Bild: Arvid Uhlig
Ein Gespräch über psychische Gesundheit mit Bloggerin Dominique de Marné.

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann in Deutschland haben im Laufe eines Jahres eine psychische Störung (TUD/BPtK)*. Das bestätigt auch Psychotherapeut Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin.

Besonders verbreitet sind Depressionen: Vier Millionen Menschen leiden hierzulande daran (WHO 2017). 

Dominique de Marné, 32, gehört auch dazu. Sie hat die Borderline-Persönlichkeitsstörung. 

Häufige Symptome der Erkrankung: Unsicherheit mit der Identität, instabile Beziehungen, selbstverletzendes Verhalten und Impulsivität (Psychiatrie.de). Dominique ist außerdem depressiv und alkoholsüchtig

Sie war überzeugt davon, alles alleine schaffen zu müssen. Sie brauchte lang, bis sie verstand: Es ist okay und wichtig, Hilfe anzunehmen. Sie machte eine Therapie. Auf ihrem Blog und an Schulen spricht sie heute über ihre Erfahrungen mit psychischen Störungen und Sucht. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben. 

Wir haben mit Dominique über psychische Störungen im Job, Morgenroutinen und Antidepressiva gesprochen.

Du sagst, psychische Störungen seien normal. Wie kommst du darauf? 

Studien zeigen, dass ein Drittel aller Menschen mindestens einmal im Leben psychisch erkranken. Und wenn man nicht selbst betroffen ist, dann kennt man höchstwahrscheinlich eine Person aus der Familie oder dem Bekanntenkreis. Wenn ich über meine Borderline-Störung oder Depression spreche, dann erlebe ich in drei von vier Fällen, dass mein Gegenüber anfängt, von eigenen Erfahrungen zu berichten.  

Haben wir alle einen Knacks?

Knacks klingt mir zu negativ. Wir sind eben alle unterschiedlich – was ist denn schon normal? Experten sagen, dass jeder Mensch jede psychische Störung aus dem eigenen Erleben kennt – aber nur in ganz kleinen, homöopathischen Dosen. Jeder kennt Ängste, depressive Phasen, Ticks oder Süchte. Bei einigen sind sie nur stärker ausgeprägt als bei anderen. 

📖 "Warum normal sein gar nicht so normal ist: ... und warum reden hilft"

Das Buch von Dominique de Marné: Psychische Probleme sind noch immer ein Tabu. Doch psychisch krank zu sein, ist normaler als wir denken, sagt de Marné. Sie selbst hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, litt unter Depression und Sucht. Aus Sicht einer Betroffenen schildert sie, wie wir besser mit psychischen Erkrankungen umgehen können.

Affiliate-Link: Wenn jemand auf einen Link in diesem Kasten klickt und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Produktbesprechungen erfolgen jedoch rein redaktionell und unabhängig. Hier auf Amazon kaufen.

Und warum denken viele Betroffene trotzdem, sie müssten es alleine schaffen? 

Weil psychische Krankheiten noch immer einem Stigma unterliegen. Es wird zu wenig darüber gesprochen und deshalb gibt es Vorurteile. Wir bekommen früh beigebracht, wie wir mit körperlichen Erkrankungen umgehen – und die Psyche wird vernachlässigt. Dabei ist sie genauso wichtig. Psychische Gesundheit muss in der Erziehung und auch in der Schule zum Thema werden. Nur so bekommen Betroffene das Gefühl, offen darüber sprechen zu können.

Außerdem sollten wir aufhören, uns zu vergleichen. Das trägt meiner Meinung nach zum Problem bei – besonders beim Thema Psyche. 

Wie meinst du das?

Oft blicken wir auf andere und denken, dass es ihnen noch schlechter geht als uns selbst. Einige trauen sich deshalb nicht, zum Therapeuten zu gehen. Dabei sind psychische Belastungen kein Wettstreit. Die einzig relevante Frage lautet: Wie geht es mir?

Über eine Depression kann man heute leichter sprechen. Aber Zwänge oder Psychosen?

Es ist tatsächlich so, dass manche Erkrankungen besser dastehen als andere. Burn-out: Das klingt nach harter Arbeit und Leistungsgesellschaft. Schizophrenie hingegen verschreckt viele Menschen. 

Über Depressionen wissen die meisten heute schon besser Bescheid als früher, weil in den vergangenen Jahren viel darüber informiert worden ist. Immer mehr Menschen sind sensibilisiert und wissen, was es mit der Krankheit auf sich hat. Würden wir uns mehr mit anderen psychischen Belastungen beschäftigen, würden auch sie ihre Vorurteile loswerden.

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung hat eine Borderline-Störung. Das ist quasi ganz Hamburg.
Dominique de Marné

Und wie spricht man über psychische Störungen?

Es gibt da kein Patentrezept. Vielleicht hilft es, zu überlegen, wie man eine körperliche Krankheit kommunizieren würde. Denn auch bei psychischen Belastungen ist man einfach nur krank, nur eben weniger sichtbar. 

Wenn man psychische Probleme hat, heißt das nicht, dass sie das ganze Leben beeinflussen. Nur manche Situationen sind dadurch etwas schwieriger. Mir hilft es, offen darüber zu reden.

Hast du ein Beispiel?

Ich war letztens mit meinen Freunden im Urlaub. Zu Hause habe ich eine Morgenroutine, die ich brauche, um gesund zu bleiben: Sport, Yoga und Meditation. Ich habe gesagt, dass ich diese Zeit für mich brauche. Kurz habe ich mich schlecht gefühlt, aber dann dachte ich: Hätte ich eine Krankheit, bei der ich jeden Morgen an einer Maschine hängen müsste, würde mein Umfeld das auch akzeptieren. Meine Freunde hatten letztendlich kein Problem damit.

