Als Lorenzo beschließt, dass er es sofort mit einem Kerl tun muss, ist er allein. Er hat Grindr schon 20 mal heruntergeladen und wieder gelöscht, jetzt aber will er es. Durch seine Adern rast Adrenalin, dann sagt er einem Mann zu, fährt hin. Sie haben Sex.

Nach Mitternacht kehrt er zurück. Seine damalige Freundin ist unterwegs. Elektrisiert, angestachelt von der neuen Erfahrung, ist er wieder allein. In seinem Kopf hämmert es. Was hat er getan? Ist er völlig verrückt geworden? Will er es von nun an nur noch mit Männern treiben?

So erzählt Lorenzo es heute, neun Monate später. Er ist 30 Jahre alt und Wertpapierhändler. Seine Eltern kamen vor 40 Jahren aus Italien nach Deutschland, seitdem lebt Lorenzo in München.

Seit er sexuelles Verlangen spürte, hatte er was mit Frauen. Er knutschte, schlief mit ihnen, probierte sich aus, war mit mehreren zusammen. Zuletzt hatte er eine siebenjährige Beziehung mit einer Frau, die er seit der achten Klasse kannte.

Lorenzo: "Ich habe jede Beziehung gewollt"

Sie wurden gemeinsam erwachsen, hätten heiraten und vielleicht ein Haus bauen können. Hätte Lorenzo nach all der Zeit nicht realisiert, dass er so ein Leben nicht will. Weil er auf Männer steht.

Lorenzos Geschichte hätte eine über Angst sein können, über verbitterte Menschen, die sich plötzlich trennen. Doch diese Geschichte handelt vom Glück. Lorenzos Coming-out erfüllte ihm Träume und machte Fantasien lebendig.

"Ich habe Ewigkeiten gebraucht, um zu checken, was in meinem Kopf abgeht", sagt Lorenzo. Immer hatte er ein Mädchen an seiner Seite, er sagte "Ich liebe dich" zu seinen Freundinnen und fuhr in den Ferien mit ihnen weg. "Ich habe jede Beziehung gewollt."

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Nur dass da etwas war in ihm, das ihn anfangs irritierte und für dessen Verdrängung er sich im Laufe der Zeit mehr und mehr anstrengen musste.

Mal dachte er an Männer, während er es sich selbst machte.

Mal blitzte ohne Zusammenhang ein Satz in ihm auf: "Männer sind geil."

Mal war er plötzlich unzufrieden, grundlos. Und mal war er maßlos sauer auf seine Freundin – wegen Kleinigkeiten: Wenn der Haushalt nicht lief, er keine Lust hatte, mit ihr feiern zu gehen. "Ich war dann genervt, hab das in mich reingefressen. War mies drauf, ohne es anzusprechen", sagt Lorenzo.

Ich war mies drauf, ohne es anzusprechen
Lorenzo

Er schmiss sein VWL-Studium, doch obwohl er wirklich keine Lust mehr hatte auf den Stoff, zermürbte ihn die Entscheidung. "Ich habe mir Ersatz-Ankotzsachen gesucht", sagt er. Etwas, von dem er angekotzt sein konnte, damit er sich nicht auf das eigentliche Problem konzentrieren musste: Er sehnte sich nach Männern, nach einem ganz neuen Lebensentwurf.

Mit seiner damaligen Freundin führte er trotzdem eine liebevolle Beziehung, sagt er. Auch, als sie nach einigen Jahren zusammenzogen. Nicht immer hatte er Lust auf Sex mit ihr, dafür konnten die beiden reden. "Wir hatten die gleichen Werte. Die gleiche Meinung."

Lorenzo: "Ich habe mir Ersatz-Ankotzsachen gesucht"

Doch manchmal, nachdem er mit ihr geschlafen hatte und beide nach dem Sex erschöpft in die Kissen sanken, wurde ihm bewusst: Das war nicht hinreißend. Nicht leidenschaftlich. "Eine Light-Beziehung", sagt Lorenzo.

Während sein Trieb ihn jagte, ihm klarmachte, dass ihm etwas fehlte, fingen seine Freunde an zu heiraten. Manche bekamen Kinder. "Ich fragte mich: Will ich das – oder was anderes vom Leben?"

Und so kam es, dass er ihr nach sieben Jahren fremdging. Ein Sex-Date über Grindr, schnell und ohne viele Worte.

An den Typen kann er sich heute nicht mehr erinnern, nur daran: "Ich hatte einen gescheiten Orgasmus."

"Will ich das – oder was anderes vom Leben?"

Doch nun, Ende Juli vergangenen Jahres, hatte er auch ein Geheimnis. Er hatte etwas zu verbergen, zumindest vorerst.

Der Auslöser für seinen Entschluss, das preiszugeben, kommt ihm heute irre vor.

Mitten am Tag hatte ein 18-Jähriger im Olympia-Einkaufszentrum um sich geschossen, mitten in Lorenzos Viertel. Ein Amoklauf, bei dem neun Menschen ums Leben kamen – München im Ausnahmezustand.

