Und warum Monopoly niemals die beste Wahl ist

Weihnachten ist die Zeit der Besinnlichkeit: Es wird viel gegessen, man nimmt alte Bekannte in den Arm und freut sich, wieder ein Jahr geschafft zu haben. Man ist, für einen kurzen Moment, mit der Welt im Reinen. Alles nur, weil vor 2000 Jahren ein kleines Kind in Nazareth geboren worden sein soll. 

An fast jedem Weihnachtsfest kommt aber der Punkt, an dem der besinnliche Frieden umschwingt:

Wenn Papa den Stapel mit den angestaubten Brettspielen rausholt. 

Aus dem Fest der Liebe wird schnell das Fest der Hiebe, wenn der kleine Bruder am laufenden Band Sechserpasche würfelt oder Oma sich diabolisch grinsend die Schlossallee unter den Nagel reißt.

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Warum gerade jetzt? 

Auch, wenn Wiederauferstehungen eigentlich das Osterthema sind, kommen Brettspiele Jahr für Jahr an Weihnachten aus der Versenkung zurück. Klar: In manchen Kreisen sind sie ganzjährig ein quasi-religiöses Hobby, der größere Teil der Bürger interessiert sich aber nur am Heiligen Abend für das alte Regelbuch.

Für den Spielwissenschaftler Jens Junge vom Institut für Ludologie in Berlin ist das kein Weihnachtswunder: "Die Spielewirtschaft lebt vom Weihnachtsgeschäft, in der dunklen Jahreszeit wird besonders viel gespielt." 

Gerade an Weihnachten, wenn unterschiedliche Familienmitglieder nach langer Zeit wieder aufeinandertreffen, seien Spiele ein gutes soziales Schmiermittel, um ins Gespräch zu kommen und betretenen Smalltalk zu umschiffen.

Wer spricht denn da?

Professor Jens Junge ist Direktor des Instituts für Ludologie (ludus = "Spiel" auf Latein) an der SRH Hochschule für Kommunikation und Design in Berlin. Aktuell forscht er dazu, wie Spiele als Management-Werkzeug in Unternehmen eingesetzt werden können. 

Er betreut zudem die österreichische "Sammlung de Cassan" von 30.000 Brettspielen, die im gerade entstehenden Internationalen Spielemuseum in Altenburg ausgestellt werden soll. 

Was muss man beim Krippen-Spiel beachten? 

Die Wahl des richtigen Spiels für die richtige Gruppenzusammensetzung. Junge warnt zum Beispiel: "Monopoly ist von der Spielmechanik her grottenschlecht: Man hat sehr schnell eine ungerechte Eigentumsverteilung und nach zehn Minuten ist oft schon klar, wer später gewinnt. Nur einer kann sich freuen, während die anderen leiden, bis sie hochverschuldet kapitulieren. Das macht keine Freude." Besser seien für bunte Familiengruppen kooperative oder kommunikative Spiele wie Tabu, Activity oder das aktuelle Spiel des Jahres, Just One. 

Für wen ist das nichts? 

Einige Typen müssten allerdings um jeden Preis gewinnen, warnt Professor Junge: 

„Menschen mit Killerinstinkt hassen kooperative Spiele. Die brauchen Wettbewerb.“

Besser seien für solche Typen die klassischen Strategiespiele Go und Schach oder auch Risiko.

Was der Spieleexperte schade findet: Viele Menschen kennen die Vielfalt der Spielewelt gar nicht und landen immer wieder bei den gleichen Spielen. "Monopoly ist wie Curry-Wurst-Pommes", sagt Junge. "Die meisten wissen, dass es nicht das Beste für sie ist. Aber bevor sie sich die Mühe machen, sich gut beraten zu lassen, nehmen sie es trotzdem wieder mit." 

Er freut sich aber, dass sich immer mehr Menschen überhaupt für Brett- und Gesellschaftsspiele interessieren. Denn neben der netten Zeit mit der Familie hätten Spiele handfesten positiven Einfluss auf den Menschen, sagt Professor Junge: 

„In den Spielen testen wir uns und entwickeln Überzeugungen, die unsere Charakterzüge beeinflussen. Wir simulieren in Spielen Realitäten und wie wir uns zu ihnen verhalten. Wir lernen Anpassung, Variation und Innovation.“

Bleibt der Trend? 

