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"Ich will zur Bundeswehr!" klingt es aus dem Headset. Ich erstarre. Das Linsenwasser kocht über, zischend sprudelt es auf die Herdplatte. Mist! Ich rühre wie wild im Topf herum und rufe, etwas panisch und lauter als beabsichtigt: 

"WAS? Was willst du machen?" Die zwanzig Quadratmeter große Küche meiner WG kommt mir auf einmal sehr beengt vor. Ich öffne das Fenster – frische Luft. 

Bis heute erinnere ich mich genau an diesen Moment. Den Moment, in dem meine Schwester ihre Entscheidung verkündet hat, zum Bund zu gehen. 

Ihre Stimme hat so vertraut geklungen wie eh und je. Aber was sie gesagt hat, hat für mich keinen Sinn ergeben. Nach dem Abi wollte sie doch eigentlich die gleichen Sachen wie ich: Abenteuer, fremde Länder, neue Kulturen. 

(Bild: Privat)

Wir sind in Weimar aufgewachsen: 64.000 Einwohner, viele Rentner, viele Touristen. Eigentlich hübsch, aber manchmal fehlte uns Jüngeren doch der Raum zum Jung-und-Laut-sein, ein Raum, den sich viele in Antifa-Gruppierungen, mit besetzten Häusern und jeder Menge Kunst erkämpften. Mittendrin: meine Schwester!

Mit ihren selbst genähten Jutebeuteln, den ausgefallenen, sportlichen Klamotten, dem Mate in der Hand und ihren ständig wechselnden extremen Haarschnitten- und farben hat sie sich äußerlich kaum von den ACAB-Schriftzug tragenden, Zigarette rauchenden Rebellen unserer Generation unterschieden. In diesem Umfeld galt jeder Soldat pauschal als Mörder. 

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Meine Schwester sah sich selbst nie als Teil dieser Gruppe. Aber sie hat ihre Prinzipien, die von einem außergewöhnlichen Gerechtigkeitssinn geprägt waren, immer lautstark vertreten. Wenn unsere Eltern weg waren und wir geheime Hauspartys schmissen, hat sie stets die Rolle des Rausschmeißers von ungebetenen Gäste übernommen - mir war sowas immer unangenehm. 

Für mich ist sie immer eine Art weibliche Version von Robin Hood gewesen, die für das Gute eintrat. Bis meine Schwester diesen Satz sagte. "Ich will zur Bundeswehr!"

Und ihr Entschluss stand. Er war keine fixe Idee. Es gehe ihr auf die Nerven in einer Welt zu leben, in der ständig die Haltungen anderer kopiert wurden, sagte sie. Sie wolle sich ein eigenes Urteil bilden. Sie sehne sich nach einer echten Herausforderung. 

Sie wünschte sich einen Kontrast nach der eintönigen Schulzeit. Beim Bund!

Für mich war das der größtmögliche Gegensatz: Stumpf Befehle ausführen in einer Kriegsmaschinerie statt die Welt zu bereisen und mit dem Studium ihrer Wahl den Horizont zu erweitern. 

Aber sie wurde Rekrutin. Während ich Kommunikationswissenschaft in Münster studierte, Auslandssemester plante, viel jobbte, verreiste und mich auf Studentenpartys austobte. Unsere Lebensentwürfe hätten kaum schneller auseinander driften können.

(Bild: Privat)
Sie war kaum noch erreichbar. Das nervte!

Handyempfang in der Kaserne? Eine Rarität. Regelmäßiger Austausch, wie ich es gewohnt war, fand kaum statt. 

Das, was ich aus den kurzen Telefonaten heraushörte, war mir völlig fremd: unmenschlich frühes Aufstehen, Schlamm, Kälte, Kriechen, über Wälle klettern, marschieren, schleppen, Schmerzen, schießen und viele sinnlose Machtdemonstrations-Aufgaben. 

Allerdings habe ich eh nur noch die Hälfte von dem, was sie berichtete, verstanden. Ein merkwürdiger, militärischer Fachjargon hatte ihr Sprachzentrum erobert: Es ging um Züge und Zugführer, um Stubenkontrollen und Biwaks, um Panzerbataillone und diverse Gewehre, deren Namen ich direkt nach dem Auflegen schon wieder vergessen hatte.

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Hatte sie mal Zeit und Netz, erreichte mich eine Flut an Bildern, die ihren neuen Lebensstil in Tarnfarben und Uniform skizzierten. Meine Zweifel sind in dieser Zeit immer größer geworden: Blieb ihr überhaupt die Möglichkeit, sich reflektiert eine Meinung über den Bund zu bilden? War dieses Experiment wirklich eine gute Idee? Hatte mein Beschützerinstinkt als ältere Schwester versagt?

