Bild: dpa / Christine Gertler
Die schönste Bahn im Europa-Park ist für immer verschwunden.

Es gibt Leidenschaften, über die redet man irgendwann nicht mehr, wenn man als Erwachsener halbwegs ernstgenommen werden will. Während viele ihrer verpassten Karriere als Fußballstar nachtrauern oder bei Pferdekoppeln und Müllautos heimlich ins Träumen kommen, stehe ich seit jeher auf Achterbahnen und Fahrgeschäfte.

Bis gestern dachte ich, dass ich mit dieser Liebe ziemlich alleine bin. Doch seitdem ein Feuer am Samstag die Bootsrundfahrt "Piraten in Batavia" im Europa-Park zerstörte (SPIEGEL ONLINE), merke ich, dass ich mich offenbar getäuscht habe. Plötzlich trauern erwachsene Menschen mit Erinnerungsselfies auf Twitter, Tausende haben einen spontanen Nachruf auf Facebook geliked.

Dabei brach "Piraten in Batavia" nie Weltrekorde. Die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug laut Wikipedia 2,9 km/h. Auch in Sachen Originalität hätte die Wasserfahrt vermutlich nie einen Preis gewonnen – große Teile der Attraktion waren in Wahrheit eine dreiste Kopie von "Fluch der Karibik" aus dem Disneyland. 

Das Original steht seit 1967 in Kalifornien. Die Kopie stand in einem Dorf bei Freiburg. 

Als der deutsche Nachbau mit reichlich Verspätung in den Achtzigern eröffnet wurde, ahnte im Europa-Park vermutlich noch niemand, dass aus dem US-Vorbild eines Tages eine milliardenschwere Hollywood-Filmreihe werden sollte. 

Vielleicht war es besser so. Ich will nicht wissen, wen der SWR als deutschen Jack Sparrow gecastet hätte.

Für eine Verfilmung wäre die Bootsfahrt im niederländischen Bereich des Europa-Parks ("Batavia" war der Kolonialname der indonesischen Hauptstadt Jakarta im 17. Jahrhundert) vermutlich ohnehin keine gute Vorlage gewesen. Eine wirkliche Storyline hatte "Piraten in Batavia" nie. Doch genau das machte am Ende den Charme der Attraktion aus.

In meiner Erinnerung schwingen die hölzern animierten Piratenfiguren noch heute die Plastik-Säbel, während im Hafen von Batavia wild gefeiert und reichlich Rum verschüttet wird. Die wenigen leicht bekleideten, asiatisch aussehenden Frauen erinnerten zuverlässig daran, dass sich die Moralvorstellungen in den vergangenen 31 Jahren deutlich wandelten. 

Als Kinder sahen meine Freunde und ich solche Details natürlich anders. Bei den regelmäßigen Besuchen in den Sommerferien waren wir vor allem damit beschäftigt, links und rechts des Bootes kein Detail zu verpassen. 

Was wir sahen, gruselte und belustigte uns jahrelang.

Unvergessen war beispielsweise die Szene, in der eine Frau aus einem brennenden Haus um Hilfe rief. Ob es ein böses Omen war, dass ihr jahrelang niemand zur Hilfe kam?

Denn trotz der fehlenden Handlung, oder vielleicht gerade deshalb, war es fast unmöglich, alle Szenen der Rundfahrt zu erfassen. 

Überall geschah etwas: Nachdem das Boot im Dunklen erst einmal zwei riesige rot leuchtende Augen passierte und über einen kleinen Hügel ins Reich der Piraten stürzte, hatte man am Ende der Fahrt sogar Elefanten, Enten und Affen gesehen. 

Sieben Minuten, spannender als jeder Tag im Zoo. 

Wirklich besonders wurde "Piraten in Batavia" aber vor allem durch das, was der Attraktion fehlte. Wo Animationen und Soundeffekte versagten (oft konnte man kaum etwas hören, weil alle schrien und die Lautsprecher so schepperten), musste die Fantasie einspringen. 

  • Waren die Männer im Gefängnis die Guten oder die Bösen? 
  • Wem gehörten die roten Augen zu Beginn der Fahrt? 
  • Und warum schoss der Pirat mit der Wasserpistole eigentlich immer daneben?

Solche Fragen beschäftigten vermutlich Generationen von Kindern noch lange nach jeder Fahrt. 

In Wahrheit war die Wasserbahn, ob nun von Disney kopiert oder nicht, damit viel aufregender als jede perfekt durchgeplante Achterbahn. 

Jetzt sind die Abenteuer der "Piraten in Batavia" im Europa-Park wohl für immer zu Ende. Ich und viele andere werden sie vermissen.

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Mädchen treibt auf aufblasbarem Einhorn ins Meer hinaus
Nicht für alle nahm die Sache ein gutes Ende.

Einhörner stehen ja eigentlich für Glück, Liebe und Magie – für ein kleines Mädchen in Schottland drohte der Badeausflug mit ihrem aufblasbaren Fabelwesen aber ein Unglück zu werden. Am Ende ging dann aber doch – fast alles – gut aus. 

Die schottische Küstenwache musste am vergangenen Samstag ausrücken, um das Mädchen, das auf einem aufblasbaren Einhorn aufs offene Meer hinausgetrieben wurde, zu retten. Das berichtete die Küstenwache auf ihrer Facebook-Seite.