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Tea stopft sich Hände voll mit Gummibärchen in den Mund und schluckt sie ohne zu kauen hinunter. "In dem Moment war mein Gehirn wie ausgeschaltet. Es ging nur noch um: essen, essen, essen." Erst als alles leer ist und sie sich nicht mehr bewegen kann, hat Tea das Gefühl, aufzuwachen. 

Die 21-Jährige leidet an der Binge-Eating-Disorder (BED), einer weit verbreiteten Essstörung. 

Die Tücke daran: Man sieht den Betroffenen die Krankheit nicht an. Stattdessen werden sie mit blöden Sprüchen konfrontiert, weil sie häufig starkes Übergewicht haben.

Binge ist englisch und bedeutet verschlingen. Es beschreibt, wie die Betroffenen während periodischer Essanfälle Nahrung in sich hineinstopfen. 

Wer aus Frust eine Tafel Schokolade verdrückt, leidet aber noch lange nicht an einer BED. Dafür müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein, sagt die Psychologin Ricarda Schmidt zu bento. Sie forscht seit mehreren Jahren zum Binge-Eating am Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositas Erkrankungen Leipzig. 

Erstens müssen die Essanfälle mindestens einmal pro Woche in einem Zeitraum von mindestens drei Monaten auftreten. Zweitens müsse ein Leidensdruck vorliegen. Das sei laut Ricarda Schmidt ein zentrales Kriterium, denn: 

„Menschen können auch Essanfälle haben, ohne dass es ihnen damit schlecht geht.“
Ricarda Schmidt, Diplom-Psychologin

Meistens erleiden die Betroffenen das erste Mal im späten Jugendalter oder als junge Erwachsene einen Essanfall, sagt die Psychologin. Das Bundesministerium für Gesundheit spricht von etwa einem bis drei Prozent der Bevölkerung, die von Binge-Eating betroffen sind; von 100 Übergewichtigen, die abnehmen wollen und deshalb eine Arztpraxis aufsuchen, leiden 15 bis 30 an einer BED.

Dass die Betroffenen sich nach Essanfällen übergeben müssen, sei nicht gleichzusetzen mit Bulimie, sagt Ricarda Schmidt: "Das Erbrechen wird nicht willentlich herbeigeführt. Nach einem exzessiven Essanfall kann es eine automatische körperliche Reaktion sein."

Wir haben mit drei Betroffenen gesprochen, die an Binge-Eating leiden. 

Sandra, 25 Jahre alt, fand sich nach der Arbeit mit zwei Tüten voller Lebensmittel an der Supermarkt-Kasse wieder. Sie verdrückte den gesamten Inhalt noch am selben Abend.

(Bild: Privat)

Früher habe ihr das Frustessen dabei geholfen, Traurigkeit oder Stress für einen Moment zur Seite zu schieben, erzählt Sandra bento.

„Ich habe schon immer zum Essen gegriffen, um mich kurzzeitig ein bisschen glücklich zu fühlen.“
Sandra

Schon als Kind kämpfte sie mit ihrem Gewicht: "Ich war schon immer dicker und wurde deshalb auch gemobbt." Sie hatte das Gefühl, nicht dazuzugehören und schottete sich ab. Als Sandra im Alter von 16 Jahren nach einer Kur kaum Zeit für Sport aufbringen konnte, fing sie stattdessen an, weniger zu essen. "Irgendwann hat mein Körper gesagt: Du brauchst jetzt wieder etwas, was dich richtig glücklich macht", erzählt sie. Weil ihr Arbeitstag stressig war, füllte sich der Einkaufswagen schnell. Am gleichen Abend aß sie mehrere Tafeln Schokolade, eine Tüte Chips, eine Tüte Gummibärchen und Kekse.

Die Auslöser, die Sandra beschreibt, seien für die Binge-Eating-Störung typisch, sagt Ricarda Schmidt: "Dieses Entsagen von bestimmten Lebensmitteln kann dazu führen, dass sie für die Patienten noch lohnenswerter und noch interessanter werden."

Der Stress, der Sandra belastete, sei ein situationaler Auslöser, so die Psychologin. Andere Auslöser können körperliche Zustände wie extremer Hunger sein. Auch sogenannte Life-Events wie die Trennung vom Partner können den Ausschlag für eine Essattacke geben.

Hier bekommst du Hilfe:

Essstörungen können jeden treffen. Nicht immer sind die Anzeichen eindeutig. Hausärzte und Psychotherapeuten bieten professionelle und vertrauliche Hilfe an. Auch Spezialambulanzen oder Beratungsstellen können helfen.

Unter der Rufnummer 0221/89 20 31 bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine anonyme Beratung an. Weitere Informationen und Hilfsangebote finden sich unter www.bzga-essstoerungen.de.

