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Große Brüste gelten als DAS Symbol für Weiblichkeit. Seit meinem 16. Lebensjahr wollte ich allerdings nichts mehr, als meine 80 DD-großen Brüste zu schrumpfen – und zwei Jahre später habe ich mir diesen Wunsch mit einer Brustverkleinerung auch erfüllt.

Lange war es mir peinlich, über die Operation zu sprechen. Niemand sollte wissen, dass und vor allem warum ich mich in so jungem Alter unters Messer gelegt hatte. Dabei geht es unglaublich vielen Frauen wie mir. 

Brustverkleinerungen sind eine der häufigsten Schönheitsoperationen.

Im Jahr 2017 ließen sich laut International Survey on Aesthetic Procedures (ISAPS) etwa 16.000 Frauen in Deutschland die Brüste verkleinern, damit ist der Eingriff unter den Top Ten der häufigsten Schönheitsoperationen – wobei man dabei von einer reinen Schönheitsoperation wohl kaum reden kann.

Zu Beginn meiner Pubertät war ich zwar noch stolz darauf, dass meine Oberweite größer war als die aller meiner Freundinnen. Ich bemerkte aber schon bald, wie sie mich zunehmend in meinem Alltag einschränkte. Hatte ich mich früher im Sportunterricht noch stark engagiert, fielen mir die Sportübungen immer schwerer. Ich schämte mich plötzlich für meinen Körper. Wenn ich nur an die Blicke der anderen, vor allem der Jungs, dachte, hätte ich mich am liebsten jedes Mal krank gemeldet. Das tat ich zum ersten Mal, als ich am Abend vor der Sportstunde bemerkte, dass mir mein Sport-BH nicht mehr passte. Ohne ihn Turnübungen machen oder Fußball spielen? Unmöglich.

Auch meine Garderobe machte in der Zeit einen starken Wandel durch. 

Ich war es leid, dass mir Männer auf der Straße auf die Brüste starrten und mir ab und zu Sprüche hinterherriefen, die ich am liebsten sofort vergessen wollte. 

Deshalb tauschte ich enge Sweatshirts gegen Oversize Pullover – mein Sport-BH begleitete mich jetzt auch im Alltag. In den Sommerferien traute ich mich kaum noch, im Bikini ins Meer zu springen – der Weg über den Strand war für mich unerträglich. 

Als ich mir einmal gemeinsam mit meiner Mutter im Bikini ein Eis kaufen wollte, rief mir ein alter Mann etwas hinterher. Ich hatte nicht verstanden, was er gesagt hatte, aber meine Mutter lief ihm nach und schrie ihn an. Ich wusste deshalb, dass es etwas Schlimmes gewesen sein musste, wollte aber nicht, dass sie es mir erzählte. Diese Situation ließ mich noch Wochen später nicht los.

Je mehr meine Brüste weiter wuchsen, desto mehr schmerzte auch mein Rücken. Ich gewöhnte mir eine ungesunde, nach vorn gebeugte Haltung an – nicht nur um meine Oberweite etwas zu verstecken, sondern auch wegen ihres Gewichts. Aus demselben Grund begannen auch irgendwann die Träger meiner BHs in meine Haut einzuschneiden.

Als es im Alter von 16 für mich immer unerträglicher wurde, suchte ich im Internet nach Lösungen für mein Doppel-D-Problem und fand: die Brustverkleinerung.

Die Reaktion meiner Mutter darauf, dass sich ihre Teenager-Tochter operieren lassen möchte, hatte ich mir nicht gerade positiv vorgestellt. Tatsächlich lautete ihre Antwort aber in etwa: Wenn du das wirklich willst, unterstütze ich dich dabei. 

Von meiner Hausärztin, die mich in meinem Vorhaben unterstützte, ging ich zum Orthopäden, der mir Krankengymnastik verschrieb, und schließlich zu meiner Frauenärztin.

Da mir die beiden Ärzte zuvor sehr zu der Operation geraten hatten, war ich positiv gestimmt.

Aber meine Frauenärztin hatte eine andere Meinung. 

"Sie wissen schon, dass dadurch wahrscheinlich Ihre Fähigkeit, Kinder zu stillen, wegfällt? Warten Sie damit bis nach Ende Ihrer Familienplanung." In diesem Moment fiel für mich eine Welt in sich zusammen. Ich hatte mich so sehr auf mein Leben nach der Operation gefreut – und das rückte jetzt 30 Jahre nach hinten.

Zufällig hatte meine Mutter am gleichen Tag einen Termin bei einem anderen Frauenarzt und nahm mich dahin mit, um eine zweite Meinung einzuholen. Er sagte, dass es nur in sehr seltenen Fällen dazu kam, dass eine an der Brust operierte Frau überhaupt nicht mehr stillen konnte.

Dies bestätigt auf Nachfrage auch Torsten Kantelhardt, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie.

"Mütter müssen in vielen Fällen zwar zufüttern, die Stillfähigkeit bleibt aber in den allermeisten Fällen zumindest teilweise erhalten", so Kantelhardt. 

In meinem Fall übernahm die Krankenkasse die vollen Kosten, auch, weil die verschriebene Krankengymnastik nicht gegen meine Rückenschmerzen half. 

Am Morgen nach der Operation erblickte ich zum ersten Mal die Person im Spiegel, die ich mir so lange vorgestellt hatte. 