Aber nicht alle verstehen es. 

Ich habe noch nie erlebt, dass jemand negativ auf meine psychischen Belastungen reagiert hat. Warum? Weil ich offen sage: Ich bin krank und habe es mir nicht ausgesucht. Das hilft mir, weil ich mir dann keine Vorwürfe mache. Weil ich so denke, nehmen es auch die Leute so hin. Und falls jemand verärgert reagieren sollte oder sich darüber lustig macht, dann fühlt er sich wahrscheinlich selbst ertappt.

Würdest du anderen raten, bei der Arbeit über psychische Belastungen zu sprechen? 

Auch da gibt es keine allgemeingültige Lösung. Ziel sollte es dennoch sein, bei der Arbeit offen über psychische Erkrankungen sprechen zu können. Da sind wir aber noch nicht. Ich würde zumindest versuchen, mit dem Chef oder der Chefin darüber zu reden. Wie gesagt, meist kennen sie es selbst aus dem eigenen Umfeld. Mir persönlich nimmt es den Druck, wenn Kollegen und Kolleginnen Bescheid wissen.

Für andere kann der Arbeitsplatz aber auch eine Art "Safe Space" sein. Ein Ort, an dem sie ihre Privatsphäre schützen dürfen. Dann sollte man meiner Meinung nach in anderen Lebensbereichen aber offen damit umgehen. Denn wer redet, der sortiert auch seine Gedanken. Und man stellt fest, dass die anderen einen verstehen.

Wie war das für dich?

2013 wurde bei mir Borderline festgestellt. Ich war ziemlich erleichtert. Denn die Probleme hatte ich ja schon mehr als zehn Jahre. Mit der Diagnose hörte ich endlich auf, mir selbst die Schuld zu geben. Denn immer dachte ich, ich sei einfach komisch oder schwächer als andere. Die bekamen ihr Leben schließlich auch auf die Reihe. Mit der Diagnose wusste ich dann, dass man etwas dagegen tun kann. Also begann ich mit einer Therapie.

Ich dachte immer, ich bin der Fehler – ich bin ein Schwächling.
Dominique de Marné

Das heißt nicht, dass jeder Tag super ist. Auch heute gibt es noch Phasen, in denen die Depression stärker ist. Ich gehe aber anderes damit um. In den letzten Jahren habe ich viele Techniken gelernt, mit denen ich solche Krisen überstehen kann.

Was hältst du gerade in solchen Phasen von Antidepressiva

Früher war ich dagegen. Ich wollte keine Medikamente nehmen, die meine Stimmung beeinflussen. Das Problem bei solchen "Happy-Pills" sind die Vorurteile: Viele denken, sie würden die Persönlichkeit verändern. Das stimmt nicht. Ich nehme heute welche – und bin immer noch ich. Die Pillen nehmen mir nur diese Schwere, die eine Depression mit sich bringt. 

Und ich laufe auch Marathon. Studien belegen, dass laufen ebenfalls eine antidepressive Wirkung hat. 

(Bild: Dominique de Marné)

Du warst zudem alkoholabhängig. Eigentlich untypisch für eine Frau Anfang 20 – oder nicht? 

Wir haben dieses Klischeebild eines Alkoholikers vor Augen. In Wahrheit haben aber erschreckend viele Leute ein Alkoholproblem. In der Klinik, in der ich behandelt wurde, waren nur junge alkoholsüchtige Patienten und Patientinnen. Man kann die Sucht einfach extrem gut verstecken, weil Alkohol in unserer Gesellschaft akzeptiert wird: Sektfrühstück, Feierabendbier oder der Wein zum Essen. 

Am Ende des Buches bedankst du dich bei deinen psychischen Störungen und deiner Sucht. 

Ja, ich bin inzwischen dankbar dafür. Durch die Krankheiten und die Beschäftigung damit habe ich viel über mich gelernt. 

Außerdem hat gerade Borderline auch gute Seiten: Ich bin sehr emphatisch, kreativ und enthusiastisch. Das bedeutet, ich kann mich gut in andere reinfühlen; ich habe ständig neue Ideen und mit mir wird es nie langweilig. Vor lauter Glücksgefühlen könnte ich manchmal explodieren.

*Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand: Bei jedem dritten Deutschen wird einmal im Leben ein psychisches Problem diagnostiziert. Das war falsch. Jede dritte Frau und jeder vierte Mann in Deutschland haben im Laufe eines Jahres eine psychische Störung. Der Fehler wurde korrigiert.


Streaming

Palina und Klaas haben den perfekten "Tatort für Millennials" gedreht

Jeden Sonntag zieht der Tatort massenweise TV-Zuschauerinnen und -Zuschauer vor den Fernseher. An diesem Wochenende waren es über 13 Millionen (Meedia). Doch die meisten von denen stammen eher aus der Generation Ü30 – und das ist den Tatorten anzumerken: Zu alte Schauspieler, zu klassischer Aufbau, zu vorhersehbar. Eigentlich wird es doch einmal Zeit, dass junge Leute Tatort-Kommissare werden. 

Das dachten sich offenbar auch Klaas Heufer-Umlauf und Palina Rojinski. Für Klaas' Prosieben-Show "Late Night Berlin" drehten sie deshalb den "Tatort für Millennials" – und packten in diese sieben Minuten alles, was die Generation der Millennials ausmacht.