Unsere Autorin schreibt einen Brief an Uropa Max, der den Holocaust überlebt hat.

Lieber Uropa Max!

Du bist jetzt seit gut 60 Jahren tot. Ich kenne dich nur aus den Erzählungen und den aufbewahrten Briefen, die du an deinen Sohn, meinen Opa, nach dem Krieg geschrieben hast. Ein Krieg, den du als Jude mitten in Berlin überlebt hast. Wie du das genau gemacht hast, weiß heute keiner mehr. Du hast dich im Keller versteckt, sagt Oma. Oder du bist für ein paar Tage im Grunewald verschwunden. Dein bester Freund war Mitglied bei der SS und hat dich vor Razzien gewarnt, damit du abhauen konntest. Er war dein Retter.

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Trotzdem war es Harakiri, diese Zeit. Ständig hast du Angst haben müssen, dass sie doch noch kommen und dich holen. Womit hast du die endlosen Stunden im Kartoffelkeller verbracht? Heimlich BBC hören? Hast du versucht, in den Zeitungen ein Zeichen für ein baldiges Ende deines Martyriums zu finden? Du wirst viel nachgedacht haben. Über Hitler und seinen Wahnsinn. Über die Menschen um dich herum, die irgendwie versucht haben wegzuschauen, weiterzumachen, zu überleben. Deren Blicke an dir vorbeigingen statt deine Augen zu treffen, als wärst du ein Geist.

Ich denke viel an dich in den vergangenen Wochen. Wenn Bekannte laut überlegen, ob sie AfD wählen wollen – und es dann tatsächlich tun, so wie in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. Wenn selbst Menschen, die ich eigentlich schätze, mit Begriffen wie "Obergrenze" und "Einreisestopp" um sich werfen. Wenn ein YouTube-Video auftaucht, in denen Polizisten verängstigte Flüchtlingskinder gängeln. Wenn eine Push-Mitteilung mich darüber informiert, dass Menschen die Feuerwehr daran hindern, ein brennendes Flüchtlingsheim zu löschen. Oder wenn eine Politikerin über Schießbefehle an deutschen Grenzen spricht. Dann denke ich an dich, Uropa Max.

Wann war der Horror nicht mehr ignorierbar?

Wie hat es damals angefangen? Wann hast du aufgehört, mit Menschen über Politik zu sprechen, um einen Streit zu vermeiden? Wann kam der Punkt, an dem du dir sicher warst, dass etwas in deinem Land sehr sehr schief läuft? Dass Menschen sich plötzlich irrational wütend und hasserfüllt gegen andere wenden. Dass sie sich in Mobs zusammenrotten, Leute bedrohen und einschüchtern. Wann kam der Punkt, an dem jeder, der nicht für dich war, automatisch zum Gegner wurde? Wann war der Horror nicht mehr ignorierbar?

Ich frage mich, was du wohl sagen würdest, wenn du miterleben würdest, was gerade in Deutschland passiert. Wie du auf brennende Flüchtlingsheime reagieren würdest. Und auf grölende Menschen mit Hass in den Augen. Wir hatten das schon mal, in den Neunzigerjahren. Hoyerswerda, Flüchtlingsunterkünfte standen in Flammen und hasserfüllte Parolen hingen wie Giftgas in der Luft. Damals renkte sich irgendwie und irgendwann alles wieder ein. Tut es das auch jetzt?

Von einem Holocaust sind wir natürlich meilenweit entfernt. Etwas so unmenschlich Widerwärtiges – daraus muss man ja gelernt haben! Wir sind jetzt ein anderes Deutschland. Eins mit Gewaltenteilung und Döner. Wir haben eine unabhängige Presse und die Würde des Menschen ist im Grundgesetz verankert. Nur beginnt eben jeder Großbrand mit einem einzigen kleinen Funken und ich sehe gerade genügend Menschen mit Streichholzschachteln in der Hand. Würdest du sie auch sehen? Könntest du die mögliche Katastrophe, deren Beginn sich gerade abzeichnet, sicherer erahnen als wir?

Ich denke häufig an dich. Jedes Mal, wenn ich wieder mit einem Menschen an einer Weggabelung stehe und er nach rechts geht und ich nach links. Wenn Sätze mit "Ich bin wirklich kein Rassist, aber..." anfangen. Ich habe Angst. Jeden Tag muss ich mich ermahnen, nicht zu resignieren. Konfrontationen nicht aus dem Weg zu gehen. Aufzustehen und laut Dinge zu sagen, von deren Richtigkeit ich überzeugt bin. Mich immer wieder an Menschlichkeit, Toleranz und Empathie zu erinnern.

Sometimes you have to choose, between what is right and what is easy
Dumbledore

Im vierten Band von Harry Potter gibt es einen Moment, in dem Voldemort endgültig zurück ist und alles unaufhaltbar auf einen neuen Krieg und eine neue Katastrophe herausläuft. Dumbledore stellt sich vor seine Schüler und sagt: "Sometimes you have to choose, between what is right and what is easy". Ich habe das Gefühl, diesen Satz inzwischen nachvollziehen zu können.

Was würdest du tun, Uropa Max? Was werden meine Enkel mal zu der Zeit sagen, in der wir momentan leben? Und werde ich mich irgendwann für meine Antwort schämen müssen?

Deine Urenkelin Jule

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