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Wenn der Wind am Fenster rüttelt, dann ist es wohl nirgends so schön wie im Bett. Mit Wärmflasche im Rücken und Apfel-Zimt-Tee auf dem Nachttisch. Und mit einem guten Buch, das seinen Leser in eine andere Welt entführt, aufregender und spannender als jeder Herbststurm.

Für herbstliche Abende und all die Wochenenden, an denen es schon nachmittags dunkel wird, empfehlen wir hier aktuelle Bücher, die wir beim Lesen kaum aus der Hand legen konnten. Wenn du was Gutes lesen willst – lass dich inspirieren!

Jennifer Haigh – Licht und Glut

Bakerton im ländlichen Pennsylvania ging es schon besser. Die einst blühende Region ist durch den Niedergang von Kohle und Stahl schwer gezeichnet. Ist es da Glück oder Pech, dass ein Energiekonzern den verarmten Landbesitzern plötzlich das große Geld verspricht? 

(Bild: Droemer)

Mit dem Erdgas gerät die eingeschworene Gemeinschaft durcheinander: Gier, Hysterie, Neid, all das lässt die Menschen in Bakerton auf ganz unterschiedliche Weise aneinander geraten. 

Haigh zeichnet mit viel Liebe zum Detail ein Bild der modernen amerikanischen Gesellschaft. Sie bildet das Ringen ihrer Protagonisten auf nahezu unaushaltbare Weise ab – doch wer sich mit ihnen durch die Krisen gekämpft hat, die das Erdgas mit sich gebracht hat, der fühlt sich nach dem Leben wie ein anderer Mensch.

Wie weit gehe ich für Geld? Wie kalt kann ich sein – kann ich Vertrauen brechen und meine moralischen Werte, ganz ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? 

Wenn Haigh fertig ist, steht der Leser am Anfang. Wie würde er all die Fragen, die das Buch eindringlich diskutiert, für sich selbst beantworten?

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Kamila Shamsie – Home Fire

Nach dem Tod ihrer Mutter hat Isma die Zwillinge Anneka und Parvaiz großgezogen. Die drei Geschwister leben in London, sind aber pakistanischer Herkunft. Ihren Vater kannten sie kaum.

Er starb als Dschihadist in Afghanistan. Sein Name verfolgt sie auch im Westen – und lockt Parvaiz auf Abwege. Anneka verliebt sich derweil in den Sohn des britischen Innenministers. 

In "Home Fire" erzählt die pakistanische Autorin Kamila Shamsie die berühmte Geschichte von Sophokles "Antigone" vor moderner Kulisse nach. 

Gefühlvoll und literarisch nähert sie sich der Identitätssuche muslimischer Einwanderer im islamophoben Westen und portraitiert die unterschiedlichen Wege, die jeder einzelne dabei gehen kann. Dafür wechselt die Autorin immer wieder die Perspektive, hangelt sich entlang des Innenlebens aller Protagonisten. Am Ende bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als jeden von ihnen zu verstehen

Max & Jakob – Beste Freundinnen

"Beste Freundinnen" ist eigentlich ein Podcast. Die Berliner Max und Jakob sprechen darin alle zwei Wochen über Liebe, Sex und Beziehungsfragen.

(Bild: Bastei Lübbe)

Eine Literaturagentin ist Fan, sie fragt die beiden, ob sie ein Buch schreiben wollen. "Beste Freundinnen" auf Papier ist geboren.

Das Buch ist ein Sammelsurium aus Gesprächsthemen wie Pornos in der Beziehung oder emotionaler Abhängigkeit. Wer den Podcast kennt, bekommt die oft genannte flache Tiefgründigkeit im Buchformat.

Max und Jakob sprechen, wie ihnen der Schnabel wächst: Begriffe wie Titten, Arsch und Blasen gehören zum gängigen Vokabular im Podcast – das ist auch im Buch so. Zwischendrin lockern Listen wie "11 Gründe, warum Männer keine Lust auf Sex haben" den protokollartigen Aufbau auf.

Doch das Buch ist vor allem lesenswert, weil die Autoren schonungslos ehrlich sind: Wenn Max bei der Frage ausweicht, was er von einer Beziehung erwartet, hakt Jakob nach. Wenn Jakob sich eingesteht, dass er so viel unverbindlichen Sex hatte, dass seine Seele über dem Gartenzaun hängt, lässt er Max und die Leser daran teilnehmen.  

So ist das Buch unterhaltsam, aber tiefgründig genug, es nicht als leichte Lektüre abzutun. Max und Jakob schaffen es, das Verhältnis zwischen Mann und Frau erfrischend anders zu betrachten – und es ist amüsant, ihren Seelenstriptease nachzulesen.

Julian Barnes – Der Lärm der Zeit

Dieses Buch – weithin als Barnes' Meisterwerk gefeiert – kann an einem vorbeiziehen, ohne dass man es merkt. 

