Bild: Bundeswehr/Montage: bento
Zuerst sollte es verhindert werden.

Auf dem Cover knutscht ein nacktes Pärchen, eine Comic-Schlange ringelt sich um seinen Arm, während ein liebestoller Papagei vor ihrem Dekolleté sitzt. Dazu der Titel: "Ich will dich". Angekündigt wird ein Heft über "Liebe, Lust und Partnerschaft".

Was wie ein ganz normaler Tag bei bento wirkt ist in Wirklichkeit: eine Spezialausgabe des Bundeswehr-Magazins "Y".

Seit Donnerstag wird die Ausgabe an die Truppe verteilt. Aber dass sie überhaupt erscheinen durfte, ist ein kleines Wunder – denn das Sex-Heft sollte zunächst verboten werden.

Ein Blick ins Heft – so sieht die Sex-Ausgabe der "Y" aus:
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Der offene Umgang mit Sexualität war der Bundeswehr zunächst unangenehm – die Sonderausgabe sollte daher erst nicht erscheinen. So schreibt es die "Bild"-Zeitung, die zunächst über die Veröffentlichung berichtet hatte. Das Verteidigungsministerium habe im Sommer den Eindruck vermeiden wolle, das Heft sei eine Reaktion auf die Bundeswehr-Skandale gewesen. 

Im März soll ein Soldat der Gebirgsjäger über Monate von Kameraden und Vorgesetzten sexuell belästigt worden sein (bento). Es ist der jüngste in einer Reihe von Skandalen bei der Bundeswehr. Viele drehen sich um sexuelle Gewalt und Nötigung, um Machtspiele innerhalb der Ränge. Wir haben die Bundeswehr um eine Stellungnahme geben, bis zum Donnerstagabend hatten wir noch keine Antwort.

Bislang wurde das alles eher klein gehalten, Aufarbeitung gehörte nicht zur Stärke der Truppe. Umso erfreulicher ist nun die Spezialausgabe der "Y"-Reihe, das frischen Wind in den Umgang mit Sexualität bringt. Ein bisschen zumindest. Laut "Bild" sollte die neueste Ausgabe der Y zunächst auch einen Bericht über einen Pornodreh geben. Der fehlt nun.

Was ist das Y-Magazin?

Y-Magazin

Viele Unternehmen, Organisationen oder Behörden haben eigene Zeitschriften. Sie wollen darin Mitarbeiter über aktuelle Entwicklungen informieren, Begeisterung für die Arbeit schaffen. Es handelt sich dabei also nicht um unabhängigen Journalismus, sondern eher für eine interne Werbebroschüre.

Bei der Bundeswehr heißt dieses Magazin Y – so wie das KFZ-Kennzeichen aller Bundeswehr-Fahrzeuge. Darin werden zum Beispiel Soldaten und ihr Arbeitsalltag vorgestellt, Einsätze erklärt oder Gesundheitstipps gegeben. Auch solche Artikel gibt es: "Beziehungskiste – Liebe auf die Ferne", "Weihnachten – Jahresendflügelfigur zum Selberbasteln" oder "Bundeswehrmode – Die lange Unterhose", 

In der eigenen Beschreibung erklärt die Bundeswehr: "Die Leser von Y sind aktive Soldaten, Soldaten der Reserve, zivile Mitarbeiter der Bundeswehr, Angehörige und Partner der Soldaten sowie die interessierte Öffentlichkeit." 

Die Redaktion von Y arbeitet in Berlin. Mehr Informationen gibt es hier.

Was genau steht nun im Sex-Heft?

Trotzdem ziemlich viel. Das Magazin ist eine bunte Mischung aus kleinen Spielereien und längeren Lesestücken – die Nähe zur Truppe geht dabei nie verloren. 

  • So gibt es einen Hintergrundbericht über die gefährliche Praxis der Genitalverstümmlung in nordafrikanischen Ländern.
  • Oder eine Reportage über Frauen, die von Anhängern des "Islamischen Staates" (IS) als Sexsklavinnen gehalten werden. 

Passend: Die Bundeswehr beteiligt sich am Einsatz gegen den IS und ist auch in Nordafrika aktiv, das Heft will also seiner Soldaten-Leserschaft so die Wichtigkeit der Einsätze deutlich machen.

Auch sonst fährt die Bundeswehr gerade eine umfangreiche Social-Media-Kampagne, um speziell die Arbeit in Mali zu bewerben:

Vor allem aber geht es in der "Y"-Ausgabe um möglichst lebensnahe Fragen rund um Liebe und Sex beim Bund: 

  • Es gibt Beziehungstipps für Paare im Auslandseinsatz ("Für Soldaten in einer Beziehung sind Sexting und Camsex gute Möglichkeiten, Bedürfnisse zu erfüllen").
  • Und einen Erklärtext zur Schwangerschaft als Soldatin ("Jetzt geht's rund").

