Faschos, Furcht, Forschung: Ein Kommentar über gemeinsame Ängste und Chancen

Den letzten Hausarrest bekamen mein bester Freund und ich mit 16 Jahren, nachdem wir auf einer Kellerparty viel zu viel getrunken hatten und später meiner Mutter ins Blumenbeet spuckten. Jeder von uns bekam eine Woche. Ein verbindendes Erlebnis – obwohl wir getrennt voneinander waren. 

Heute ist gefühlt die ganze Welt im Hausarrest

Ob in Rio, Kapstadt, Bangkok, Chicago oder Paderborn: Menschen sind dazu angehalten, so viel wie möglich zu Hause zu bleiben, Kontakte zu anderen zu reduzieren, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auch wenn die Maßnahmen teils drastisch anders durchgesetzt werden, ähneln sich die Bilder in den Nachrichten. Während wir in Deutschland leicht angenervt über Klopapier- und andere Hamsterkäufe scherzen, passiert dasselbe in den USA (CNN) und Hongkong (Guardian). Lustige Quarantäne-Memes aus Österreich funktionieren in Australien und Argentinien ebenso. 

Ja, das Scherzen ist nur möglich, weil wir uns hier noch in einer priviliegierten Lage befinden. Weil wir davon ausgehen, dass alles weitestgehend gut wird, wenn man nur zu Hause wartet und sich die Hände wäscht. Ein Luxus, den viele nicht haben, weil sie weder ein Dach über dem Kopf noch Zugang zu Hygieneeinrichtungen haben. Diese Einstellung ist vor allem in reichen Industrienationen möglich, wo Krankenhäuser zumindest die Chance haben, einen Großteil der Erkrankten zu retten, wenn die Pandemie ihr Land erreicht. 

Trotzdem sind dieses Witzeln und die Sicht auf das kollektive Problem vieler Menschen eine Chance. 

Denn während die Pandemie einerseits bestehende Ungleichheiten verstärkt und weiter verstärken wird – durch steigende Lebensmittelpreise, geschlossene Asylzentren oder ungerechte Verteilung von medizinischer Versorgung – wird durch sie in anderen Bereichen sehr vieles gleich. 

Auf einmal haben Milliarden Menschen gleiche Gefühle, gleiche Ängste, gleiche Wünsche. Die Angst, dass den Verwandten etwas passieren könnte. Dass der Job der Rezession zum Opfer fallen könnte – und dann vielleicht auch die eigene Wohnung. Dass man doch nicht genug Essen im Vorratsschrank hat. Auf einmal sind wir uns alle emotional sehr nah. "Was hast du während des Lockdowns gemacht?" könnte das neue "Wo warst du am 11. September?" werden. 

Wenn die Krise überwunden ist, werden wir Europäer – egal, wo wir hinreisen – uns mit anderen über diese Zeit austauschen können. Wir werden Erfahrungen teilen, mit Leuten aus anderen Ländern und Kulturen. Menschen, von denen wir dachten, dass wir nichts gemeinsam hätten.

Selten in den vergangenen Jahrzehnten hat es eine solch historische Konvergenz der nationalen und individuellen Interessen gegeben. Beim Klimawandel fiel es Europäern bisher noch leicht, die Dürren und Fluten in anderen Regionen zu ignorieren. Durch Corona sind wir sonst so abgekapselten und in unserer eigenen, sauberen Welt lebenden Bürgerinnen und Bürger der Industrienationen aber für alle merkbar Teil eines größeren Ganzen. Eines Konstrukts, in dem wir zwar Verantwortung haben, aber auch sehr abhängig von anderen sind. Eine wichtige Lehre für die kommenden Jahrzehnte.

Gemeinsam statt einsam

Viele erinnern sich nun an etwas, das in der jüngeren Vergangenheit – dank AfD, Trump, Le Pen, Bolsonaro und Co. – kaum mehr Thema war: Trotz Grenzen, anderer Bräuche, Religionen oder Hautfarben sind alle Menschen auf dieselbe Art verletzlich und auf vielen Ebenen miteinander verbunden.

Die Krise offenbart, wie fragil dieses globale System wirklich ist. Und wie wichtig Zusammenarbeit ist. Denn wir sind alle darauf angewiesen,

  • dass die Nahrungsversorgung aus einer intakten Umwelt jederzeit sichergestellt ist (SZ)
  • dass die Staaten genügend Regulierungsmöglichkeiten über den Markt behalten, der einen in so einer Krise nicht lange schützt, sondern gnadenlos ausbeutet (ZDF)
  • dass genügend soziale und medizinische Einrichtungen die Schwachen, Kranken und ihr eigenes Personal anständig schützen (Zeit, bento)
  • dass eine ideologiefreie Wissenschaft mit genügend Ausstattung, Ausbildung, Infrastruktur und Personal forschen kann (Aerzteblatt)
  • dass Alleingänge vermieden werden und über- oder interstaatliche Behörden wie die WHO die Zusammenarbeit der Länder schnell koordinieren, um Informationen zum Wohl aller auszutauschen und frei verfügbar zu machen 

Als mein bester Freund und ich mit 16 nach einer Woche aus dem Hausarrest kamen, hielt sich der Lerneffekt in Grenzen. Wir tranken bald wieder verantwortungslos in irgendeinem Partykeller, als wäre nichts gewesen. 

Hoffen wir, dass es auf globaler Ebene anders läuft, wenn die Pandemie erst einmal vorbei ist. Die zu erwartende Rezession und wirtschaftliche Unruhe sind, das zeigt auch die deutsche Vergangenheit, der beste Nährboden für Nationalisten und Faschisten. Eine neue Facebookgruppe zum "Italexit", einem möglichen EU-Austritt des krisengebeutelten Italien, zog gerade innerhalb weniger Tage über 800.000 Mitglieder an (Zeit). 

Die Coronakrise erinnert jedoch nachdrücklich daran, dass unsere Welt nichts weniger gebrauchen kann als solche spaltenden Gedanken. 


Style

Diese Leute haben sich in Corona-Isolation die Haare selbst geschnitten
Corona-Frisen gegen den Lagerkoller

Seit das bundesweite Kontaktverbot gegen die Coronakrise in Kraft getreten ist, haben Beautysalons und Friseure geschlossen. Nun verbringen viele Deutsche ihre Zeit vor allem zu Hause – allein oder mit dem Partner, den Mitbewohnerinnen oder der Familie. Und mit zunehmend wuscheligen Haaren. 

Alle versuchen, die Zeit bis zum Ende des Lockdowns rumzukriegen. Und plötzlich lächelt einen die alte Küchenschere so an... 

Die Suchanfragen zum Thema "Haare selber schneiden" sind bei Google seit Mitte März rasant gestiegen (Statista). Aber trauen sich die Leute wirklich, sich selbst oder den Mitbewohner statt dem Profi an die Frisur zu lassen, oder sind sie nur neugierig? 

Das haben wir unsere Leserinnen und Leser gefragt – und sie haben mit Bildern geantwortet. Außerdem verraten sie, ob sich die mutige Aktion gelohnt hat. Oder ob sie im Nachhinein doch lieber gewartet hätten.

Diese Menschen haben es ohne Friseur probiert: 

Pauline, 20, aus Karlsruhe: "Ich habe mir einen Zopf gemacht und abgeschnitten"

Pauline: "Ich bin von blonder Mähne zum braunen Bob gewechselt, dank Farbe aus der Drogerie und einer Schere vom Schreibtisch. Den Bob hat meine Halbschwester geschnitten, den Pony ich selbst. Der ist ein kleines bisschen zu kurz geworden, aber das wächst ja nach.