(Bild: Privat)

Nach jedem Auflegen war ich verwirrter: Der Stolz, dass sie alles so souverän zu meistern schien, vermischte sich mit der Angst, meine Schwester an Tarnfarben und Panzer zu verlieren.

Ich wollte mit eigenen Augen sehen, was sie so faszinierte. Und ich bekam die Gelegenheit: Die Grundausbildung wird mit der sogenannten "Vereidigung" besiegelt. Dieser feierliche Akt stellt den Höhepunkt der Ausbildung dar. Dem Schwur auf Deutschland dürfen Verwandte, Freunde und Bekannte beiwohnen.

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Meine Schwester zeigte uns das Gelände, ihr Leben: zwischen Übungsplatz und Panzern, Kantine und Gruppenduschen. Sie: Eine von Vielen. Ungeschminkt und ohne bunte Haare, von weitem von den Anderen kaum zu unterscheiden. 

Wenn sie von ihren Mitstreitern sprach, klang es für mich, als böte der Militärdienst vor allem Halt für Orientierungslose: Viele Schulabbrecher und -abbgänger, die einfach dem Druck entflohen, das Leben nach Beendigung der Schulzeit selbst strukturieren zu müssen. Für einige stellte der Bund aber auch eine letzte Chance dar. Sie waren hoch verschuldet, hatten mehrfach diverse Ausbildungen abgebrochen oder waren aus ihrem bisherigen Job entlassen worden.

Die Vereidigung selbst dauerte ewig. Es war kalt, sehr, sehr kalt! Auch der Pulli meines besten Freundes neben mir konnte mein Zittern nicht verhindern. Die militärische Blasmusik hallte durch die Nacht. Um uns herum drängten sich aufgeregte bis stolze Eltern und Angehörige. Eine Rede nach der anderen wurde gesprochen. Die Redner unterschied nur das Alter, ab und an der Dialekt. Aber bei jedem ging es um irgendeine Ehre, Zusammenhalt und die Pflicht für das Heimatland einzutreten.

Meine Augen wanderten über die vielen starren Blicke. Ich fand meine Schwester sofort. Ihr Gesicht stach deutlich aus der uniformierten Masse hervor. Sie lachte, alberte mit ihrem Nebenmann. Ihre Mütze saß etwas schief; sie fuchtelte herum. Typisch! Typisch sie! Ich spürte sofort das Bedürfnis, auch zu lachen – vor Erleichterung. Denn genau dieses unangemessene Verhalten sagte mir, dass sie keineswegs blinder Teil der Masse war. Sie wusste, was sie da tat.

(Bild: Privat)

Nach Abschluss der Grundausbildung verlängerte meine Schwester ihren Dienst sogar auf ein ganzes Jahr. Der Bund bat sie darum, die Schulung neuer Rekruten künftig zu unterstützen. Ich hatte sie ganz schön unterschätzt!

Mittlerweile ist ihre Zeit beim Bund zwei Jahre her. In diesen zwei Jahren hat meine kleine, ab und zu verplante Schwester eine Entwicklung durchlebt, die ich mit Staunen mitverfolgt habe. Sie lebt disziplinierter, ist ordentlicher. Sie begegnet neuen Menschen offener, hält sich mit Vorurteilen zurück. Bekanntschaften aus ihrer Zeit beim Bund sind zu Freundschaften geworden - über all die sozialen Grenzen hinweg, die so oft entscheiden, mit wem man rumhängt.

Aber nicht nur sie hatte sich verändert, war besonnener geworden. Auch mein kindlicher Blick auf das Militär war einem erwachseneren gewichen. Eine Welt ohne Militär, das wäre schön. Krieg wäre dann nicht möglich. Eine Welt ohne militärische Auseinandersetzungen ist derzeit jedoch so fern wie unrealistisch. 

Ich hatte die Menschen, die sich fürs Militär entscheiden, immer als gewaltbereite, waffengeile Baller-Freaks verurteilt. Durch meine Schwester aber hatte ich gelernt, wie mutigselbstlos und wohl gesonnen viele sind. 

Und wie übel ihnen mitgespielt wird. Denn einen Eindruck hat sie mir deutlich vermittelt: Die Bundeswehr lockt viele junge Menschen, die glauben, keine Wahl zu haben mit gesicherten Einkünften, aber sie fördert und fordert kaum.

Wahrscheinlich bräuchte es viel mehr Menschen wie meine Schwester, um daran etwas zu ändern: Menschen, die sich trauen, ihre Meinung lautstark zu vertreten, die bei der Vereidigung Witze machen und die sich lieber selbst eine Meinung bilden statt einfach an das zu Glauben, was das Umfeld erzählt.  


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