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Es gibt Momente, in denen organisiert man sich besser einen Drink. Ich stehe auf der Terrasse eines Clubs, eine ganze Stunde habe ich mich nun mit jemandem unterhalten. Ein Unbekannter.

Das Gespräch war gut, bis es ins Stocken geriet, als ich ihn fragte, welche Partei er wählen würde

Ich wollte das wissen, weil bald Bundestagswahlen sind, weil die Wahl der Partei etwas über einen Menschen aussagt: Befürwortet er die Ehe für alle? Fließt Ökostrom durch seine Leitungen? Will er, dass unsere Unis besser ausgestattet werden – oder unsere Autobahnen?

"Und, was wählst du so?", frage ich. Grimmiger Blick. Ich habe gerade offenbar gegen ein Gebot der Höflichkeit verstoßen.

"Das ist ja wohl eher meine Sorge", sagt er. "Jeder, wie er mag."

Über den besten Burgerladen der Stadt können wir 20 Minuten diskutieren, aber welche Politik wir interessant finden, darüber schweigt er?
Auf Partys fragen, für welche Partei du bist – warum eigentlich nicht?(Bild: Unsplash)

Es passiert mir öfter: Bekannte, Verwandte oder Kollegen fliehen, wenn ich sie frage, für welche Partei sie sind.

"Sowas verrät man nicht", sagt einer. "Geht niemanden was an", sagt eine andere. Wenn ich wissen will, wieso: Schulterzucken, Themawechsel.

Bei Parteien hörts auf, genau wie beim Gehalt. Sprechverbot. Warum eigentlich?

"Menschen neigen dazu, sich in einem homogenen Umfeld wohlzufühlen", sagt Michael Jankowski, Politikwissenschaftler an der Uni Oldenburg. 

Das heißt: Wir wollen, dass unsere Freunde glauben, wir hätten dieselben Ansichten wie sie. Bevor wir diese Illusion zerstören, sagen wir lieber nichts.

Wie schade.

Deutschland ist eine Demokratie mit Meinungsfreiheit – nicht nur im Bundestag, sondern auch im Kleinen, bei uns auf den Straßen, im Büro, am Kaffeetisch mit den Verwandten.

Wer mir sagt, was er wählt, wird dadurch für mich nicht zu einem besseren oder schlechteren Menschen.

"Manche haben vielleicht Angst, auf ein gewisses Partei-Klischee reduziert zu werden," sagt Jankowski. "Oder sie haben Sorge, dass ihnen bestimmte Streitfälle innerhalb einer Partei negativ ausgelegt werden."

Ist das nicht ein schlechtes Zeichen für unsere Diskussionskultur? Ist es nicht traurig, davon auszugehen, dass Meinungsverschiedenheiten immer gleich im Streit enden? 
Vanille, Schoko, Zitrone – können wir trotzdem reden?(Bild: Unsplash)

Schließlich baut ein Gespräch darüber, was wir wählen, auch Feindbilder und Vorurteile ab, die wir womöglich über Parteien haben.

Zu erfahren, was die Menschen in meinem Umfeld wählen, hilft zu verstehen, was ihnen fehlt, wofür sie sich einsetzen würden. 

Das ist doch genau das, worüber wir ohnehin schon mit unseren Freunden reden – nur eben ohne Partei.

"Erst, wenn Sie auch darüber ein Gespräch führen, haben Sie die Chance, die Perspektiven der anderen einzunehmen", sagt Michael Jankowski.

Ich überlege: Was würde passieren, wenn jemand mir sagen würde, dass er gar nicht wählen geht – oder für die AfD ist?

Mit jemandem zu diskutieren, der findet, dass Frauen zurück an den Herd gehören oder Flüchtlinge bei uns nichts zu suchen haben, das wäre eine Herausforderung.

Ich wäre am Ende sicherlich nicht seiner Meinung – aber bräuchte vielleicht dafür auch keinen Drink. Weil wir uns stattdessen die Zeit genommen haben, uns ein bisschen besser zu verstehen.


Gerechtigkeit

Warum eine Zuckersteuer gut für uns ist

Nicht alles, was Spaß macht, hat auch immer einen Sinn. Wir trinken zu viel Alkohol, obwohl wir wissen, dass es uns am nächsten Tag schlecht gehen wird. Wir kaufen Lose und gewinnen sowieso nicht. Wir böllern und verpesten die Luft. Es knallt eben so schön laut.

Mit Süßigkeiten und Cola ist das genauso. Macht kurz glücklich, ist aber nicht allzu nachhaltig. Trotzdem greifen wir jedes Mal beim Einkauf wieder zu.

Die Industrie macht uns süchtig. Der Zucker lauert überall: nicht nur in Snacks und Softdrinks, auch in Soßen, in Suppen, in den Massen an Fertigprodukten.