

Meine eigene Chefin: Was ich aus einem Jahr Selbstständigkeit gelernt habe
Der vorerst letzte Teil unserer Serie über Selbstständigkeit

Dieser Text ist der Abschluss unserer Kolumne über Selbstständigkeit. Die Autorin hat ihn verfasst, bevor das Coronavirus Tausende Menschen ins Homeoffice gezwungen hat und gerade für Freiberuflerinnen und Freiberufler zur Existenzbedrohung geworden ist.

Es ist genau ein Jahr her, dass ich mich selbstständig gemacht habe. Die beste Nachricht zuerst: Ich bin es immer noch und stolz drauf! Laut des Gründungsmonitors der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beenden etwa 30 Prozent der Gründerinnen und Gründer ihr Business in den ersten drei Geschäftsjahren wieder. Ich habe immerhin schon mal die erste Etappe geschafft.

Zur Erinnerung: Ende 2018 habe ich meinen Job als festangestellte Redakteurin in Bremen aufgegeben, jetzt arbeite ich als freie Journalistin in Berlin.