Jeder sollte einen Abend mit Max Frischs Fragebogen verbringen. Obwohl die Gedanken darin fast 50 Jahre alt sind. Obwohl man daran an sich zweifelt. Obwohl man sich über die Fragen endlos mit seinen Freunden streitet. Oder gerade deshalb.

Studenten sind ein komisches Volk. Sie verbringen ihre Freizeit mit den merkwürdigsten Tätigkeiten. So auch mein Freundeskreis: Eine Zeit lang stellten wir uns abends gegenseitig Fragen aus Max Frischs Fragebogen. Es entstanden interessante Gedankenexperimente, peinliche Stille, Streit, Tränen und Gelächter. Es war großartig.

“Wie alt möchten Sie werden?”
Der Autor Max Frisch (1911-1991)(Bild: flickr.com / ustinof z.)
Das Buch “Fragebogen” besteht aus elf Fragekomplexen, die sich jeweils um ein anderes Thema drehen. Auf 90 Seiten stellt Frisch rund 25 Fragen pro Thema. Es geht um die Ehe, Frauen, Hoffnung, Humor, Geld, Vatersein, Heimat, Eigentum, Tod und die Erhaltung des Menschengeschlechts. Wenn man den Fragebogen mit anderen gemeinsam liest, dann geht es vor allem um eines: um Freundschaft.
“Wenn Sie jemand in einer unheilbaren Krankheit wissen: Machen Sie ihm dann Hoffnungen, die Sie als Trug erkennen?”
Die Fragen sind aus den Tagebüchern des Autors Max Frisch entnommen und entstammen einer anderen Zeit (1966 bis 1971). Das merkt man schon an den Titeln der Fragebögen: Es ist von “Vatersein” die Rede, nicht vom Elternsein. Max Frisch richtet sich eindeutig an Männer. Frauen sind ein unterlegenes Geschlecht, haben mit Büchern ja ohnehin nichts am Hut, und schon gar nicht mit philosophischen Gedankengängen.
“Glauben Sie an die Biologie, d.h. dass das derzeitige Verhältnis zwischen Mann und Frau unabänderlich ist, oder halten Sie es beispielsweise für ein Resultat der jahrtausendelangen Geschichte, dass die Frauen für ihre Denkweise keine eigene Grammatik haben, sondern auf männliche Sprachregelungen angewiesen sind und infolgedessen unterlegen?”

Tipp: Den Sexismus einfach ignorieren. Wem das zu anstrengend ist, der spart sich diese Lektüre besser. Für alle anderen bieten die Fragebögen die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen, wie man sich noch nicht kannte – und, wenn man möchte, auch seine Freunde. Frisch stellt Fragen, die man sonst einfach nicht stellen würde. Die Fragen sind suggestiv, provokativ, zynisch – und teilweise kaum zu beantworten.

"Lieben Sie jemand? Und woraus schließen Sie das?"

Wer den Fragebogen in Gesellschaft beantwortet, der riskiert, sich ordentlich zu streiten. Schließlich antwortet nicht jeder gleich. Damit muss man leben können. In meinem Freundeskreis hat das nicht immer geklappt. Der Autor wollte wissen: "Wieviel Aufrichtigkeit von einem Freund ertragen Sie in Gesellschaft oder schriftlich oder unter vier Augen?" Wir fetzten uns. Aber obwohl Tränen gerollt und böse Worte geflogen sind: Keine meiner Freundschaften ist am Fragebogen zerbrochen.

Fazit

Wer sich selbst und seine Freunde richtig kennenlernen (und ein bisschen streiten) will, der liest dieses Buch. Und redet darüber.

Ein von @frau_zapperlott gepostetes Foto am

"Fragebogen" – Max Frisch

Das Buch "Fragebogen" von Max Frisch (1998) ist ein Suhrkamp Taschenbuch und kostet 5,99 Euro. Hier bei Amazon. (Wer das Buch über den Link kauft, unterstützt damit bento. Danke!)