Das nächste Weihnachten kommt bestimmt. Doch auch außerhalb der Weihnachtszeit wächst die Branche, um vier bis zehn Prozent pro Jahr. "Vor allem im Ausland steigen die Verkäufe stark." German Board Games würden auch in den USA und europäischen Nachbarstaaten immer beliebter. "Das ist ein wichtiger Kulturzweig", sagt Junge. Die Siedler von Catan allein ist inzwischen mehr als 25 Millionen Mal verkauft worden – mehr, als alle Bücher von Günter Grass zusammen (Zeit).

Vor allem gut situierte Erwachsene seien die interessanteste Zielgruppe für Spielefirmen. Das Durchschnittsalter auf Spielemessen läge inzwischen bei etwa 35 Jahren. "Der Trend geht daher zu anspruchsvolleren Inhalten. Nicht jeder will immer nur Skat kloppen", sagt Junge. 

Spiele könnten sogar ein Katalysator sein, um Zusammenhänge aufzuzeigen und komplexe Probleme zu verarbeiten, von der Klimakrise bis zum Faschismus. Da kommen dann wahrscheinlich selbst Spieler mit Killerinstinkt auf ihre Kosten. 


Streaming

Warum kann ich Helene nicht einfach lieben?
Ich habe die Helene Fischer Show besucht – doch am Ende war ich einfach nur verstört.

In der U78 Richtung Düsseldorf Messe beschlagen die Scheiben. Die vielfach ein- und wieder ausgeatmete Luft trägt immer wieder eine Prosecconote zu mir hinüber. Während ich mich nach einer der Haltestangen strecke und dabei versuche, keinen der regennassen Fellkragen an den Winterjacken zu berühren, frage ich mich, was ich hier tue. Denn um mich herum stehen und sitzen Dutzende Fans einer Frau, für die ich mich bisher nicht besonders begeistern konnte: Helene Fischer. 

Heute Abend wird in einer der Düsseldorfer Messehallen die Helene Fischer Show aufgezeichnet, die seit 2011 jedes Jahr mehr als fünf Millionen Menschen vor den Fernseher zieht – und offenbar auch zehntausend Leute zu jedem der Aufzeichnungstermine. Obwohl ich das Phänomen Helene Fischer jahrelang eher belächelt habe, kann ich nicht leugnen, dass es mich auch fasziniert. Ich will wissen, warum so viele Menschen am 25. Dezember stundenlang eine kitschige ZDF-Sendung gucken, während sie im restlichen Jahr nicht besonders große Schlagerfans sind. 

Ich möchte verstehen, warum die Menschen Weihnachten mit Helene Fischer verbringen wollen.

"So Rainer, jetzt Konzentration, nicht abdrängen lassen", sagt eine Frau mittleren Alters zu ihrem Mann. Wir stehen nebeneinander in einer 20 Menschen breiten und endlos langen Schlange am Eingang zur Messe Düsseldorf. Hinter uns brummt währenddessen immer wieder empört eine deaktivierte offene Ticketschranke und lässt ein rotes Kreuz aufleuchten. Sie hat heute eigentlich keine Funktion, doch ihr Vorhandensein veranlasst die Besucherinnen und Besucher trotzdem dazu, die Barcodes ihrer teuer erkämpften Tickets unter den Leser zu halten. 

Wenn es der Vordermann tut, dann tu ich es auch, scheint hier das Motto zu sein. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, wie bezeichnend das für den restlichen Abend ist.

Ein Jahr lang konnten die Fans ihr Idol nicht mehr live sehen – bis auf einen kurzen Überraschungsauftritt beim Schlagerboom im November. Nach der Trennung von Florian Silbereisen Ende vergangenen Jahres hatte sich Helene Fischer aus der Öffentlichkeit größtenteils zurückgezogen. Keine Auftritte, nur ein einziges Interview, keine Konzerte. Entsprechend schnell waren die Karten für die Weihnachtsshow dieses Mal ausverkauft. 

Die glücklichen Ticketbesitzerinnen und -besitzer strömen nun in den Eingangsbereich, machen Fotos mit dem Showplakat und stellen sich in die längsten Schlangen, die ich vor Essensständen je gesehen habe. Neben mir trällert ein Mann fröhlich "Atemlos durch die Nacht", während zwei ältere Frauen etwas umständlich versuchen, ihre gerade erstandenen Leuchtstäbe mit "Helene"-Aufschrift anzuschalten.