Einige Frauen wünschen sich größere Brüste – doch eine OP macht nicht unbedingt glücklicher.

Der Blick in den Spiegel macht Lisa Herkner, 23, immer wieder traurig. Ihre Brüste sind zu groß für ihren Körper, findet sie. Irgendwann entscheidet sie: Nur eine Operation kann helfen. 

Also lässt sich Lisa ihre Silikon-Implantate entfernen.

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Ich glaube ihr seht, dass ich selbst beim schießen des linkes Fotos etwas schmunzeln musste 😅 Ich hatte eine Umfrage gestartet zum Thema Implantat-Entfernung und es waren doch viele interessiert, deshalb fasse ich nochmal kurz zusammen warum ich mich für die Entfernung im Oktober 2018 entschieden habe. Ich habe mir im Jahr 2014 mit 18 Jahren Implantate einsetzten lassen...warum? Ja das weiß ich selbst nicht so genau. Es hatten ja alle irgend wie also wollte ich es auch. Ich wollte zu diesem Idealbild gehören, möglichst perfekt sein. Heute denke ich mir, du warst einfach nur blöd...sich einem operativen Eingriff zu unterziehen weil es ja schließlich irgend wie alle machen. Ich hatte eine wunderschöne Brust vor der Operation. Jedoch kann ich das denken vieler verstehen, wenn sie eine kleine oder vielleicht gar keine Brust haben, dass man sich für so eine Operation entscheidet. Finde ich auch alles nicht schlimm und ich bin absolut kein Gegner, jedoch finde ich es nicht gut, wenn man das ganze auf Instagram verherrlicht wird. Die Schmerzen sind ja schließlich nicht so schlimm, man kann ganz schnell wieder Sport machen und der Körper verkraftet das total gut. PUSTEKUCHEN! Ich kann nur meine Erfahrungen teilen und ich hatte tagelang unheimliche Schmerzen nachdem die Implantate unter dem Muskel eingesetzt wurden. Ich habe mich richtig gequält, vielleicht bin ich auch einfach nur empfindlich aber ein Zuckerschlecken ist es definitiv nicht. Lange Rede...ich war zu Beginn natürlich happy jedoch merkte ich immer mehr, dass ein D Körbchen überhaupt nicht zu meinem zierlichen Körper passte. Ich bekam Rückenschmerzen durch die zusätzliche Belastung, hatte permanent ein Fremdkörpergefühl bis ich es nach 2,5 Jahren gar nicht mehr ausgehalten habe. Ich konnte durch diesen enormen Druck nicht mehr auf dem Bauch schlafen, obwohl ich es so liebe. Ich hatte permanent Schmerzen, sie waren zwar auszuhalten aber sie waren da. Hinzu kam, dass ich je länger die Implantate in meinem Körper waren, immer mehr anfing abzubauen. Ich sah irgend wie krank aus. Hatte Augenringe, Haarausfall, ich war nicht mehr ich selbst. Mein Körper wehrte sich einfach gegen diesen Fremdköper. ⬇️⬇️⬇️⬇️

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Lisa war früh schwanger geworden, mit 16 bekam sie eine Tochter. Nach der Geburt schrumpften ihre Brüste von einem C- auf ein A-Körbchen. Für Lisa passten sie nicht mehr zum Rest ihres wieder trainierten Körpers. Bei Instagram sah sie derweil täglich eine vermeintlich vollkommene Scheinwelt: Influencerinnen mit perfekten Körpern, perfekten Brüsten. Lisa wollte das auch. 

Mit 18 ließ sie sich deshalb Brustimplantate einsetzen. Mit Folgen.

Sie wollte zurück zu ihrem C-Körbchen, so war es mit den Ärzten abgesprochen. Im Krankenhaus wachte sie dann aber mit einer Nummer größer auf. Warum, konnte ihr bis heute keiner beantworten.

Schon da begann sich das Silikon in Lisa wie ein Fremdkörper anzufühlen. Trotzdem ging es ihr zunächst zwei Jahre lang gut mit den neuen, größeren Brüsten. Doch das D-Körbchen bei einer Größe von 1,56 Meter wurde zunehmend zu einer körperlichen Belastung. Lisa fühlte sich schlapp, Bewegung fiel ihr schwer, sie hörte auf, Sport zu machen. Auch in ihrem Job als Krankenpflegerin bekam sie Probleme, nur unter Schmerzen konnte sie sich um ihre Patienten kümmern. 

Aber nicht nur ihr Körper, auch ihre Psyche reagierte auf den Eingriff: "Ich fand das Künstliche einfach nicht mehr schön. Der Hass auf meinen Körper wurde immer stärker. Ich habe mich selber verachtet", erzählt Lisa. Sie beschäftigte sich gedanklich immer mehr mit ihrem Körper, kämpfte gegen ihn an, rutschte in eine Essstörung, nahm stark ab. Aber auch das änderte nichts an dem Gefühl, dass ihre Brüste nicht zum Rest passten – es wurde eher stärker.