Auch Lorenzo trauerte, fassungslos. Und eindringlicher denn je kämpfte sich ein Gedanke in ihm frei: "Was, wenn ich dort gewesen wäre und mit einer Lüge sterben würde?"

Ich habe gezittert, überall
Lorenzo

Seinem besten Freund erzählte er es zuerst. Es fiel ihm schwer, die richtigen Worte zu finden, innerhalb von 30 Minuten rauchte Lorenzo eine ganze Schachtel Zigaretten. Dann erzählte er. "Der dachte, ich würde ihn verarschen. Aber ich habe gezittert, überall. Das war ernst."

Um zwei Uhr nachts fuhr er heim, beflügelt von dem Gefühl, dass sein Kumpel das alles gut aufgenommen und ihm seine Unterstützung zugesichert hatte.

Jetzt musste er es ihr sagen.

Lorenzo mit Freunden: "Plötzlich wollen alle wissen, was mit dir ist"
Doch wie sagt man einer Frau, mit der man bis vor wenigen Stunden noch eine gemeinsame Zukunft plante, dass man schwul ist? Wie fühlt es sich an, wenn man so nicht nur ein neues Leben erschafft – sondern auch eins zerstört?

"Ich hatte Panik", sagt Lorenzo. Dann weckte er sie. Sie redeten drei, vier Stunden lang. "Ich dachte, dass sie mich vom Balkon schmeißt, mir eine riesige Szene macht."

Stattdessen weinte sie.

Wie konntest du es nicht vorher merken? Wieso sagst du es mir erst jetzt? Seit wann weißt du das alles? Ganz genau erinnert Lorenzo sich an ihre Fragen und wie er keine Antwort darauf hatte.

Am Ende des Gespräches sagte sie zu ihm, dass sie ihn verstehen könne. Dass er keine Angst haben müsse, weil sie zu ihm halte, auch wenn die Beziehung vorbei sei. "Sie hielt mich im Arm, bewies eine Wahnsinnsstärke", sagt Lorenzo. "Ohne sie hätte ich es nicht geschafft."

"Die Gefühle prasseln nur so auf dich ein"

Während eines Coming-outs prasseln die Gefühle nur so auf dich ein, sagt Lorenzo. "Plötzlich wollen alle wissen, was mit dir los ist. Immer mehr Leuten sagte ich einfach: 'Ich bin kein anderer Mensch, ich bin schwul.'"

Er erzählte es den Freunden, die ihn beglückwünschten. Den Kollegen, die sich für ihn freuten.

Seine Eltern starrten ihn an, wollten ihm nicht glauben, sagt Lorenzo. Vor vier Jahrzehnten kamen sie als Gastarbeiter nach Deutschland, lebten eine klassische Ehe, in der ein Mann und eine Frau sich gemeinsam ein Leben aufbauen. Schwulsein kannten sie nur aus dem Fernsehen.

Lorenzo starrte zurück, dann sagte er: "Ich bin doch euer Sohn."

Sie brauchten eine Weile, um sich daran zu gewöhnen, dass auch ihr Traum gestorben war: die Hochzeit von Lorenzo mit einer Frau, Enkelkinder. Doch sie ließen Lorenzo nicht fallen – nach und nach kamen sie klar mit der Wendung in seinem Plan vom Glück.

Für Lorenzo begann eine unruhige, aufregende Zeit. Er schlief mit vielen fremden Männern, mit denen er sich über Grindr verabredete.

Sie trafen sich, er stillte sein Verlangen, endlich. Diese Lust, der er endlich nachgeben konnte. Diese Erleichterung, die wieder und wieder seine Ungeduld bändigte.

Ich bin kein anderer Mensch, ich bin schwul
Lorenzo

Dann traf er Niels. Ein Mann, der sich mehr für Lorenzo interessierte als alle anderen und der mehr wollte als Sex. Er stellte Fragen und hörte zu, wenn Lorenzo antwortete. Ein sieben Jahre älterer Mann, der als Pilot um die Welt fliegt und eine Rugby-Mannschaft leitet.

Bis heute sind sie zusammen. Nach dem Sex, wenn beide in die Kissen sinken, wird ihm bewusst: Das ist hinreißend. Das ist Leidenschaft. Sie trainieren gemeinsam, reisen viel. "Es ist vollkommener", sagt Lorenzo.

Seine Ex-Freundin und er hören sich trotzdem mehrmals die Woche. "Sie ist eine große Stütze", sagt er. Nach all der Zeit kennt er sie länger als viele andere Menschen in seinem Leben. Sie gehörten zueinander – und ein bisschen ist das noch immer so. Zwei Menschen, die sich wichtig waren und es sich sind.

Auch sie hat einen Neuen. Neulich haben sie sich zu viert getroffen, jeder weiß um die Geschichte der anderen.

Bevor sie sich trennten, redeten sie viel über sich und die Vergangenheit. Lorenzo zog nicht einfach so aus, noch eine ganze Woche schlief er neben ihr in dem Bett, dass sie sich sieben Jahre geteilt hatten.

Sie verabschiedeten sich langsam, fast zärtlich, von ihrem gemeinsamen Leben – von ihrer Idee, für immer beieinander zu bleiben.


Musik

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