(Bild: KiWi)

Vor allem wenn man nicht weiß, dass Shostakovich, der in dem Roman den Protagonisten mimt, ein ganz und gar echter und historisch verbriefter russischer Komponist ist beziehungsweise war. 

Aber selbst wenn man das auf dem Schirm hat, ändert das nicht viel daran, dass der Plot eher plätschert – der Roman ist nicht gerade reich an spannungsgeladenen Höhepunkten.

Mehr noch – er akzeptiert die Annehmlichkeiten, die sein Erfolg ihm erlaubt und wird schließlich selbst zum Teil der Maschinerie, die ihn sein Leben lang unterdrückte. Das Leben zieht an ihm vorbei wie das Buch am Leser – und mit ihm jede Chance auf ein großes Statement, einen revolutionären Akt.

Im englischen Original heißt es: "Under the pressure of Power, the self cracks and splits." In diesem großartigen Roman kann man einem großen Künstler des letzten Jahrhunderts beim Zerbrechen zusehen. Und das macht großen Spaß.

Hanya Yanagihara – Ein wenig Leben

Als das Buch Anfang 2017 erschien, war klar, dass da nichts Besseres mehr nachkommt. 

(Bild: Hanser Berlin)

Und wer diesen großartigen Berg Seiten immer noch nicht gelesen hat, der hat ganz ehrlich sein Jahr verschwendet. Holt das lieber ganz schnell nach!

Der Roman handelt von der Freundschaft vierer Männer, von denen einer – der brillante Jude St. Francis – mit den körperlichen und seelischen Folgen seiner schrecklichen Kindheit zu kämpfen hat.

Detaillierte und teils schwer erträgliche Beschreibungen dieser Vergangenheit wechseln sich mit Szenen von großer Schönheit ab, in denen echte Freundschaft als etwas erscheint, das alles überwinden kann. Licht und Schatten folgen in diesem Roman so schnell aufeinander, dass die Augen nie ganz trocknen können. 

Gabriel Tallent – My Absolute Darling 
(Triggerwarnung: M**sbrauch)

Die 14-jährige Turtle Alveston lebt mit ihrem Vater in einer einsamen Hütte in Kalifornien.

Der Vater trinkt, liest philosophische Schinken, wartet geduldig auf das Ende der Zivilisation – und wenn ihm danach ist, legt er sich nachts zu seiner Tochter ins Bett. 

Alles ziemlich normal für Turtle, die nahezu isoliert von anderen Menschen aufwächst. Bis sie eines Tages einen Jungen aus dem Dorf kennenlernt und so eine Entwicklung ins Rollen bringt, die nur mit einem gewaltigen Knall enden kann. 

Wer bei "Ein wenig Leben" geweint hat, wird auch hier nicht ohne feuchte Augen durchkommen. Aber so unendlich traurig die Geschichte ist, so lohnend ist es, in die Tiefen einer so fremdartigen Seele hinabzusteigen, und so ein Genuss ist es auch, die wilde Natur Nord-Kaliforniens durch Turtles Augen zu erkunden.

Den Roman gibt es im Moment nur auf Englisch, aber die Mühe lohnt sich allemal.

Die Osage-Indianer wurden von europäischen Siedlern einst auf ein wüstes Reservat verbannt. Als dort jedoch Öl gefunden wird, zählen die Osage plötzlich zu den reichsten Bewohnern Amerikas – und ziehen damit den Neid ihrer Mitmenschen auf sich.

Den traurigen Höhepunkt der entstehenden Spannungen bildet eine spektakuläre Mordserie, der Dutzende Menschen zum Opfer fallen und die den Detektiven des gerade gegründeten FBIs viele Rätsel aufgibt. 

Wer "True Crime" mag, wird dieses Buch lieben. Aber "Das Verbrechen" ist mehr als eine spannende Mordgeschichte. Man lernt nebenbei eine Menge über das Schicksal der amerikanischen Ureinwohner, die Wurzeln des FBI und die Art und Weise, wie Rassismus vorgeblich objektive Ermittlungen beeinflussen kann. Spannend, lehrreich und vernichtend.


Fühlen

Diese Frau spricht auf YouTube über ihre Fehlgeburt – um anderen Mut zu machen

Etwa 15 Prozent aller klinischen Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt. Von einer klinischen Schwangerschaft spricht man, sobald die Schwangerschaft im Ultraschall erkennbar ist, also etwa ab der 5. bis 6. Woche. In den Wochen davor ist das Risiko einer Fehlgeburt noch höher – die Medizin geht von bis zu 50 Prozent aus. (Uniklinik Bonn)

Doch obwohl eine Fehlgeburt damit eine Erfahrung ist, die viele Frauen machen, ist es gleichzeitig eine, die zumeist im Verborgenen passiert. 

Viele Frauen halten sich an die Regel, anderen Menschen erst nach der zwölften Woche von der Schwangerschaft zu erzählen, also nach der sogenannten kritischen Phase. Kommt es in dieser Zeit zu einer Fehlgeburt, erzählen viele davon dann ebenfalls nichts. Sie behalten ihre Trauer für sich.