Vor allem aber wird sexuelle Identität recht unkompliziert thematisiert: 

  • Bei mehreren Paar-Portraits über die Liebe zwischen Soldat und Zivilist ist auch ganz selbstverständlich ein lesbisches Pärchen dabei. 
  • Bei einem Sammelstück über sexuelle Vielfalt ("Bunter als du denkst") wird auch ein schwuler Feldwebel vorgestellt. 
  • Und ein Psychotest verrät nicht nur, ob man heiraten will – sondern stellt auch verschiedene offene Beziehungsmodelle vor.
Das Thema sexuelle Gewalt ist für die Bundeswehr besonders sensibel. 

Denn erst im März wurden Übergriffe in der Kaserne in Bad Reichenhall bekannt (bento). Das Ereignis reihte sich in eine Vielzahl von Vorkommnissen ein:

Das sind die größten Skandale der Bundeswehr

Im Januar 2017 waren schwere Misshandlungsvorwürfe aus einer Ausbildungskaserne im baden-württembergischen Pfullendorf bekannt geworden. In der Kaserne soll es sexuell-sadistische Praktiken sowie Gewaltrituale gegeben haben.
Im November 2010 stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin auf dem Segelschiff Gorch Fock in den Tod. Ein Vorgesetzter hatte sie zuvor gezwungen, in die Takelage zu klettern. Sie hatte angegeben, zu erschöpft zu sein. Kameraden versuchten danach, zu meutern.
Im Februar 2010 werden Aufnahme-Rituale aus einer oberbayerischen Kaserne bekannt. Neulinge müssen unter anderem rohe Schweineleber essen. Kurz darauf berichten andere Soldaten von ähnlichen Praktiken.
2009: Der Oberst Georg Klein befiehlt in Afghanistan den Abschuss zweier Tanklaster durch Kampfjets – obwohl die Lage unsicher ist. Mehr als 100 Menschen, darunter Kinder, kommen ums Leben. Der damalige Verteidigungsminister muss zurücktreten.
In einer Kaserne bei Zweibrücken müssen sich 2006 zwei Unteroffiziere vor anderen nackt ausziehen. Dann wird ihnen Obst zwischen die Pobacken geklemmt – und mit einem Paddel draufgeschlagen. Ein verantwortlicher Hauptmann wird später zu einer Geldstrafe verurteilt.
Ebenfalls in Afghanistan haben 2004 Soldaten mit einem Totenschädel für Bilder posiert. Auf einem Foto zeigt ein Soldat seinen Penis, den Schädel hält er daneben. Die Bilder gelangten zwei Jahre später an die Öffentlichkeit.
Auch 2004: In der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Coesfeld durchleben Rekruten möglichst authentisch eine Geiselnahme – dabei werden sie gefesselt, getreten und geschlagen.
1996 taucht ein Video vom Truppenübungsplatz Hammelburg auf. Darin stellen Soldaten Hinrichtungs- und Vergewaltigungsszenen nach, einer zeigt den Hitlergruß. Ermittlungen können später nichts Bedenkliches erkennen.
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Im Heft geht die Redaktion offensiv mit dem Thema um – es gibt einen eigenen Artikel mit der Headline "Nein heißt Nein". 

Darin werden Umfragezahlen veröffentlicht, in denen sich Soldatinnen zu Belästigung äußern. Und eine neue Ansprechstelle wird vorgestellt, die sich mit Diskriminierung und Gewalt in der Bundeswehr beschäftigt. 

Soldaten wird beim Lesen klargemacht: Nicht die Betroffene ist das Problem, sondern der Täter.

Ein bisschen schöngeschrieben wird allerdings auch: Alkoholexzesse seien in der Bundeswehr nicht häufiger als anderswo, heißt es. Ein Arzt empfiehlt, mit "Kameradschaft und Fürsorge" den Kameraden zu begegnen, dann könnten sich auch Frauen sicher fühlen. Ob das Soldatinnen auch so sehen, beantwortet der Text nicht.


Streaming

Hast du "Fear and Loathing in Las Vegas" wirklich verstanden?

Der Kultfilm "Fear and Loathing in Las Vegas" wird neu verfilmt – und zwar als Serie (bento). Das bedeutet, die schräge Gonzo-Nummer von Journalist Hunter S. Thompson wird nun sogar verstörend-schön um-, aus- und weitererzählt.

Aber worum geht es in Buch und Film überhaupt? Ein großer Abgesang auf die Großmacht USA, ein einziger irrer Drogentrip, ein fieser Seitenhieb auf die Medienindustrie? Egal, wie oft man sich die Werke von Thompson – oder etwas anderes – reinzieht: Es gibt immer neue, andere Antworten.