Irgendwann merkte Lisa, dass sie immer den Idealvorstellungen anderer Menschen hinterhergelaufen war, versucht hatte, für Menschen in ihrem Umfeld und auf Instagram möglichst makellos auszusehen. "Ich wollte es allen recht machen, nur mir nicht. Ich wollte nur nach außen wirken," sagt sie heute. 

2018, vier Jahre nach ihrer Brustvergrößerung, sollte damit endlich Schluss sein. Lisa entschied: Die Implantate müssen raus. Ihr Freund und ihre Familie bestärkten sie in ihrer Entscheidung.

Lotta von Cramon, plastische Chirurgin aus Hamburg, hat Erfahrung mit der Entfernung von Brustimplantaten. 

Die plastische Chirurgin Lotta von Cramon aus Hamburg

Manche Patientinnen wünschten sich aufgrund veränderter Lebensumstände wieder eine kleinere Brust, erklärt die Ärztin, oder fänden die neue Brust einfach nicht mehr schön. Bei anderen gebe es wiederholte gesundheitliche Komplikationen wie eine Kapselfibrose, die zu einer Verhärtung und Verformung der Brust führen kann oder eine Unverträglichkeit der Implantate (Breast implant illness).

Der Eingriff an sich sei relativ risikoarm, sagt die Chirurgin. Es können, wie bei fast jeder Operation, Nachblutungen, Wundinfektionen und Wundheilungsstörungen auftreten. Aber: "Die Brust entspannt sich, sobald das Implantat entfernt wird, deswegen ist die Heilung eher unkompliziert", so von Cramon.

Lisa war vor ihrer zweiten Operation dennoch unruhig. Sie fürchtete sich vor den Risiken und auch davor, dass ihre Haut nach dem Eingriff schlaff herunterhängen könnte. Dass weder sie selbst noch ihr Freund sie schön finden würden.

Tatsächlich erlebt Chirurgin von Cramon immer wieder, dass Frauen mit dem Endergebnis doch unglücklich sind. Ihre Erklärung: "Eine Brust, die ein Implantat getragen hat, hängt häufig." Deshalb erwägten einige Patientinnen nach einer Entfernung eine Straffungsoperation oder Brustaufbau mit eigenem Gewebe, also Fettgewebe. Doch viele seien auch einfach erleichtert und fühlten sich nach dem Eingriff wieder wohl mit ihrem Körper.

So war es bei Lisa. Ihre Operation verlief problemlos. Der erste Blick in den Spiegel fiel ihr dieses Mal leicht: "Ich habe mich angeguckt und gedacht: 'Wow, du siehst gleich ganz anders aus.'"

Heute kann Lisa ihren "neuen alten" Körper wieder lieben und akzeptieren, auch ohne große Oberweite. 

"Ich habe mich durch die Operation um 180 Grad gedreht und bin so selbstbewusst wie noch nie in meinem Leben", sagt sie.

Auch wenn sie Schönheits-Operationen an sich nicht verurteilt, kann sie sich für sich selbst keinen Eingriff mehr vorstellen. Lisa möchte lieber natürlich bleiben. Und auch das kommt bei Instagram gut an: Dort hat sie mittlerweile fast 70.000 Follower, von denen viele sie auf ihrem Weg zurück zu ihrem alten Körper bestärkten und begleiteten. Die Plattform, die sie erst zu den Selbstzweifeln und der Operation getrieben hatte, wurde so zu einer großen Stütze. 

Doch aller Body Positivity zum Trotz: Chirurgin von Cramon zufolge kommt es eher selten vor, dass sich Frauen ihre Brustimplantate wieder komplett entfernen lassen, wie Lisa es getan hat. Einen generellen Trend zu mehr Natürlichkeit im BH kann von Cramon in ihrer Hamburger Praxis nicht beobachten. Manche Frauen wünschten sich natürliche Brüste, andere eine übergroße Oberweite. "Es gibt einfach unterschiedliches Klientel."


Gerechtigkeit

Kevin Kühnert über Toastfabriken und den SPD-Vorsitz: "Unterm Strich habe ich es mir nicht zugetraut"
Wo ist er radikal – und wann politisch-pragmatisch?

Kevin Kühnert ist innerhalb von zwei Jahren zum wichtigsten Jungpolitiker Deutschlands geworden. Alle paar Wochen löste er mit provokanten Ideen Debatten aus: GroKo auflösen, BMW kollektivieren, "Miethaie" enteignen. Dass er jetzt trotz großer Worte den Vorsitz nicht übernehmen wollte, kommentierten seine Gegner hämisch – seine Fans waren enttäuscht.

bento hat mit Kevin Kühnert über Radikalität, Kompromisse, Work-Life-Balance – und seine politischen Zukunftspläne gesprochen.

bento trifft Kevin in der Juso-Zentrale, in einem Seitenflur des Willy-Brandt-Hauses in Berlin. An den Wänden kleben Poster, junge Menschen wuseln durch den Gang, jemand schiebt ein Flipchart vor sich her. 

Während des Gesprächs in einem Konferenzraum antwortet Kühnert zurückhaltend und diplomatisch. Lieber eine Politikerfloskel mehr, eine steile These weniger.