Bild: Christian Charisius/dpa
Um die Frage zu beantworten: Sollte man Gras vielleicht einfach legalisieren?

Kanada hat es kürzlich erlaubt, Südafrika auch, Uruguay und viele Bundesstaaten der USA sowieso. Luxemburg ist auf dem besten Weg dorthin, Mexiko bereitet es vor, Neuseeland will 2020 ein Referendum dazu abhalten. Wovon die Rede ist? Dem legalen Verkauf von Cannabis zum Freizeitgebrauch.

Deutschland ist noch nicht so weit. Die ehemalige Drogenbeauftragte, Marlene Mortler (CSU), sagte 2017 zu dem Thema: Cannabis sei verboten, "weil es eine illegale Droge ist" (Tagesspiegel). Trotzdem konsumierten 3,7 Millionen Deutsche laut Schätzungen im Jahr 2018 Cannabis (Ärzteblatt).

Nachdem Marlene Mortler Mitte 2019 ins EU-Parlament gewählt wurde, befürchteten Hanfbefürworter von ihrer Nachfolgerin Daniela Ludwig (ebenfalls CSU) eine Fortsetzung ihres Umgangs mit dem Thema Legalisierung. Doch zumindest rhetorisch scheint sich die neue Drogenbeaftragte für andere Ansätze zu öffnen und den Dialog zu suchen. (SPIEGEL)

Ein Schritt, den Kritiker des Verbots seit Jahren fordern. Denn der tägliche Kampf der Justiz- und Polizeibehörden gegen die Drogen verschlingt Unsummen an Geld und Arbeitszeit. Das zeigt der internationale Vergleich: In den US-Staaten Colorado und Washington stieg die Aufklärungsrate anderer Straftaten (etwa Gewaltverbrechen) nach der Legalisierung an. Wahrscheinlich, weil die Polizei mehr Ressourcen zur Verfügung hatte. (Sage / Washington State Studie

Ein anderer Faktor in der Legalisierungsdebatte: Steuergelder, die der Staat bei einem legalen Verkauf einnehmen könnte. Im 39-Millionen-Einwohner-Staat Kalifornien waren es im vergangenen Jahr 350 Millionen Dollar, Tendenz steigend (Bureau of Cannabis Control California). 

Und wie ist die Lage in Deutschland? 

Ortsbesuch am Hansaplatz in Hamburg St. Georg, ein sonniger Nachmittag im Oktober.

Michael Springborn zeigt uns seinen Arbeitsplatz. Der 1,85 Meter große, muskulöse Glatzkopf jagt Dealer. "Frontdeals" heißt es im Fachjargon der Polizei, wenn der Handel in der Öffentlichkeit stattfindet. Springborn ist stellvertretender Leiter der gleichnamigen LKA-Abteilung.

„Wir versuchen, Hamburg für Dealer unattraktiv zu machen.“
Michael Springborn

Sein Ziel: "Die Bekämpfung der öffentlich wahrnehmbaren Drogenkriminalität." Gerade noch zeigte der Ermittler uns einen Drogenkoffer, der zur Schulung von neuen Ermittlerinnen und Ermittlern genutzt wird. Darin: Ein Block Haschisch, Schnelltester zur Drogenerkennung und verschiedene Proben der gängigsten Drogen in kleinen Dosen. Nur das Crack ist alle. "Nicht zu tief dran riechen", scherzt Springborn, als er stattdessen eine Dose Koks auf die Feinwaage stellt. 

(Bild: Sebastian Maas / bento)

Unter die dunkelblaue Bomberjacke steckt er kurz darauf seine Dienstwaffe ein. 

Wir gehen raus auf den Hansaplatz, der seit Jahren als Drogenumschlagplatz bekannt ist. Vielleicht ein Dutzend mutmaßliche Dealer stehen hier an diesem Tag in Grüppchen und warten auf Kundschaft. Die Polizeiwache und das LKA-Büro sind nur drei Gehminuten entfernt.

Bis zu 90 Beamte pro Tag sind zur Bekämpfung dieser Drogenkriminalität seit 2016 in einer "Taskforce" zusammengezogen worden. "Ein umfangreiches Maßnahmenpaket mit zivilen und uniformierten Komponenten", nennt der Ermittler das. Im Klartext bedeutet es: Beamte gehen in St. Georg, St. Pauli und dem Schanzenviertel auf Patrouille, ermitteln verdeckt oder observieren. Die Angst, Zustände wie im Görlitzer Park in Berlin zu bekommen, sitzt in der Hamburger Politik tief. 

Allein im ersten Quartal 2019 wurden daher in der Taskforce 54.481 Arbeitsstunden aufgewendet. Das Ergebnis dieser Arbeit: 14.289 Personenkontrollen, fast 1000 Platzverweise und fast 5000 Aufenthaltsverbote. 424 Personen wurden in Gewahrsam genommen und 85 Haftbefehle vollstreckt (Hamburger Bürgerschaft). 

Fast zwei Drittel der dabei registrierten Delikte haben mit Cannabis zu tun, sagt der Ermittler. 

"90 Prozent der von uns festgenommenen Dealer werden verurteilt und bleiben für mehrere Monate in Haft. Ein großer Erfolg", zieht Springborn Bilanz. Und doch: Kurz nachdem die Uniformierten weg sind, ist am Hansaplatz wieder alles wie zuvor. Auch an anderen Umschlagplätzen wie der Balduintreppe auf St. Pauli läuft es so: Touristinnen und Touristen können einfach ergoogeln, dass man hier Drogen kaufen kann. 

Der massive Polizeieinsatz: eine Sisyphosaufgabe. Und wohl auch ein PR-Schachzug der Stadt Hamburg – um Stärke zu demonstrieren und der Bevölkerung vor der Wahl 2020 zu signalisieren, dass jemand das Problem mit den Drogen ernst nimmt. 

Besiegen kann man die Drogenkriminalität so aber nicht, weil die Nachfrage nicht sinkt, indem man das Angebot beschränkt. Ein 2018 veröffentlichter Bericht von über 170 NGOs zeigt: Produktion, Verkauf und Konsum von Drogen sind in den vergangenen zehn Jahren weltweit gestiegen. 

Die Legalisierung in kleinen Schritten könnte ein Weg sein, den Dealern und ihren Zulieferern einen eklatanten Teil des Geschäfts abzunehmen. 

Mehr noch: Der legale Verkauf könnte sogar den Gebrauch der Droge sicherer machen. Denn das Schwarzmarkt-Cannabis ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker gezüchtet worden. So stark, dass die Polizei Hamburg bei Gras inzwischen nicht mehr von einer "weichen Droge" spricht.  

Stärkere Drogen sind ein Nebeneffekt des Verbots, der schon Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA zu beobachten war: Wenn etwas geschmuggelt werden muss, lohnt es sich für Produzenten der illegalen Stoffe meist mehr, viel Wirkstoff auf kleinem Raum zu transportieren. Statt Bier wurde damals in den USA während der Prohibition also bevorzugt hochprozentiger Schnaps geschmuggelt. Und statt Heroin wird in den USA heute lieber Fentanyl gedealt, das 50- bis 100-mal stärker ist. Selbst schwer Heroinabhängige erleiden hieran schnell eine Überdosis. (Cato Institute)

Derselbe wirtschaftliche Effekt könnte dafür verantwortlich sein, dass aus Cannabis, das in den Neunzigerjahren drei bis vier Prozent Wirkstoff THC enthielt, in wenigen Jahren eine starke Droge mit zehn bis 17 Prozent THC wurde (Bath College). Der Medianwert für in Deutschland verfügbares Marihuana liegt heute bei 13,4 Prozent THC in Blüten, im Harz sogar bei 16,7 Prozent. (Drogen- und Suchtbericht 2019) 

Kein Vergleich mehr zum Kuschelgras der Woodstock-Generation.

Dass hochpotentes Cannabis Psychosen bei anfälligen Menschen beschleunigt auslösen oder verstärken kann, wurde in Studien bereits erforscht. (Lancet) Ob schon geringer oder unregelmßiger Cannabiskonsum Psychosen auslöst, ist in der Wissenschaft aber umstritten. (Pharmazeutische Zeitung)

Was aus Gras Spaß macht

Eine besondere Rolle bei allen Debatten um Cannabis kommt den darin enthaltenen Stoffen CBD und THC zu: THC macht high, CBD entspannt. Letzteres kann wahrscheinlich sogar dabei helfen, Psychosen wie Schizophrenie zu bekämpfen (American Journal of Psychiatry). In vielen der besonders starken Cannabiszüchtungen ist der Anteil an CBD aber zuletzt merklich geschrumpft. Der zum ARD/ZDF-Netzwerk "funk" gehörende Kanal "kurzgesagt" rechnet sogar aus: Zwischen 1995 und 2014 veränderte sich das Verhältnis von CBD zu THC von 1:14 auf bis zu 1:80 (YouTube). 

Staatlich reguliertes Cannabis müsste Faktoren wie das vorgeschriebene Verhältnis von THC und CBD im Endprodukt sicherstellen. Konsumenten könnten so besser abwägen, welche Inhaltsstoffe und Nebenwirkungen der gekaufte Stoff tatsächlich hat. Bei anderen suchtgefährdenden Stoffen wie Alkohol und Tabak verfährt der Staat ähnlich, auch einige Formen des Glücksspiels sind zum Konsumentenschutz nicht verboten – sondern kontrolliert. Teile der Steuereinnahmen werden in die Suchtprävention investiert, Angebote häufig mit Warnhinweisen versehen. 

Wenn schon nicht legal, dann wenigstens straffrei?

Weil die Regierung in Deutschland die Legalisierung bisher ablehnt, versuchen Aktivistinnen und Akivisten seit Jahrzehnten, Cannabis zumindest zu entkriminalisieren. Einer könnte bald mit seinem Vorhaben Erfolg haben: Andreas Müller, Jugendrichter am Amtsgericht Bernau bei Berlin. 

(Bild: Bernd Settnik / dpa)

Nahezu jeden Tag sitzen ihm im Gerichtssaal junge Menschen gegenüber, die mit Cannabis erwischt wurden. Ende September entschloss der Richter sich, zwei Urteile auszusetzen und stattdessen vors Verfassungsgericht zu ziehen. Mit der Bitte, Cannabis auf juristischem Wege – also an der Regierung vorbei – straffrei zu machen. Sein Argument: das Vorgehen des Staates gegen die Konsumierenden sei heute nicht mehr verhältnismäßig. 

Eine 2018 vom Hanfverband in Auftrag gegebene Umfrage von Infratest dimap deutet darauf hin, dass Andreas Müller damit eine Mehrheitsmeinung vertritt: 59 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, den Besitz kleiner Mengen Cannabis nicht mehr strafrechtlich zu verfolgen. (Hanfverband)

Eine Idee, die auch bei der neuen Drogenbeauftragten Daniela Ludwig (CSU) offenbar als Option im Kopf herumschwirrt. Auf eine Anfrage von bento antwortete sie: "Beim Thema Cannabis darf es nicht mehr nur um die Frage 'Legalisieren oder nicht?' gehen. Es gibt, wie wir an einigen europäischen Nachbarländern sehen, auch andere Wege, ohne gleich die komplette Freigabe fordern zu müssen. Hier werde ich mir zeitnah ein Bild machen." 

Damit spielt sie auf Länder wie Portugal und Österreich an.

An einem Ende der Entkriminalisierungs-Strategien steht Österreich, wo Kleinstmengen Cannabis mit geringem THC-Gehalt straffrei erhältlich sind – sogar in Automaten auf der Wiener Hauptstraße. Am anderen Ende steht Portugal: Das Land entkriminalisierte bereits 2001 den Besitz kleinerer Mengen Drogen und erklärte es stattdessen zu einer Ordnungswidrigkeit. Kleinere Mengen heißt hier: alles unter 25 Gramm Marihuana, zehn Pillen Ecstasy oder zwei Gramm Koks. (Puls vom BR)

Statt Geld für Strafverfolgung auszugeben, steckte Portugal es in Prävention und Suchtberatung.  (Europäischer Drogenbericht

Die Folge: weniger Abhängige, weniger junge Konsumentinnen und Konsumenten, weniger Beschaffungskriminalität, weniger Drogentote.

In Hamburg geht die Runde über die wichtigsten Drogen-Hotspots der Stadt zu Ende. Drei Mal wurde der Drogenermittler offen von Dealern angesprochen. Trotz all der intensiven Ermittlungsarbeit seiner Kolleginnen und Kollegen und der vielen Verhaftungen in den letzten Monaten löst seine Präsenz bei den Dealern noch keinen Fluchtreflex aus. 

Dass die Straffreiheit und der legale Verkauf alle Probleme einfach hinwegfegen würden, mag er sich, trotz der Erkenntnisse aus anderen Ländern auch nicht vorstellen: "Überlegungen zu den möglichen Folgen einer Legalisierung von Cannabis sind rein spekulativ. Daran beteiligen wir uns als Polizei nicht." Bis es in der Politik eine neue Entscheidung in der Sache gibt, hat er eh keine Zeit, sich über solche Gedankenspiele den Kopf zu zerbrechen. "Wir sind an Recht und Gesetz gebunden und werden weiterhin Straftaten nach dem BtmG verfolgen", sagt Springborn. 