Noch heute habe ich Tränen in den Augen, wenn ich an diesen Glücksmoment zurückdenke. Endlich frei von der Last, um die mich andere fälschlicherweise beneidet hatten.

Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich heute auch sagen: Sexismus hat mich auf den OP-Tisch getrieben.

Denn die größte Last, die von mir fiel, war das unangenehme Verhalten vieler Männer. Mein Rücken war zwar der Grund, warum die Krankenkasse mir die Operation zahlte – was aber viel mehr schmerzte als mein Rücken, waren die Blicke und Sprüche.

Hatte ich mich unters Messer gelegt, um dem Alltagssexismus zu entfliehen, der mich wegen meiner Körbchengröße noch viel härter traf als andere Mädchen und Frauen? So schlimm es auch klingen mag: Die Antwort darauf lautet wahrscheinlich ja. 

Die Rückenschmerzen und Probleme beim Sport störten mich zwar wirklich sehr. Doch hätten mich die besagten Männer auf der Straße nicht auf meinen Busen reduziert und mich als Person ernst genommen und respektiert, wäre ich womöglich nicht so schnell auf die Idee einer Operation gekommen. 

Die Feministin in mir ist manchmal wütend darüber, dass ich einen so drastischen Schnitt machen musste, um mich freier zu fühlen. Doch obwohl ich glaube, dass die Welt sich langsam ändert – dank Bewegungen wie #meetoo, dank mutiger Frauen und reflektierter Männer, bereue ich die Operation bis heute nicht.

"Ein großer Busen ist für viele Frauen mit Scham besetzt", sagt Psychologin Ada Borkenhagen. "Frauen mit extrem großem Busen werden häufig darauf reduziert und sexualisiert, da er eine starke Signalwirkung hat." Bei älteren Frauen kämen noch Erschlaffung der Haut und damit eine höhere körperliche Belastung hinzu. 

Borkenhagen hat in einer Studie das Körpergefühl von Frauen untersucht, die sich die Brust operativ verkleinern ließen. Das Ergebnis: Die Beschwerden der untersuchten Frauen gingen signifikant zurück, und Lebensqualität und positives Körpererleben steigerten sich. Und: Die Frauen waren nach der Operation nicht nur glücklicher mit der Größe ihres Busens, sondern empfanden ihren gesamten Körper als schöner. (Studie)

So erging es auch mir: Nach der Operation musste ich zur Formung des Busens noch acht Wochen eine Art medizinischen Sport-BH tragen, seitdem kann ich endlich auf diese Klamotte verzichten. 

Ich fühle mich freier, trage wieder Bikinis – und werde beim Eiskaufen nicht mehr belästigt. 

Aber ich hoffe auch, dass andere Frauen da nicht mehr durch müssen. Und dass sich das Verhältnis unserer Gesellschaft zu Brüsten so normalisiert, dass es irgendwann ganz egal ist, ob sie klein sind oder groß – außer, man bekommt Rückenschmerzen.  


Fühlen

"Man muss immer beweisen, dass man nicht irre ist" - Eine Jungfrau erzählt, welchen Vorurteilen sie begegnet

Sexualität ist ständig ein Thema in unserer Gesellschaft: Wen wir wie wo lieben, spielt in jeder zweiten Netflix-Serie, jedem dritten Werbeplakat und bei wirklich jeder WG-Party eine Rolle. Ob polyamouröser Pansexueller oder serielle Monogamistin, die Möglichkeiten sind vielfältig. Jungfräulichkeit wirkt da im Vergleich für viele sonderbar: Warum hat jemand keinen Sex, auch wenn es gesellschaftlich nicht mehr verpönt ist? Sind Jungfrauen verklemmt? Oder steckt etwas anderes dahinter? Solche Fragen kennt Vera*, 24, nur zu gut.  

Sie ist Jungfrau und hat uns erzählt, mit welchen Vorurteilen sie konfrontiert wird, wie sie damit umgeht - und warum sie sich mehr Offenheit mit dem Thema wünscht.

"Wenn ich mit anderen über Beziehungen rede, kommt früher oder später der Moment, in dem ich sage: Ich hatte noch nie eine Beziehung – und auch noch keinen Sex. 

Oft ist mein Gegenüber dann überrascht und will wissen, warum ich noch Jungfrau bin. Dabei frage ich ja auch nicht 'Warum hast du Sex?' 

Die Leute versuchen zwar meist, Verständnis aufzubringen, aber ich habe trotzdem oft das Gefühl, dass ich sie wieder in eine Komfortzone zurückbringen muss, indem ich mich erkläre. Ich muss dann einordnen, wieso ich noch Jungfrau bin und bezeugen, dass es mir gut geht damit. Denn zu ihrem Bild von einer normalen Person in unserem Alter gehört, dass man Sex hat. Und dass, wenn jemand noch keinen Sex hatte, mit der Person eben irgendetwas nicht normal ist. 

In den Medien ist es genau so. Dort werden oft nur Bilder von Beziehungen und Sexualität gezeigt, die mit meinen eigenen Erfahrungen nicht übereinstimmen: leicht bekleidete Frauen, die in vermeintlich verführerischen Posen mir auf riesigen Plakaten entgegen springen. Selbst in der Bravo geht es schon gut ab. Und das lesen 12-, 13-, 14-Jährige. Das passt wenig in mein Frauenbild und in mein Selbstverständnis. 

In den Medien wird Jungfräulichkeit auch immer als Gegenteil von Sexualität dargestellt: