Bild: Felie Moucir Zernack
Heute kämpft sie für die Rechte von Kriegskindern in Bosnien

Ajna Jusićs Vater ist ein Kriegsverbrecher. Erst mit 15 erfährt sie davon. Über den Krieg denkt Ajna in ihrer Kindheit nicht viel nach, auch nicht, wer ihr Vater ist. Sie weiß es nicht, antwortet sie, wenn andere Kinder fragen.

Erst als sie die Schule wechselt, und andere Teenager beginnen, Andeutungen zu machen, begreift Ajna, dass etwas faul ist. Sie forscht nach. Irgendwann hält sie einen Schuhkarton in der Hand, in dem ihre Mutter alle wichtigen Dokumente aufbewahrt. In einer Akte liest sie schließlich, dass ihre Mutter in einem Heim für Frauen lebte, die während des Bosnienkriegs systematisch vergewaltigt wurden. Und, dass sie als erstes Baby in der Medica Zenica Assoziation, einem Zentrum für Vergewaltigungsopfer, aufgewachsen ist. Ein Kind des Krieges. 

7000 solcher Kinder gibt es, schätzt die "Forgotten Children of War Association", ein Zusammenschluss betroffener Frauen und Männer. Niemand weiß genau, wie viele Kinder aus Vergewaltigungen im Bosnienkrieg 1993 bis 1995 gezeugt worden sind. Klar ist, dass es sehr viele Übergriffe gab: "Wir sprechen von 25.000 bis 50.000 Frauen", sagt Ajna. Sie nennt sie nicht "vergewaltigte Frauen", sondern "Überlebende". Wie ihre Mutter. 

Der habe sie zu verdanken, wer sie heute ist: eine Aktivistin für die Rechte der "vergessenen Kinder". 

Es ist Vormittag in der geschäftigen Innenstadt Sarajevos. Im Krieg fielen 3700 Raketen auf die Hauptstadt Bosniens. Alle 22 Sekunden eine, erzählt Ajna, Regenbogensocken und Stracheldrahttattoo auf der Wade, während sie zu einem Café läuft. Sie fährt sich durch die kurzen, dunklen Haare, lässt sich auf einen Holzstuhl fallen. "Ich habe nur eine Stunde." 

Vor eineinhalb Jahren ist ihre Geschichte ihr Job geworden. Routiniert erzählt sie davon, so, als ginge es um das Wetter. In Wirklichkeit hat Ajna zweineinhalb Jahrzehnte gebraucht, bis sie entschied, öffentlich darüber zu sprechen: "Es ist schwierig. Aber es ist wichtig für die Kinder und die Überlebenden", sagt sie und fächert sich mit der Speisekarte Luft zu.

Ajna, heute 25, leitet die Forgotten Children of War Association. Vor zwei Jahren saßen 60 betroffene Kinder und Mütter in einem großen Saal in Sarajevo das erste Mal zusammen. Seitdem schlossen sich die "vergessenen Kinder des Krieges" in einem Netzwerk zusammen, das über bosnische Grenzen hinausgeht. Das Problem ist fast überall das gleiche: Die Rechte der Kinder des Krieges, vergessen in einem Konflikt um Ethnien. 

Das kennt sie aus eigener Erfahrung: jedes Mal, wenn sie ein Formular ausfüllen muss. Wenn der Name ihrer Mutter nicht reicht, um Sozialleistungen zu bekommen. "Eigentlich müsste ich jedes Mal erklären, dass meine Mutter vergewaltigt wurde." Vor Kurzem hat Ajna ihr Psychologie-Studium abgeschlossen. Ein Diplom aber hat sie dafür bisher nicht bekommen, weil sie in die Zeile, wo der Name ihres Vaters stehen sollte, nur drei Kreuze schrieb. Ein symbolischer Protest. 

Auch die "Überlebenden" des Krieges können in Bosnien selbst 25 Jahre nach dem Krieg kaum mit Unterstützung rechnen. 

Nur 1000 Frauen bekämen staatliche Hilfe, Geld und psychologische Betreuung, sagt Ajna. Auch die Täter wurden kaum belangt. Ajna weiß nur von sechs Gerichtsprozessen wegen Vergewaltigungen während des Krieges. Die Höchststrafe: zwei Jahre. Weil kein Verlass auf die bosnische Justiz sei, organisierten sich die Frauen und Kinder selbst. Auf der Straße und in Workshops, in Kunst und Theater und internationalen Konferenzen, erzählt Ajna. 

Dann klingelt ihr Handy. Sie klemmt es zwischen Schulter und Ohr. Sie muss weiter. Die Association organisiert gerade eine Ausstellung im Osten des Landes. 

Es ist die internationale Woche für Erinnerung in Srebrenica. Souvenirläden stehen in dem kleinen Ort im Osten Bosniens, dazwischen ein Kulturzentrum. Srebrenica könnte ein nettes Bergdorf sein, international ist es nur bekannt als Schauplatz eines Genozids. Vor fast genau 25 Jahren wurden hier 8000 Bosniaken und Bosniakinnen ermordet.

An das Ausmaß des Massakers erinnert ein Mahnmal wenige Kilometer weiter: Ein weiter Hügel voller weißer Grabsteine, dicht aneinandergereiht, es ist noch Platz für neue Gräber. Noch immer werden Tausende vermisst. Auch während des Massakers im Sommer 1995 sollen Frauen systematisch vergewaltigt worden sein. Die Kriegsverbrechen sind noch nicht aufgearbeitet. Auch deshalb möchte die Association ihre Ausstellung "Breaking Free" in den Ort nahe der serbischen Grenze bringen. 

Es dämmert schon, als die Besucher aus dem Kulturzentrum drängen. Der Gesang des Muezzins mischt sich mit Hundegebell und Grillenzirpen. Über dem Veranstaltungszentrum wehen drei Fahnen, die bosnische, kroatische und serbische, noch vor wenigen Jahren undenkbar. Seit dem Konflikt lebt nur noch ein Zehntel der früheren Bevölkerung hier. "Gruselig", sagt Ajna. 

Mit ihr ist ihre Kollegin Mirna Omerčaušević aus Sarajevo angereist, um die Fotoausstellung vorzubereiten. Auch einen runden Tisch wird es geben. Weil die Veranstaltung das erste Mal in Srebrenica stattfindet, haben sie sich auf Beleidigungen eingestellt. In Bosnien hören sie oft: Deine Mutter lügt. Sie wurde gar nicht vergewaltigt. Sie will nur Geld. Auch ein Bericht von Amnesty International kam 2017 zu dem Schluss: Bosnien und Herzigowina sei noch nicht bereit, über die Kriegsverbrechen zu sprechen. Deshalb ist auch nur eine kleine Anzahl von Personen aus dem Netzwerk bereit, öffentlich zu sprechen. "Ich habe keine Angst vor Worten, aber vor physischen Attacken", sagt Mirna. In manchen Orten finde die Ausstellung nur mit Polizeibegleitung statt.

Die Fotos derer, die sich für die Öffentlichkeit entschieden haben, liegen an diesem Abend verpackt im Eingang des Kulturzentrums. Müde reißt Ajna die Folie ab. Darunter die Porträts, die ein Fotograf von Überlebenden und Kindern gemacht hat: eine Frau, die sich hinter ihren Haaren versteckt, ein Mann, in den eigenen Armen vergraben, eine Reihe von Kindern, nur von hinten belichtet. 

"Die Fotos zeigen das Stigma", sagt Ajna. Dann hält sie ihr eigenes Porträt in der Hand. Frontal starrt sie in die Kamera. Sechs Jahre Therapie liegen hinter ihr. In der Schule damals wollte niemand über das Thema reden, Hilfe gab es keine: "Also ging ich raus und fragte Überlebende", erzählt sie. So lernte sie auch die Psychologin Amra Delić kennen. 

Die Wissenschaftlerin der Universität Greifswald beschreibt in ihrer Forschung die Konsequenzen der traumatischen Erfahrung der "vergessenen Kinder des Krieges": Kriegsgeborene aus Bosnien und Herzegowina würden häufiger Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung und Depressionen zeigen. Sie seien Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt, auch familiären Konflikten. 

Die dümmste Frage, die Ajna bei ihren öffentlichen Auftritten je gehört hat, war: "Siehst du deinem Vater ähnlich?" Ja, hat sie dann geantwortet, und ihren Stiefvater gemeint: Er habe dieselben dichten Augenbrauen. 

Nach dem Krieg habe ihre Mutter es in ihrem kleinen Heimatdorf schwer gehabt: mit 22 ein Kind, kein Partner an ihrer Seite. Aber später habe sie einen wundervollen Mann geheiratet, den Ajna "meinen Vater" nennt. Heute sei ihre Mutter glücklich, die Beziehung zu ihr gut: "Wir haben entschieden, gemeinsam damit umzugehen."

Heute zielt Ajnas Arbeit auf Orte wie das Dorf ihrer Mutter. "Du musst stark sein, in den Dörfern etwas zu ändern", sagt Ajna. "Bosnien ist das perfekte Land für den nächsten Krieg." Noch immer gebe es eine gespaltene Gesellschaft. 

Es ist spät abends in Srebrenica, die Besucher sind weg, die Bilder noch auf den Staffeleien. Müde essen Ajna und ihre Freundin Kuchen von einem Plastikteller. Bald möchten sie wiederkommen und ein Festival organisieren. Etwas Fröhliches am Ort des Schreckens, um zu zeigen, dass sie den Krieg überstanden haben. Dass es weitergeht. 


Gerechtigkeit

Sind junge Menschen schlechter für den Klimawandel als ältere?
Das wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Viele junge Menschen behaupten, sich für das Klima zu interessieren, haben aber neue Smartphones, sind gern im Flieger unterwegs und kaufen massenhaft Klamotten. Auch den Aktivistinnen und Aktivsten von "Fridays for Future" wird das Verhalten ihrer Altersgenossen immer wieder vorgehalten: Andauernder Konsum sei für die "Generation Greta" selbstverständlich. Das trüge jedoch zu einem besonders großen CO2-Fußabdruck bei, also zum Ausstoß besonders vieler klimaschädlicher Treibhausgase. 

Doch stimmt das? Sind junge Menschen die größten Klimasünder der Gesellschaft?