Kurz nachdem sich unsere Wege trennen, geht die Sonne in Hamburg unter. In den Stadtteilen St. Pauli und St. Georg geht bald die Party los. Für Springborn gibt es genug zu tun.


Fühlen

Mach den Unterschied: Fünf Ideen, wie du etwas zurückgeben kannst

Weihnachten ist die Zeit etwas zurückzugeben. Okay, sie ist auch die Zeit von Schokolade, Lebkuchen und Marzipan, aber vor allem steht sie im Zeichen der Gutherzigkeit. Wir besinnen uns darauf, was wichtig ist, verbringen Zeit mit Freunden und Familie und ganz wichtig: Es ist die Zeit, etwas zurückzugeben. Aber wie? Unsere fünf Tipps geben dir eine Anregung. 

1.     Nimm die Menschen in deiner Umgebung wahr

Jeden Morgen rauschst du zur Arbeit oder in die Uni und bist in Eile. Rund um Weihnachten sollten wir aber mal einen Gang runterschalten und etwas entschleunigen. Versuch doch mal, den Personen, denen du sonst nur einen flüchtigen Blick oder ein hingeworfenes „Hallo“ widmest, etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Frag deine Nachbarin, wie es ihr geht oder gehe mal auf das Gespräch ein, das der ältere Herr im Bus mit dir beginnt. Schau den Leuten, denen du begegnest in die Augen und lächle – ob es der Bäcker ist, bei dem du immer dein Frühstück holst oder die Frau, die die Prospekte in den Briefkasten wirft. Und denk auch an den Pakete-Auslieferer, der braucht es besonders in diesen Tagen.

 2.     Gelegenheit macht Liebe

Jedes Jahr kommen wir mit den Kollegen für eine Weihnachtsfeier zusammen. Dabei sind sie ja im Grunde die Menschen, die wir eh am meisten sehen. Veranstalte doch mal eine kleine Weihnachtsfeier für deine Freunde. Jetzt kannst du nochmal zeigen, dass du an sie denkst und ihnen etwas zurückgeben möchtest. Macht zusammen Musik, bereitet gemeinsam Essen zu und vielleicht organisiert ihr im Vorfeld auch ein kleines Wichtelspiel.  

 3.     Wir beschenken uns selbst, indem wir andere beschenken

Dieser Tipp löst eine wahre Kettenreaktion guter Taten aus, daher legen wir ihn dir besonders ans Herz. Verschenke eine Stunde deiner Zeit und bitte den Beschenkten, wiederum eine Stunde für etwas Schönes einzusetzen. Inspiriert ist dieser Tipp von einer Hamburger Yogalehrerin, die eine kostenlose Stunde gab und ihre Schüler bat, die 60 „geschenkten“ Minuten in eine gute Tat zu investieren. Und das Beste daran: Für dich ist es eine Win-Win-Situation. Denn laut der Milka Weihnachtstudie 2019* sind sich 95 Prozent aller Befragten einig, dass eine anerkennende Geste glücklich macht. Versuch auch, dich hier mal vom materiellen Gedanken und teuren Geschenken zu lösen. Eine anerkennende Geste kann schon ein Lächeln, ein liebes Wort, ein zartes Stück Schokolade oder gemeinsame Zeit sein.

 4.     Sag „Danke für alles“!

Ist doch selbstverständlich? Leider nicht. Allzu häufig vergessen wir im Alltag „Danke für alles“ zu sagen. Oder wir sind der Meinung, dass unsere Freunde und die Familie bereits wissen, dass und wofür wir dankbar sind. Aber ganz ehrlich: Wir sollten eher Sorge haben, zu sparsam mit Dankbarkeit zu sein, als zu freigiebig. Der Dezember ist traditionell der Monat, in dem wir auf das vergangene Jahr zurückblicken. Wir lassen Projekte, Urlaube sowie Beziehungen und Begegnungen Revue passieren. Das kann ganz schön emotional werden! Jetzt, wo unser Herz förmlich überquillt vor Gefühlen, können wir sie umso einfacher mit anderen teilen. Und ein „Danke für Alles“ geht uns jetzt auch viel leichter von den Lippen. Also: Sprecht es aus, schreibt es auf oder verschick eine Sprach- oder Videonachrichten, aber tut es!