Tea, 21, aß so viel, dass sie sich übergeben musste. Danach lag sie mit ausgestreckten Beinen auf dem Küchenboden und konnte sich nicht mehr bewegen. 

Als sich im Alter von 20 Jahren um Tea herum die Kekspackungen stapelten, wusste sie: "Irgendetwas stimmt nicht." Tea versteckte die vollen Mülltüten vor ihrem Vater. Zum gemeinsamen Frühstück aß sie ein gesundes Müsli – um der Lust nachzugeben, ging sie später heimlich einkaufen. 

„Ich habe mir drei Gummibärchen-Tüten geholt, drei Kekspackungen, eine Kuchen-Packung, die allein schon 2000 Kalorien hatte, Brezeln und Haferflocken: Alles, was man schnell und unauffällig zubereiten kann.“
Tea

Währenddessen sie all dies in sich hineinstopfte, war ihr Kopf wie ausgeschaltet. So erzählt sie es heute. Der kurze Moment der Genugtuung durch das Essen verflog mit dem Ende der Trance: "Ich habe mich wahnsinnig schlecht und schuldig gefühlt", erzählt Tea, "ich hatte das Gefühl, meiner Familie und mir selbst gegenüber versagt zu haben."

Zu dieser Selbstkasteiung kamen körperliche Probleme: "Teilweise isst du so viel, dass du dich übergibst, und du isst trotzdem weiter", erzählt Tea. Teilweise lag sie mit allen Vieren von sich gestreckt auf dem Küchenboden, bis sie wieder in der Lage war, sich zu bewegen. Die Fressattacken überfielen sie mehrmals täglich. 

Ein Essanfall, wie ihn Tea beschreibt, geht immer einher mit einem Kontrollverlust, sagt Psychologin Ricarda. Meistens fühlen sich die Betroffenen während eines Anfalls gut: "Erst, wenn alles aufgegessen ist, kommt die Reflexion." Dann plagen die Betroffenen Schuldgefühle. Auch körperliche Reaktionen seien normal. Schließlich nehmen die Personen während eines Essanfalls innerhalb kürzester Zeit oft mehrere tausend Kalorien zu sich. 

Tanja, 34, wog durch ihre Binge-Eating-Störung 110 Kilo. Durch eine Diät reduzierte sie ihr Gewicht auf 69 Kilo. Dann kam der Rückfall. 

(Bild: Privat)

Tanja entwickelte nie ein gesundes Verhältnis zum Essen, als Kind frühstückte sie vormittags drei Mal. Damals empfand sie das als normal. Später sagte ihr ein Arzt: Sie müssen einfach weniger essen, dann passt das schon. "Aber man sagt einem Alkoholiker ja auch nicht: Du musst einfach weniger trinken", sagt Tanja zu bento.

Erst mit Mitte 20 wurde Tanja klar, dass ihr Essverhalten nicht gesund war. Sie suchte aufgrund ihres Übergewichts einen Arzt auf, ging zur Ernährungsberatung. Dort stellte man fest, dass es sich um eine Essstörung handelte. "Ich habe damals keine Therapie gemacht, weil ich dachte, ich bekomme das schon in den Griff", erzählt sie. 

Eine Zeit lang griff die Selbstkontrolle – Tanja nahm ab. "Ich dachte, ich wäre ziemlich nah dran, geheilt zu sein." Dann aber traten wieder die Trigger-Gefühle auf: Stress, Unzufriedenheit mit der Lebenssituation, Geldsorgen, Existenzängste.

„Man denkt immer als Dicker: Wenn ich irgendwann mal dünn bin, sind alle Probleme weg. Aber das stimmt nicht: Wenn man dünn ist, sind die Probleme genauso da und man ist genauso unzufrieden mit sich.“
Tanja

Sie fiel in alte Muster zurück. Ihr wurde bewusst, dass sie ihre Probleme nicht alleine in den Griff bekommt. "Es ist schwer, seine Sucht loszulassen", sagt sie. 

Ricarda Schmidt weiß um die vielen Gründe, keine Therapie aufzusuchen: Die Betroffenen haben Angst vor einer Stigmatisierung, manche wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Das Problem: Ohne Therapie besteht das Risiko eines Rückfalls, wie in Tanjas Fall. 

Wenn man nur das Essverhalten umstellt, können negative Emotionen wieder einen Essanfall auslösen – stattdessen müssen die Betroffenen lernen, sich selbst zu kontrollieren, so die Psychologin. Dies sei zum Beispiel durch eine kognitive Verhaltenstherapie möglich. Durch diese bestehe sogar die Möglichkeit einer Heilung: 50 Prozent leiden im Anschluss nicht mehr an der Binge-Eating-Disorder. "Die Betroffenen fürchten möglicherweise eine Instabilität, wenn sie die Binge-Eating-Disorder nicht mehr haben. Darum ist es so wichtig, die Patienten anderweitig zu stabilisieren."


Future

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